Die Euphorie währt nicht lange. Am Anfang aber ist sie da. Wer die Morgenausgabe des Berliner Tageblatts vom 10. November 1918 aufschlägt, kann von einem Triumph der Revolution lesen, von "ersten Freudenkundgebungen" und dem "Jubelrausch" eines Volkes, das "zur Selbständigkeit" gelangt sei. Die Französische Revolution mit ihrem Bastille-Sturm dient als Vergleich für diese neue, im Herzen Berlins angekommene "größte aller Revolutionen". So überschwänglich beschreibt der prominente liberale Journalist Theodor Wolff den Umsturz vom Vortag. Nicht nur die Wucht der Ereignisse nötigt ihm Respekt ab, sondern auch das erstaunliche Maß an Temperiertheit, Ordnung und Rücksichtnahme, das diese Revolution erst wirklich groß mache.

Das Lob gilt vor allem Friedrich Ebert, der am 9. November, nach der Ausrufung der Republik und der Abdankung Kaiser Wilhelms II., als neuer Reichskanzler das Ruder übernommen hat. Ebert wisse, wie sehr "eine Revolution, die fleckenlos dastehen will, dem besiegten Gegner mit Schonung und Menschlichkeit zu begegnen hat". Auch wenn die aufregenden Tage kein "Schauspiel für Nervenschwache" seien, glaubt Wolff an einen geordneten, friedlichen Übergang. Die Symbole des Ancien Régime seien zu entfernen, nicht zu zerschlagen: "Ein reifes, verständiges Volk schafft sie, ohne etwas zu zerbrechen, fort."

So lässt sich für den bürgerlichen Zeitdiagnostiker der gesellschaftlich-politische Fortschritt vorantreiben. Nicht durch eine Revolution im Sinne einer alles niederwalzenden Geschichtslokomotive wie in marxistischer Vorstellung, sondern entlang einer sorgfältig geplanten Strecke, mit verantwortungsvollen Weichenstellern und einem behutsamen Lokführer, der bereit ist, auch mal die Bremse zu ziehen. Auf diese Weise wollen die Anhänger liberal-bürgerlicher Politik im Verbund mit Ebert und den gemäßigten Sozialdemokraten das neue Deutschland gestalten.

Es kommt anders. Die bürgerlich-sozialdemokratische "Weimarer Koalition" zerbricht schon im Juni 1920, zu einem Zeitpunkt, als die Euphorie längst verflogen ist und niemand mehr über die Revolution jubelt. Die Parteien, die sie getragen haben, können keine Kraft mehr aus ihr saugen. Die Revolution findet keinen Eingang in den nationalen Mythenhaushalt, aus ihr wird kein positiver Erinnerungsort. Stattdessen spaltet sie Politik und Gesellschaft. Wie ist das zu erklären?

Dass es von Anfang an keinen Konsens in der Bewertung gibt, hat mit der gemischten Bilanz dieser Revolution zu tun. Ihr größter Erfolg war zweifellos der gelungene Systemwechsel von der konstitutionellen Monarchie zur parlamentarischen Demokratie: Erstmals in der deutschen Geschichte galt das Prinzip der Volkssouveränität, wurde eine demokratisch verfasste Staatsordnung etabliert. Dieser demokratiegeschichtlich außerordentliche Vorgang verleiht der Novemberrevolution historischen Rang. Auf der Habenseite stehen außerdem die Einführung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die Aufhebung der Zensur und der Gesindeordnung sowie das allgemeine Wahlrecht für Männer und erstmals auch für Frauen ab dem 20. Lebensjahr. Den politischen Umwälzungen folgten soziale Reformen: Gewerkschafts- und Industrievertreter vereinbarten den Achtstundentag und schrieben den Gedanken der Sozialpartnerschaft fest.

Eine sozialistische Umgestaltung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung indes blieb aus. Dies sorgte für Streit und Enttäuschung in Teilen der Arbeiterbewegung. Auch innerhalb der politischen Linken kam es zu heftigen Konflikten: Verfechter einer Verstetigung und Ausdehnung des Rätemodells, die in der Minderheit blieben, konkurrierten mit jenen, die – angeführt von der Sozialdemokratie unter Eberts Vorsitz – die Bildung einer demokratisch gewählten Nationalversammlung bevorzugten.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 6/2018. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Die Entscheidung für den parlamentarischen Weg auf dem Reichsrätekongress Mitte Dezember in Berlin gestaltete sich kontrovers, aber friedlich. Auch sonst blieb die Revolution in den ersten Wochen überwiegend gewaltfrei. Vor allem während der Weihnachtstage und von Januar 1919 an entflammten dann aber Straßenkämpfe. Die Gewalt resultierte aus unterschiedlichen Erwartungen an den Wandel von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, den die Revolution bringen sollte. Der Verbalradikalismus, zu dem der sozialdemokratische Vorwärts ebenso neigte wie die kommunistische Rote Fahne, beförderte die Gewalt.

Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts wurde zum blutigen Fanal. Der Einsatz von Regierungstruppen und Freikorps durch den für Wehrfragen zuständigen Volksbeauftragten und ersten Reichswehrminister Gustav Noske ließ die Mehrheitssozialdemokraten als "Arbeiterverräter" erscheinen. Ein gutes Auskommen mit den alten Kräften, so lautete der Vorwurf von links, sei ihnen wichtiger als die eigene Anhängerschaft.

Tatsächlich liegt im Verzicht auf eine Militärreform, die eine republikanische Volkswehr geschaffen hätte, ein wesentliches Versäumnis der Revolution. So blieb die Regierung auf schwer steuerbare Militärs angewiesen, die durch ihren neuen höchsten Repräsentanten, den Ersten Generalquartiermeister Wilhelm Groener, zwar Loyalität zusicherten, aber spätestens nach dem Kapp-Putsch im März 1920 gegen die Republik arbeiteten. Auch andere Funktionseliten des Kaiserreichs, die nach der Revolution im Amt blieben, ob in der Verwaltung oder der Justiz, bekundeten anfangs ihre Treue zum neuen Dienstherrn, freundeten sich aber nie wirklich mit der Demokratie an. Im Rückblick erwies es sich als Fehler der neuen Regierung, nicht mit gröberem Besen gekehrt und einen umfangreicheren Personalwechsel herbeigeführt zu haben.