Faisal reagiert bitter enttäuscht. Er besteht auf einem freien Syrien. Befehle von Franzosen will er nicht akzeptieren. Der Historiker David Fromkin schildert eindrücklich, wie sich der Moment zuspitzt: Allenby ist verwundert und überrascht. Er fragt Lawrence, ob er Faisal nicht gesagt habe, dass die Franzosen das Protektorat über Syrien bekommen. "No, Sir", sagt Lawrence. Aber dass Faisal den Libanon nicht bekomme? Auch das will Lawrence nicht gewusst haben. Genervt sagt Allenby, dass er die Befehlsgewalt habe, weswegen Faisal bis zur Klärung der arabischen Frage auf der Friedenskonferenz zu gehorchen habe. Faisal akzeptiert und verlässt das Victoria-Hotel. Auf dem Vorplatz wird er von einer Menge begrüßt, die ihn lautstark feiert, als neuen König von Syrien, wenn nicht von Arabien.
Lawrence lässt sich noch am selben Tag nach Großbritannien schicken. Ihn plagt das schlechte Gewissen, schreibt er später in seinem autobiografischen Roman Die sieben Säulen der Weisheit, weil er Faisal, die Araber und ihren Freiheitskampf verraten habe. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Faisal und noch mehr sein Vater hielten sich lange alle Möglichkeiten offen: Bis zum Fall von Damaskus korrespondierten sie mit den Osmanen darüber, im Krieg eventuell die Seiten zu wechseln.
In den folgenden Wochen ruht Lawrence sich nicht aus, sondern stürzt sich in die Vorbereitung der Friedenskonferenz von Paris, an der er als Verbindungsoffizier der Briten in Faisals Delegation teilnehmen soll. Er wird in London bei Außenminister Balfour vorstellig, beim Büro des Premierministers Lloyd George und nimmt an diversen Planungstreffen teil. Überall verbreitet Lawrence hartnäckig die Legende, es sei Faisal gewesen, der Damaskus "befreit" habe. Daraus leitet er den Anspruch auf ein unabhängiges Syrien unter Faisal ab, höchstens unter britischem Protektorat, keinesfalls unter französischem.
Man hört Lawrence geduldig zu. Auch britische Diplomaten halten Sykes-Picot für überholt. Zudem ist Lawrence ein Kriegsheld, über den die Zeitungen schreiben und dessen Popularität wächst und wächst.
Mitte Dezember 1918 kommt auch Faisal nach Großbritannien. Weil Lawrence seiner Regierung nicht traut, suchen sie gemeinsam nach neuen Verbündeten: Sie treffen sich mit zionistischen Aktivisten, und Faisal schließt am 3. Januar 1919 mit Chaim Weizmann, der die zionistische Delegation in Paris anführen wird, ein Abkommen. Der Prinz akzeptiert darin die Balfour-Deklaration, allerdings unter der Bedingung, dass unter Mithilfe der Briten auch ein arabisches Königreich gegründet wird. Historiker streiten darüber, wie viel an diesem Pakt Taktik ist und wie viel Überzeugung – in jedem Fall ist es ein einzigartiges Dokument, weil in dieser Übereinkunft eine Perspektive auf den bis heute andauernden Konflikt um Israel und Palästina aufschimmert, die hundert Jahre später kaum mehr möglich scheint.
In Paris kämpfen Faisal und Lawrence darum, ernst genommen zu werden: Prinz Faisal wird von den Franzosen nur als Vertreter des Königreichs Hedschas anerkannt, also als Emissär seines Vaters Hussein, nicht als Vertreter Arabiens. Lawrence nimmt Kontakt zu den USA und Präsident Wilson auf. Immerhin hat Wilson selbst im zwölften seiner berühmten 14 Punkte den kleineren "Nationalitäten" des zerbrechenden Osmanischen Reichs in Aussicht gestellt, "völlig ungestörte Gelegenheit" zur "unabhängigen Entwicklung" zu bekommen.
Doch die Franzosen und Briten sehen auch das anders. Bereits am 1. Dezember haben sich Lloyd George und der französische Premier Clemenceau in London abgesprochen und den Nahen Osten ein zweites Mal unter sich aufgeteilt. Sykes-Picot revidieren sie, aber nur leicht: Lloyd George bittet darum, auch Mossul im Irak und ganz Palästina für die britische Krone zu bekommen. Clemenceau willigt ein.
Kommentare
Danke für diesen sehr informativen Beitrag. Die seinerzeitige Vereinbarung zwischen Faisal & Weizmann war mir noch nicht bekannt; in der Tat ein faszinierendes Kapitel & eine bittere verpasste Chance.
Die westlichen Mächte haben es damals verbockt. Es fehlten allenthalben scharfe Denker und ethische Genies. Stattdessen gab es nur Halbgares. Nicht dass durch einen anderen Gang der Geschichte die Gewalt in Arabien beseitigt worden wäre, dafür fehlt es an streng pazifistischen Quellen, aber eine frühe Unabhängigkeit wäre eine Chance gewesen.
Mal, macht Spaß, das "Was wäre wenn Spiel"!
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War das Picot-Abkommen nicht DAS Grundübel, DER Fehler, der uns den Jahrzehntelangen, schon latent 100 Jahre dauernden, Nahost-Konflikt, der HEUTE immer weiter geht & unlösbar scheint, eingebrockt hat?
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Das o.a. und die "Aufteilung von Afrika" mit dem "Lineal"ohne auch nur einen Gedanken an Bevölkerung, Gruppenzugehörigkeit usw zu verschwenden, sind in den letzten 150 Jahren die "größten Fehler" (um mal höflich zu bleiben) die Europa, aus Überheblichkeit & nicht Wissen machte.
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Gr. Sikasuu
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Relativierungen. Danke, die Redaktion/rc
Die europäischen Demokratien Frankreich und England als ignorante ,arrogante Kolonialmächte in Arabien.
Das ist die Kurzfassung für die Grundlagen der heutigen Konflikte im Nahen Osten.
Selbst nach der Unabhängigkeit von ihren Kolonialherren werden Araber wie dumme Jungs behandelt.
Die Entwicklung der arabischen Nationalstaaten wird auch weiter stagnieren, solange europäische und amerikanische Interessen wichtiger sind als die Interessen des Landes.
Bleibt Israel, die Kolonialmächte Frankreich und England versprechen den Juden Land das ihnen nicht gehört.
Der Protest gegen die "jüdische Heimstatt"auf arabischen Land wird heute als antisemitisch diffamiert.
Es hat sich nicht viel verändert seit Lawrence von Arabien und Feisal, Prinz der Hedschas.
Die Briten sind immer noch sehr eng dort in die Strukturen involviert.
Im Verlauf des Völkermordes im Jemen haben sich die Rüstungsexporte nach Saudi Arabien um fast 11000% erhöht.
Die Briten sorgen im Jemen für die Aufklärung der Ziele, weil die Saudis dazu nicht in der Lage sind.
Teilweise werden einzelne Kühe angegriffen weil das Volk ausgehungert werden soll, der Jemen ist ein extrem unwegsames Land, eine Bodeninvasion ist so gut wie unmöglich.
Das Land hat ca. 3% nutzbare Ackerfläche, die wird gezielt von den Saudis angegriffen.
Die Verstrickungen der Briten in den Völkermord reichen sehr weit.
Verwundernswert, dass man dazu wenig in der Presse liest.
https://www.theguardian.c...
"Britain’s deep ties to Saudi Arabia’s war in Yemen"
https://www.theguardian.c...
"Britain’s direct complicity in the war in Yemen must end"
Demokratie und Kolonialmacht ist ein Widerspruch in sich, eines von beiden kann dann nur Realität sein.
Damals wurden die Araber von den Kolonialmächten mit leeren Versprechungen hintergangen. Heute könnten sich mal die sog. demokratischen Kurden im Nahen Osten mal ein Beispiel nehmen.