Manche Landkarten sind kleine Kunstwerke: Sie bestechen durch Kolorierung und Strich, durch Präzision und Eleganz. Je nachdem, welchen Winkel der Welt sie abbilden und welches Thema sie veranschaulichen, muten sie unterschiedlich an: Harte Brüche erscheinen als klare Kontraste, während man allmähliche Übergänge an sanften Farbwechseln erkennt. Es ist der Versuch, das Wirrwarr der Welt in eine geordnete Zeichnung zu übersetzen. Dabei entstehen jedoch keine unschuldigen Abbilder der Wirklichkeit. Karten haben etwas Trügerisches, ihre Perfektion suggeriert eine Eindeutigkeit, die es real nicht gibt. Mehr noch: Karten können einem Landstrich seine politische, ökonomische und kulturelle Wirklichkeit überhaupt erst vorgeben.

Genau das taten die Kartografen, als sie während der Pariser Friedenskonferenz von Januar 1919 an die Welt zu Papier brachten: Ihre Karten entwarfen eine politisch erst noch zu begründende Realität. An ihren Zeichentischen entwarfen sie die Ordnung, die in Paris geschaffen werden sollte. Die Kartografen sollten die Argumente der Politiker und Unterhändler unterfüttern – mit Material, das selten über alle Zweifel erhaben war. Nicht wenige ihrer Zeichnungen, so fasste es der amerikanische Chefkartograf Isaiah Bowman zusammen, dienten der reinen Manipulation. "Es bräuchte eine gewaltige Monografie", schrieb er, "um eine Analyse all der Typen kartografischer Fälschungen zu erstellen, die der Krieg und der Frieden veranlassten. Eine Karte war ein glänzendes Poster, und allein der Umstand, dass es sich um eine Karte handelte, verschafften ihr Respekt und den Anschein von Authentizität. Eine manipulierte Karte hingegen war der Rettungsring für manches strauchelnde Argument."

Karten über Karten wurden für die Sitzungen der Pariser Friedenskonferenz gefertigt – jede Delegation hatte ihre Zeichner mitgebracht. Allein die Amerikaner beschäftigten etwa 100 von ihnen. Der Aufwand schien gerechtfertigt, denn die Aufgabe konnte größer kaum sein: Teile der arabischen Welt und Asiens wurden neu konfektioniert. Vor allem aber traf es Europa: Elf neue Staaten entstanden auf dem alten Kontinent; neue Grenzen wurden gezogen, Nationen und ihre Bevölkerungen neu definiert.

Besiegelt wurde die neue Ordnung durch die fünf Verträge, die zwischen Juni 1919 und August 1920 in den Pariser Vororten Versailles, Saint-Germain, Neuilly-sur-Seine, Trianon und Sèvres unterzeichnet wurden. Sie sollten das Schicksal des Kontinents bis ins 21. Jahrhundert hinein bestimmen.

Der junge britische Diplomat Harold Nicolson erinnerte sich, dass zumindest die Idealisten unter den nach Paris entsandten Unterhändlern mit großem, fast heiligem Ernst an ihre Aufgabe gingen: "Wir bereiteten nicht einfach Frieden, sondern ewigen Frieden vor", schrieb er später. "Uns umgab der Schein einer heiligen Nation. Wir mussten aufmerksam, streng, aufrichtig und asketisch sein. Denn wir waren im Begriff, große, dauerhafte und edle Dinge zu tun." Diese Dinge galt es möglichst fehlerfrei zu erledigen. Eindringlich erinnerte US-Präsident Woodrow Wilson daran, was auf dem Spiel stand: "Wenn es nicht richtig funktioniert, wird die Welt Zeter und Mordio schreien."

Mit entsprechend viel Personal reisten die Vertreter der 27 mit Deutschland im Krieg stehenden Staaten nach Paris, als die Konferenz im Januar 1919 begann: Über 10.000 Sachverständige, Vertreter, Unterhändler, Diplomaten und Politiker waren während jener gut zwölf Monate an den Verhandlungen beteiligt. Sie tagten in 58 Ausschüssen, beobachtet von rund 500 Journalisten. Allein in der Vollversammlung saßen mehr als 1000 Abgeordnete. Aufmerksam wachten sie über die Interessen ihrer Staaten, stets darauf bedacht, dass die Vorteile der anderen nicht auf Kosten des eigenen Landes gingen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/2019. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Eigentlich hatte die Konferenz in Paris nur der Vorverständigung der Siegermächte dienen und zu einem Präliminarfrieden führen sollen – der dann wie bei früheren Friedensschlüssen auf einem größeren Kongress mit den Verlierernationen verhandelt würde. Doch die Alliierten änderten ihre Pläne im Frühjahr 1919, weil die Verhandlungen untereinander kompliziert und langwierig genug waren.

Eine solche Mammutkonferenz wurde auch logistisch zu einer gewaltigen Herausforderung. Allein die Briten waren, zusammen mit den Vertretern ihrer Kolonien, zuletzt mit mehr als 1000 Mitarbeitern in Paris vertreten. Zunächst hatten sie nur das Hotel Astoria und das Hotel Majestic in der Avenue Kléber angemietet. Doch deren Kapazitäten – allein das Astoria hatte 430 Zimmer – waren bald erschöpft. Immer neue Buchungswünsche erreichten die britische Botschaft in Paris; deren Leiter, Edward Stanley, 17th Earl of Derby, kam den Anfragen kaum hinterher. "Es vergeht nicht ein Tag, an dem mich keine Telegramme erreichen, die mich bitten, die Unterbringung von Tom, Dick oder Harry zu gewährleisten", klagte er bereits im Vorfeld der Konferenz. Stanley mietete in strenger Absprache mit dem Finanzministerium zunächst das Hotel La Pelouse an, anschließend noch das Baltimore und das d’Albe.