Steht in einer Revolution "Gewalt der Gewalt" gegenüber, so wusste Hannah Arendt, "hat sich noch immer die Staatsgewalt als Sieger erwiesen". Zumindest so lange, wie Polizei und Armee bereit seien, von ihren Waffen Gebrauch zu machen. "Ist das nicht mehr der Fall, ändert sich die Situation jählings. [...] Wo Befehlen nicht mehr gehorcht wird, sind Gewaltmittel zwecklos."

Seit Ende Oktober 1918 wird in Deutschland nicht mehr gehorcht. Von den rebellierenden Matrosen in Wilhelmshaven und Kiel losgetreten, breitet sich die Umsturzbewegung unwiderstehlich nach Süden aus. In der Geschichtsschreibung fehlt es dafür nicht an Metaphern: Wie ein "Lauffeuer" oder "Steppenbrand" sei die Revolution über das Kaiserreich hinweggefegt. Solche Bilder treffen die atemraubende Dynamik der Ereignisse. Doch zugleich sind sie grundfalsch, denn zurück blieben keine Zonen der Verheerung zwischen Kiel, München und Berlin, im Gegenteil: Diese Revolution war in ihren allerersten Wochen vergleichsweise "gutmütig", wie der Publizist Sebastian Haffner 1969 betonte. Sie kam ohne Lynchjustiz und Tribunale aus.

Tatsächlich ist die Massenbewegung vor allem eines: eine Antikriegsbewegung. Sie folgt keinem Plan, besitzt kein konspiratives und dirigierendes, schon gar kein bolschewistisches Zentrum, wie die Eliten des Kaiserreichs argwöhnen. Aus dem Nichts freilich kommt die Revolution auch nicht. Der Krieg hat die Lebensbedingungen zum Teil erheblich verschlechtert und die sozialen Spannungen verschärft; materielle Not, Lebensmittelknappheit und Brennstoffmangel prägen den Alltag. Das massenhafte Abschlachten an den Fronten hat immer mehr Ehemänner, Brüder oder Väter ihren Familien entrissen. Nicht nur in der Arbeiterschaft, sondern bis weit ins bürgerliche Lager lässt die seelische und körperliche Erschöpfung den Wunsch nach Frieden dringlicher werden.

Die Dynamik, mit der sich die Aufstandsbewegung im Kaiserreich ausbreitet, überrascht auch die Revolutionäre selbst. Die Sendboten des Umsturzes sind zunächst die Kieler Matrosen. Die ersten von ihnen landen am 4. November mit einem Minenschiff in Cuxhaven, dem Stützpunkt der kaiserlichen Marine an der Elbmündung. Was sich dort abspielt, wird sich in den nächsten Tagen so oder ähnlich überall zutragen. Die Matrosen bestätigen die bekannten Zeitungsmeldungen und Gerüchte über die Wilhelmshavener und Kieler Ereignisse. Dann treffen sich die Vertrauensleute der Marinestation mit Werftarbeitern und bereiten eine öffentliche Versammlung vor, auf der ein Arbeiter- und Soldatenrat gewählt wird. Anschließend zieht eine Demonstration zur Kommandantur, der Rat übernimmt die Kommandogewalt. Nach wenigen Tagen liegen die militärische und ein Teil der politischen Macht in seinen Händen.

Wie in Cuxhaven sind Matrosen in vielen weiteren Städten in Nord- und Westdeutschland am Umsturz beteiligt, entweder als Überbringer von Informationen oder zusammen mit Garnisonssoldaten und Arbeitern als Träger des Aufstands, manchmal sogar als dessen Initiatoren. Die Umsturzbewegung erreicht am 5. November Lübeck, in der folgenden Nacht Hamburg, dann die Ostseeküste mit Wismar, Schwerin, Warnemünde und Rostock, aber auch bereits Bremen und Bremerhaven.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 6/2018. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Bald dringen die Nachrichten über die kollabierende Militärgewalt nach Berlin. Unter ihrem Eindruck sieht sich Siegfried Graf von Roedern am 6. November zu einem verblüffenden Vorschlag gezwungen: Mit militärischen Mitteln, so trägt der Staatssekretär im Reichsschatzamt dem Kriegskabinett vor, könne man die Umsturzbewegung nicht mehr aufhalten. Wäre es da nicht besser, die Marine einfach aufzulösen und die Mannschaften zu entlassen? Die Reichsregierung lehnt ab. An realistischen Alternativen fehlt es freilich ebenfalls: Roederns Vorschlag ist symptomatisch für die Ratlosigkeit, die in der Reichsleitung um sich greift. Schon spricht der neue Reichskanzler Max von Baden von einer zu bildenden militärischen "Nordfront", an der das Binnenland und die Hauptstadt Berlin verteidigt werden müssten.

Aber auch dies bleiben Wunschvorstellungen. In der Nacht zum 7. November ist Hannover in der Hand der Aufständischen, am Tage kommen Braunschweig und Celle hinzu. Völlig unabhängig von den "Sturmvögeln der Revolution", wie die Matrosen nach einem Kampflied russischer Arbeiter bald genannt werden, siegt die Umsturzbewegung am 7. November in München und erklärt König Ludwig III. für abgesetzt. Bis Ende November werden auch die übrigen zwanzig deutschen Könige und Fürsten ihren Abschied aus der Geschichte nehmen. Am 8. November triumphieren die Revolutionäre in Köln und Frankfurt am Main, in Dortmund und Essen, in Nürnberg und Würzburg, in Halle und Magdeburg, in Cottbus und Stendal, in Gotha und Weimar, in Leipzig und Dresden, in Brieg und Gandau und vielen weiteren Städten.

Arbeiter- und Soldatenräte entstehen

Häufig ergreifen die örtlichen Militärformationen die Initiative. In Städten, in denen die radikale Linke starken Einfluss ausübt, wie in Bremen, Braunschweig und Leipzig, erheben sich Soldaten und Arbeiter auch gleichzeitig. Die Aufständischen ziehen in bewaffneten Demonstrationen durch die Stadt, entwaffnen die Offiziere und reißen ihnen Rangabzeichen und Kokarden, die Insignien des verhassten Militärsystems, von der Uniform. Sie besetzen Polizeiwachen, Bahnhofskommandanturen und Telegrafenämter, öffnen die Arrestanstalten und Gefängnisse und befreien die militärischen und politischen Gefangenen.

Polizei und Militärbehörden leisten fast nirgends ernsthaften Widerstand. Die Truppen kümmern sich nicht mehr um die Befehle, die Arbeiter treten in den Generalstreik. Meist dauert es nur ein, zwei Tage, bis die Militär- und Polizeigewalt zusammenbricht. Nur in wenigen Städten kommt es zu Schießereien wie in Hamburg oder Hannover.

Die Arbeiter- und Soldatenräte entstehen spontan in den ersten Tagen des Umsturzes. Sie werden in improvisierter, später auch in regulierter Form in Kasernen, Betrieben oder auf Volksversammlungen gewählt. So wie allerorts die militärische und die zivile Bewegung schnell zusammenfinden, fusionieren auch ihre Vertretungsorgane in gemeinsamen Ausschüssen. Die Arbeiterräte bilden den proletarischen Teil der Revolutionsbewegung, während in den Soldatenräten Angestellte, Handwerker, kleine Gewerbetreibende und Akademiker für ein Übergewicht der bürgerlichen Schichten sorgen.

Die Mehrheitssozialdemokraten dominieren die Arbeiter- und Soldatenräte in großen Teilen von Baden und Württemberg, im Rheinland, in Hessen, in Niedersachsen und in den Gebieten östlich der Elbe, in den meisten Städten des Ruhrgebiets sowie in Großstädten wie Köln, Hannover, Magdeburg und Dresden. Ein klares Übergewicht der radikalen Linken findet sich nur in Bremen, Braunschweig und Leipzig, in einigen Städten des Ruhrgebiets, in Düsseldorf, Halle und Zwickau. Vielerorts setzen sich die Räte paritätisch aus SPD- und USPD-Mitgliedern zusammen. Je geringer der Einfluss der USPD und der meist unbedeutenden Spartakusgruppe, desto eher öffnen sich die Räte für die Mitarbeit von christlichen Gewerkschaftern, Parteilosen und Liberalen – und nennen sich dann beispielsweise "Volksrat" wie in Bielefeld oder Breslau.

Die frühen programmatischen Äußerungen der Räte lehnen sich häufig an Forderungen an, die bereits die Aufständischen in Kiel formuliert haben. Obenan stehen der sofortige Frieden sowie die Freilassung der eigenen Kameraden und der politischen Gefangenen. Die Räte fordern Maßnahmen gegen das demütigende militärische Disziplinar- und Strafsystem und die allgemeine Rechtlosigkeit der Mannschaften. Ferner stehen Rede- und Pressefreiheit und die Aufhebung der Briefzensur auf der Agenda. Je nach politischer Färbung streben sie die Sozialisierung der Schlüsselindustrien sowie eine "freie" oder "sozialistische" Republik an, nur wenige wollen eine Räteherrschaft nach russischem Muster.

Davon unabhängig versichern die Räte, durch ihre bewaffneten Kräfte Ruhe und Sicherheit zu gewährleisten, das Eigentum zu schützen, die Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen und scharf gegen Plünderer vorzugehen. Allerorten werden die kommunalen und die Regierungsbehörden unter Aufsicht gestellt.

Noch aber fehlt die Hauptstadt. Der Oberkommandierende in den Marken, Generaloberst Alexander von Linsingen, sieht sich angesichts der einlaufenden Meldungen über die Erfolge der revolutionären Bewegung in Norddeutschland zu Abwehrmaßnahmen gezwungen. Er lässt die wichtigsten Durchgangsbahnhöfe auf den Eisenbahnstrecken nach Berlin mit Wachen besetzen, Schienenstränge aufreißen, Brückensprengungen vorbereiten und verhängt schließlich eine komplette Eisenbahnsperre nördlich einer Linie von Danzig über Berlin bis Osnabrück. Vergebens. Revolutionäre Matrosen und Soldaten durchbrechen die Bahnhofssperren, überwältigen die Wachmannschaften, umgehen die Kontrollen. Von kämpferischer Gegenwehr der eingesetzten Truppen kann keine Rede sein, auch das Gros ihrer Offiziere hat vor allem eines im Sinn: unbeschadet durch die letzten Kriegstage zu kommen. Am 8. November steht die Aufstandsbewegung vor den Toren Berlins.

Das Militärsystem bricht zusammen

In der Hauptstadt fordert die SPD-Führung am 7. November zum wiederholten Male und diesmal ultimativ die Abdankung des Kaisers. Damit sollen nicht nur die Revolutionäre aufgehalten, sondern auch erträglichere Bedingungen für den Waffenstillstand mit den Alliierten ermöglicht werden. Doch der Kaiser weigert sich beharrlich. Die SPD verlängert das Ultimatum bis zum Abschluss des Waffenstillstandes. Gleichzeitig warnt sie die Arbeiterschaft im Vorwärts und in Flugblättern vor "unbesonnenem Losschlagen" und fordert sie auf, Ruhe zu bewahren. Inzwischen haben bewaffnete Truppen an strategisch wichtigen Orten in Berlin Posten bezogen, um den erwarteten Aufstand niederzuschlagen.

Dieser beginnt am 9. November, zunächst in Form eines Generalstreiks. Geplant haben ihn vor allem die Revolutionären Obleute, ein Netzwerk von Vertrauensleuten aus den Betrieben der Berliner Metallindustrie. Sie stehen dem linken Flügel der USPD nahe und hatten schon beim Januarstreik 1918 eine führende Rolle gespielt. In den vergangenen Monaten haben sie Umsturzpläne diskutiert, Aufmarschpläne entworfen und Waffen gehortet. Eigentlich sollte der Aufstand erst am 11. November beginnen, jetzt aber kommen sie den Ereignissen kaum hinterher. Seit dem frühen Morgen des 9. November wälzen sich riesige Demonstrationszüge von den Großbetrieben am Stadtrand Richtung Zentrum und Regierungsviertel.

Die Aufständischen wissen nicht, was sie erwartet. Noch haben die Regierungstruppen Befehl, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Doch häufig bewegen die Demonstranten die Soldaten dazu, sich ihnen anzuschließen. An der Kaserne der Gardefüsiliere an der Chausseestraße erschießt ein Offizier drei Demonstranten. Bei weiteren Zusammenstößen wird es erneut Tote geben, am Abend dieses Tages werden es fünfzehn sein. Dass es nicht mehr sind, ist nicht das Verdienst der Militärführung, sondern der Soldaten, die ihr den Gehorsam verweigern.

Auch in Berlin bricht das Militärsystem in kürzester Zeit zusammen. Selbst vermeintlich zuverlässige Formationen wie die Naumburger Jäger laufen über und wählen Soldatenräte. Die verbrüderten Arbeiter und Soldaten besetzen Regierungsgebäude und Behörden, befreien Gefangene und entwaffnen Offiziere. Am frühen Nachmittag befindet sich die Hauptstadt in den Händen der Aufständischen, weithin zu sehen an den roten Fahnen auf Reichstag, Brandenburger Tor und Rotem Rathaus.

Während die Massen auf den Straßen binnen weniger Stunden die bewaffnete Macht des Kaiserreichs zum Einsturz bringen, gelingt der SPD-Führung eine atemraubende taktische Wende. Sie tritt aus der Regierung aus und setzt sich an die Spitze der Umsturzbewegung. Der Parteivorstand gründet einen eigenen "Arbeiter- und Soldatenrat" aus Betriebsvertrauensleuten, der sogleich seine Urheberschaft für den Generalstreik behauptet.

Unterdessen hat Kanzler Max von Baden aus dem Großen Hauptquartier in Spa vernommen, dass Wilhelm II. sich zum Rücktritt entschlossen habe. Als die versprochene Abdankungsurkunde nicht eintrifft, lässt er kurzerhand auf eigene Faust verkünden, der Kaiser habe dem Throne entsagt. Und er überträgt Ebert auf dessen Verlangen das Amt des Reichskanzlers – nach der Verfassung unmöglich, aber die Revolution schafft ihr eigenes Recht.

Es folgen zwei viel beschriebene Szenen: Um 14 Uhr verkündet Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstags aus, das "deutsche Volk" habe "auf der ganzen Linie gesiegt"; er proklamiert die "deutsche Republik" und ruft zu "Ruhe, Ordnung und Sicherheit" auf. Karl Liebknecht, erst gut zwei Wochen zuvor aus dem Zuchthaus entlassen, tut es ihm zwei Stunden später erst im Lustgarten, dann vom Stadtschloss aus nach, mit zwei wesentlichen Unterschieden: Liebknecht proklamiert die "Freie Sozialistische Republik Deutschland", und er fordert dazu auf, die Revolution "bis zur Vollendung der Weltrevolution" weiterzutreiben.

Der symbolische Wert dieser Auftritte ist lange überschätzt worden. Die folgenden Wochen werden keinen Entscheidungskampf zwischen Republik und Revolution nach russischem Vorbild sehen. Auch wenn Scheidemann den Massen vor dem Reichstag zuruft, sie sollten dafür sorgen, dass "die neue deutsche Republik, die wir errichten werden, nicht durch irgendetwas gefährdet werde", und dabei die radikale Linke im Auge hat: Die größte Gefahr für den Erfolg der Revolution wird aus einer ganz anderen Richtung kommen.

Die Probleme der Regierung sind gewaltig

Um die revolutionäre Bewegung einzubinden, macht Ebert der USPD-Führung das Angebot einer paritätisch zu besetzenden Regierung. Die Verhandlungen zwischen den im Krieg zutiefst zerstrittenen Parteien stehen unter dem Druck der Basis, nach der siegreichen Revolution und dem abzusehenden Kriegsende nunmehr endlich den "Bruderkampf" zu beenden. Mit der Bildung des Rats der Volksbeauftragten am 10. November gelingt dies, während sich Wilhelm II. kurz zuvor ins Exil nach Holland verabschiedet. Ebert ist unter den sechs Volksbeauftragten Primus inter Pares, die wichtigsten Ressorts (Inneres, Militärwesen und Finanzen) sowie die Schlüsselstellungen in der Reichskanzlei hat sich die SPD gesichert.

Am Abend desselben Tages wählt eine Vollversammlung von rund 3000 Delegierten der Arbeiter- und Soldatenräte im Kuppelbau des Zirkus Busch einen zentralen Aktionsausschuss. Diesen "Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlins" bilden je 14 Soldaten- und Arbeitervertreter, Letztere werden paritätisch von SPD und USPD gestellt. Den Vorsitz übernimmt Richard Müller, einer der führenden Köpfe der Revolutionären Obleute. Die Spartakusgruppe spielt nur eine Nebenrolle, laut, aber wenig einflussreich. Der Vollzugsrat bildet das zweite politische Zentrum neben der Revolutionsregierung, die er kontrollieren soll, bis eine gesamtdeutsche Räteversammlung zusammentritt.

Keine zwei Wochen nach der Initialzündung in Wilhelmshaven hat die Revolution den Umsturz herbeigeführt und das kaiserliche Militärregime entmachtet. Noch nie, so notiert Harry Graf Kessler am 10. November in seinem Tagebuch, "ist das ganze innere Gerüst einer Großmacht in so kurzer Zeit so vollkommen zerstäubt". Die Arbeiterbewegung, repräsentiert in der Regierung und in den Arbeiter- und Soldatenräten, verfügt über so viel Macht zur politischen Gestaltung wie niemals zuvor. Was wird sie damit anfangen?

Die Probleme, vor denen die Regierung steht, sind gewaltig: Das Feldheer muss demobilisiert, die Kriegs- auf Friedenswirtschaft umgestellt und die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Brennstoffen gesichert werden. Von den anstehenden Grundsatzfragen ganz zu schweigen: Soll eine verfassunggebende Nationalversammlung über das politische System der neuen Republik entscheiden, wie es der Rat der Volksbeauftragten will? Oder soll statt der bürgerlichen Demokratie ein Rätesystem errichtet werden, wie es der linke Flügel der USPD und die Spartakusgruppe fordern?

Die erste Amtshandlung der neuen Regierung ist die Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November. Am nächsten Tag hebt sie den Belagerungszustand auf, schafft die Zensur ab und garantiert die Meinungsfreiheit; alle politischen Gefangenen werden amnestiert. In der Wirtschaft soll vom 1. Januar 1919 an der Achtstundentag gelten; größere Reformen wie die Sozialisierung der Schwerindustrie schiebt der Rat der Volksbeauftragten dagegen auf die lange Bank. Epochal ist eine andere Entscheidung: Künftig sind alle Parlamente, auch die in Aussicht gestellte Nationalversammlung, nach dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht für Männer und Frauen zu wählen. Bereits im Dezember bilden sich auf diesem Weg die ersten Länderregierungen in Anhalt und Braunschweig.

Die weitgehend widerstandslose Machtübernahme durch den Rat der Volksbeauftragten darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich diese Macht allein auf die Mehrheit der Industriearbeiter und der Soldaten des Heimatheeres stützt. Sofort beginnen diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die ihre Interessen bedroht sehen oder gar den Bolschewismus wittern, die Regierung zu bedrängen. Die Vertreter der Landwirte erwirken den Schutz vor einer Bodenreform, während Kaufleute und Handwerker, Freiberufler und Beamte ihrerseits Räte bilden und sogar zu Gegenstreiks aufrufen.

Am vehementesten versuchen die alten Spitzenmilitärs, ihre verlorene Geltung zu restaurieren. Für das Offizierskorps konnte die Erfahrung der Revolution niederschmetternder nicht sein. Am 11. November schreibt Oberst Albrecht von Thaer, Chef des Stabes beim Generalquartiermeister II im Großen Hauptquartier, in einem Brief: "Ein solcher Zusammenbruch, solche Schmach und Schande! Einerseits von so übermütigen, hetzerischen Feinden durch ihre gewaltige Übermacht überwunden und nunmehr vom eigenen Volke in dieser Weise mißverstanden und verlassen, wehrlos und ehrlos gemacht, geht der rote Terror des Bolschewismus in Deutschland los, genau wie in Rußland? [...] Es ist ein unsagbares Gefühl, daß das seit Jahrhunderten bisher so zuverlässige Element, unsere Armee, mit ihrer Disziplin und Tapferkeit, mit einem Mal zerbrochen, weg, vorbei ist. Es gehorcht ja kein Mensch mehr." Insbesondere adelige Offiziere empfinden den Verlust ihrer Befehlsgewalt als Vertrauensbruch, als existenzielle Bedrohung ihrer Lebensweise durch das "gemeine Volk", das sie im Stich gelassen habe.

"Kompanie um Kompanie verschwindet im Menschengewühl"

Am 10. November kommt es zu dem legendären Telefongespräch, in dem General Wilhelm Groener dem Volksbeauftragten Ebert die Loyalität der Obersten Heeresleitung (OHL) und des Offizierskorps versichert. Dafür müsse die Regierung den "Bolschewismus" bekämpfen und dabei mitwirken, wieder "Ordnung und Disziplin" im Heer zu schaffen. Einen Tag später verbreitet die OHL im Feldheer einen – selbst formulierten – Erlass der Regierung, der die Befehlsgewalt der Offiziere bestätigt. Damit werden die im Feldheer erst verzögert gebildeten Soldatenräte sofort wieder entmachtet.

Die Regierung kommt den Generalen bereitwillig entgegen, weil sie für den Fall, dass die Demobilisierung der Truppen nicht geordnet ablaufe, "ein Chaos mit Hunger und Not" befürchtet. Sie hält die OHL, wie diese sich selbst, für unersetzbar – eine Fehleinschätzung angesichts vorhandener Alternativen. Die Möglichkeit, etwa die Oberbefehlshaber der Armeen mit der Abwicklung zu betrauen, wird erst gar nicht in Erwägung gezogen.

Die Offiziere des heimkehrenden Heeres nutzen die Gelegenheit zur Abrechnung mit den Arbeiter- und Soldatenräten, befehlen in vielen Fällen deren Auflösung und die Beseitigung ihrer revolutionären Embleme. Dabei kommt es immer wieder zu bewaffneten Übergriffen der Fronttruppen. Der Verbindungsoffizier der OHL beim Rat der Volksbeauftragten, Oberst Hans von Haeften, schlägt Ebert Mitte November vor, die Arbeiter- und Soldatenräte durch die noch zur Verfügung stehenden Truppen militärisch auflösen und Ebert zum Diktator ausrufen zu lassen. Ebert sagt weder Ja noch Nein. Am 6. Dezember kommt diesen Plänen ein dilettantischer Putschversuch eines Berliner Regiments zuvor, das den Vollzugsrat verhaftet und Ebert zum Präsidenten ausrufen will. Ebert, von den Putschisten damit konfrontiert, legt sich auch hier nicht fest.

Vier Tage später will die OHL ihre Gardedivisionen in Berlin einmarschieren lassen. Die Heimkehr dieser Fronttruppen soll genutzt werden, um die Arbeiter- und Soldatenräte aufzulösen, die Zivilisten zu entwaffnen und die alten Militärgewalten als einzige innere Ordnungsmacht zu etablieren. Der Vollzugsrat will dies verhindern; in Verhandlungen mit dem Rat der Volksbeauftragten, der OHL und dem preußischen Kriegsministerium kommt es zum Kompromiss: Einmarsch ohne schwere Waffen und erst nach Vereidigung der Truppen auf die Republik und deren Regierung. Die Hoffnungen, die die OHL mit der Heimkehr der Elitesoldaten verbindet, erweisen sich im Übrigen als voreilig: Kaum ist der Einzug in Berlin beendet, lösen sich die Gardetruppen größtenteils auf. "Kompanie um Kompanie", so notiert ein Hauptmann in sein Tagebuch, "verschwindet im Menschengewühl Unter den Linden."

Wie reagieren die Arbeiter- und Soldatenräte auf die Bedrohung ihrer Macht durch die OHL und die teils zögernde, teils nachgiebige Haltung der Regierung? Die Entscheidung fällt auf dem Reichsrätekongress, zu dem sich vom 16. bis 20. Dezember rund 500 Delegierte in Berlin versammeln. Sie sollen die Weichen für die Zukunft stellen: Nationalversammlung oder Rätesystem? Die allermeisten Räte haben längst deutlich werden lassen, dass sie sich selbst als Übergangserscheinung betrachteten. So ist es keine Überraschung, dass der Kongress das Rätesystem eindeutig ablehnt – eine klare Niederlage für den linken Flügel der USPD. Als Termin für die Wahlen zur Nationalversammlung wird der 19. Januar 1919 festgelegt. In der Sozialisierungsfrage indes drehen sich die Mehrheitsverhältnisse um: Der Kongress beauftragt die Regierung, "mit der Sozialisierung aller hierzu reifen Industrien, insbesondere des Bergbaues, unverzüglich zu beginnen".

Die Diskussionen sind oft leidenschaftlich und hitzig. Das größte Erregungspotenzial besitzt die Militärpolitik. Am zweiten Kongresstag dringt eine Delegation von 19 Berliner Soldatenräten in den Sitzungssaal ein, verliest vier Forderungen zur Demokratisierung des Militärs und verlangt, sofort darüber zu beschließen. Es entsteht Lärm, es entsteht Tumult, Teile der SPD-Fraktion beginnen den Saal zu verlassen. Am nächsten Vormittag werden die "Hamburger Punkte" verabschiedet, mit denen die Macht des alten Offizierskorps ein für alle Mal gebrochen werden soll. Eine unverhohlene Kampfansage an die Oberste Heeresleitung. Diese antwortet, indem sie mit Rücktritt droht. Ebert formuliert einen zweifelhaften Kompromiss: Die Bestimmungen sollen nur für das Heimatheer, nicht für das Frontheer gelten, und sie können erst in Kraft treten, wenn dazu nähere Ausführungsbestimmungen erlassen werden. Der Kongressbeschluss ist damit faktisch erledigt.

Am Beginn der Revolution stand der rapide Schwund von Loyalität gegenüber der alten Obrigkeit. Doch seitdem ist es vor allem die SPD-Führung, die Vertrauen verspielt – ausgerechnet bei denen, die sie am 9. November an die Macht gebracht haben. Ebert, vor der Wahl, seine Regierung entweder auf die mehrheitlich sozialdemokratischen Arbeiter- und Soldatenräte oder auf die alten militärischen Gewalten zu stützen, entscheidet sich Mitte Dezember endgültig für das Militär. Die SPD wird dadurch einen erheblichen Teil ihrer Anhängerschaft an die radikalen Kräfte verlieren. Sie stärkt also genau diejenigen, die sie durch ihre Bindung an die OHL schwächen will. Im Versuch, den Bürgerkrieg zu verhindern, bereitet sie ihn vor.