Tag und Nacht, Schlacht für Schlacht hat Faisal, Prinz des Hedschas, für diesen Moment gekämpft: Am 3. Oktober 1918 wird er endlich einziehen in Damaskus. In die Hauptstadt Syriens, das politische Zentrum der arabischen Welt. Doch der feierliche Einritt gelingt nicht so, wie Faisal es sich erhofft. Ungeduldig wartet General Edmund Allenby auf ihn, der Kommandant der Briten im Nahen Osten. Kaum ist Faisal in der Stadt, lässt Allenby ihn ins Victoria-Hotel bitten. Es gibt etwas zu besprechen.

Zwei Jahre zuvor hat Faisals Vater, Scherif Hussein von Mekka, Oberhaupt des Clans der Haschemiten, die Araber zu einer Revolte gegen ihre osmanischen Herren aufgerufen und sich zum König von Arabien proklamiert. Die Briten sagten Unterstützung zu; sie brauchten Hilfe beim Sturz des Osmanischen Reichs. Sohn Faisal zog mit Kämpfern der Beduinenstämme und dem britischen Offizier Thomas Edward Lawrence in die Wüste, um einen Guerillakrieg anzuzetteln. Nach der Eroberung der Festung Akaba drangen Lawrence und Faisal Städtchen für Städtchen weiter in den wüsten Süden Syriens vor. An der Hedschas-Bahn Richtung Mekka legten sie Hinterhalte und schossen osmanische Soldaten nieder, unter ihnen viele Araber. Zeitweise unterbrachen sie den Zugverkehr komplett. Faisal hielt General Allenby so den Rücken frei, als die Briten im Dezember 1917 Jerusalem eroberten. Stets begleitete Lawrence und Faisal der Schlachtruf: "Nach Damaskus!"

Am 2. Oktober 1918 wartete Faisal in der Wüstenstadt Dera’a auf Signale; Lawrence war bei den Briten. Ein Bote aus dem hundert Kilometer entfernten Damaskus brachte die Kunde, dass es für die Eroberung vielleicht schon zu spät war: Zwei Tage zuvor waren australische Verbände unter britischem Befehl in die Stadt eingerückt. Jetzt tanzten die Damaszener auf den Straßen; Männer feuerten in die Luft, Frauen ließen Blumen regnen und verteilten Gebäck. Überall wehten die Farben der arabischen Nationalbewegung, behauptete der Bote. Es sei höchste Zeit, dass Faisal, nach dem die Menschen verlangten, in ihre Straßen einziehe. Wie ein König. Arabische Konkurrenten hätten sich schon als neue Machthaber installiert; aber der listige Lawrence habe sie mit britischer Höflichkeit wieder abgesetzt.

Faisal steigt am Morgen des 3. Oktober in die Hedschas-Bahn, die auf diesem Abschnitt noch fährt. An einem Haltepunkt nahe Damaskus wechselt er aufs Pferd. Mitstreiter erwarteten ihn. "Er erreichte Damaskus von Süden her", schreibt Ali Allawi, ehemaliger Verteidigungsminister des Irak, in seiner großen Faisal-Biografie, "begleitet zu Pferde von den Stammesführern der Ruwala, der Howeitat und der Drusen. Hinter ihnen die Kämpfer auf Kamel und zu Fuß, Tausende an der Zahl. Es war ein großartiges Spektakel. Ganz Damaskus schien herauszukommen, um den großen Helden zu begrüßen." Jubel erhebt sich überall. Doch dann muss Faisal den Triumphzug abbrechen, weil General Allenby ungeduldig wird.

Als er im Victoria-Hotel ankommt, sieht Faisal, dass auch Lawrence bei Allenby ist und schmallippig dreinschaut. Faisal ahnt, dass es unerfreulich wird. Allenby verkündet, dass die Briten zwar die arabische Unabhängigkeit unterstützen, aber Syrien französisches Protektorat wird. Faisal soll unter französischer Aufsicht stehen. Die Regierung in Paris bestimmt. Der Libanon und Palästina werden nicht Teil seines Herrschaftsgebiets, und für den Übergang bekommt er einen französischen Offizier an die Seite gestellt.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2019. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Allenby hat in den vorangegangenen Tagen eine Reihe recht wirrer Instruktionen aus London bekommen, ein Echo der ebenso widersprüchlichen Politik während des Krieges. Die Briten machten seit 1915 drei verschiedene Versprechen, die einander nun blockieren: Da ist zum Ersten die recht vage Zusage einer Unterstützung der arabischen Unabhängigkeit, die Henry McMahon, britischer Hochkommissar in Ägypten, Scherif Hussein bereits 1915 gab. Die Briten wollten auf diesem Wege eine arabische Revolte provozieren. Die zweite Verpflichtung ist das Sykes-Picot-Abkommen von Mai 1916, in dem Großbritannien und Frankreich deutlich verbindlicher den gesamten Nahen Osten unter sich aufteilten, auch die Russen waren daran beteiligt. Und schließlich gibt es die Balfour-Deklaration von November 1917, in der den Juden in Palästina, wiederum eher blumig, eine "nationale Heimstatt" in Aussicht gestellt wurde. Außenminister Arthur Balfour ging es darum, jüdische Verbündete im Krieg und für die Zeit danach zu gewinnen.

General Allenby hält sich beim Gespräch mit Faisal in erster Linie an Sykes-Picot. Faisal und Lawrence kennen die britischen Verpflichtungen – sie hatten gehofft, durch ihre Eroberung von Damaskus die Briten zu zwingen, das Sykes-Picot-Abkommen zu brechen. Ein arabisch befreites Damaskus werde London nicht an die Franzosen geben, so das Kalkül. London sieht das anders.