Dem Mann war offensichtlich nicht ganz wohl in seiner Haut. Im Licht einer Tischlampe im neuen Reichssicherheitshauptamt saß SS-Obersturmführer Fritz Liebl an einem grauen Dezembernachmittag 1939 mehreren Vernehmungsbeamten gegenüber und musste über seinen Einsatz im besetzten Polen berichten. Liebl war einer von knapp 3000 deutschen Polizisten aus den Reihen der Einsatzgruppen, die der Wehrmacht dichtauf folgten, um Angehörige der polnischen Elite zu ermorden. Im Sommer 1939 waren die Kommandeure dieser Todesschwadronen von Reinhard Heydrich, dem Chef der deutschen Sicherheitspolizei, bei einem informellen Treffen in dessen Berliner Privatwohnung instruiert worden. Die "Intelligenzaktion" sollte die Bildung einer Widerstandsbewegung im Keim ersticken. Einige Einsatzgruppen jedoch erweiterten bald den Kreis der Verdächtigen, indem sie wahllos polnische Juden ermordeten. Besonders die Einsatzgruppe I hinterließ in den Schtetln Südostpolens blutige Spuren. Einer ihrer Kommandeure war SS-Sturmbannführer Alfred Hasselberg, einer seiner Untergebenen Fritz Liebl.