Steht in einer Revolution "Gewalt der Gewalt" gegenüber, so wusste Hannah Arendt, "hat sich noch immer die Staatsgewalt als Sieger erwiesen". Zumindest so lange, wie Polizei und Armee bereit seien, von ihren Waffen Gebrauch zu machen. "Ist das nicht mehr der Fall, ändert sich die Situation jählings. [...] Wo Befehlen nicht mehr gehorcht wird, sind Gewaltmittel zwecklos."

Seit Ende Oktober 1918 wird in Deutschland nicht mehr gehorcht. Von den rebellierenden Matrosen in Wilhelmshaven und Kiel losgetreten, breitet sich die Umsturzbewegung unwiderstehlich nach Süden aus. In der Geschichtsschreibung fehlt es dafür nicht an Metaphern: Wie ein "Lauffeuer" oder "Steppenbrand" sei die Revolution über das Kaiserreich hinweggefegt. Solche Bilder treffen die atemraubende Dynamik der Ereignisse. Doch zugleich sind sie grundfalsch, denn zurück blieben keine Zonen der Verheerung zwischen Kiel, München und Berlin, im Gegenteil: Diese Revolution war in ihren allerersten Wochen vergleichsweise "gutmütig", wie der Publizist Sebastian Haffner 1969 betonte. Sie kam ohne Lynchjustiz und Tribunale aus.

Tatsächlich ist die Massenbewegung vor allem eines: eine Antikriegsbewegung. Sie folgt keinem Plan, besitzt kein konspiratives und dirigierendes, schon gar kein bolschewistisches Zentrum, wie die Eliten des Kaiserreichs argwöhnen. Aus dem Nichts freilich kommt die Revolution auch nicht. Der Krieg hat die Lebensbedingungen zum Teil erheblich verschlechtert und die sozialen Spannungen verschärft; materielle Not, Lebensmittelknappheit und Brennstoffmangel prägen den Alltag. Das massenhafte Abschlachten an den Fronten hat immer mehr Ehemänner, Brüder oder Väter ihren Familien entrissen. Nicht nur in der Arbeiterschaft, sondern bis weit ins bürgerliche Lager lässt die seelische und körperliche Erschöpfung den Wunsch nach Frieden dringlicher werden.

Die Dynamik, mit der sich die Aufstandsbewegung im Kaiserreich ausbreitet, überrascht auch die Revolutionäre selbst. Die Sendboten des Umsturzes sind zunächst die Kieler Matrosen. Die ersten von ihnen landen am 4. November mit einem Minenschiff in Cuxhaven, dem Stützpunkt der kaiserlichen Marine an der Elbmündung. Was sich dort abspielt, wird sich in den nächsten Tagen so oder ähnlich überall zutragen. Die Matrosen bestätigen die bekannten Zeitungsmeldungen und Gerüchte über die Wilhelmshavener und Kieler Ereignisse. Dann treffen sich die Vertrauensleute der Marinestation mit Werftarbeitern und bereiten eine öffentliche Versammlung vor, auf der ein Arbeiter- und Soldatenrat gewählt wird. Anschließend zieht eine Demonstration zur Kommandantur, der Rat übernimmt die Kommandogewalt. Nach wenigen Tagen liegen die militärische und ein Teil der politischen Macht in seinen Händen.

Wie in Cuxhaven sind Matrosen in vielen weiteren Städten in Nord- und Westdeutschland am Umsturz beteiligt, entweder als Überbringer von Informationen oder zusammen mit Garnisonssoldaten und Arbeitern als Träger des Aufstands, manchmal sogar als dessen Initiatoren. Die Umsturzbewegung erreicht am 5. November Lübeck, in der folgenden Nacht Hamburg, dann die Ostseeküste mit Wismar, Schwerin, Warnemünde und Rostock, aber auch bereits Bremen und Bremerhaven.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 6/2018. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Bald dringen die Nachrichten über die kollabierende Militärgewalt nach Berlin. Unter ihrem Eindruck sieht sich Siegfried Graf von Roedern am 6. November zu einem verblüffenden Vorschlag gezwungen: Mit militärischen Mitteln, so trägt der Staatssekretär im Reichsschatzamt dem Kriegskabinett vor, könne man die Umsturzbewegung nicht mehr aufhalten. Wäre es da nicht besser, die Marine einfach aufzulösen und die Mannschaften zu entlassen? Die Reichsregierung lehnt ab. An realistischen Alternativen fehlt es freilich ebenfalls: Roederns Vorschlag ist symptomatisch für die Ratlosigkeit, die in der Reichsleitung um sich greift. Schon spricht der neue Reichskanzler Max von Baden von einer zu bildenden militärischen "Nordfront", an der das Binnenland und die Hauptstadt Berlin verteidigt werden müssten.

Aber auch dies bleiben Wunschvorstellungen. In der Nacht zum 7. November ist Hannover in der Hand der Aufständischen, am Tage kommen Braunschweig und Celle hinzu. Völlig unabhängig von den "Sturmvögeln der Revolution", wie die Matrosen nach einem Kampflied russischer Arbeiter bald genannt werden, siegt die Umsturzbewegung am 7. November in München und erklärt König Ludwig III. für abgesetzt. Bis Ende November werden auch die übrigen zwanzig deutschen Könige und Fürsten ihren Abschied aus der Geschichte nehmen. Am 8. November triumphieren die Revolutionäre in Köln und Frankfurt am Main, in Dortmund und Essen, in Nürnberg und Würzburg, in Halle und Magdeburg, in Cottbus und Stendal, in Gotha und Weimar, in Leipzig und Dresden, in Brieg und Gandau und vielen weiteren Städten.