Sonderbare Stille

Von einer "gigantischen Demonstration", wie sie Berlin seit dem Kriege nicht mehr erlebt habe, sprachen die Zeitungen am nächsten Morgen: 20.000 Männer der SA, der SS und des Stahlhelms waren am Abend des 30. Januar 1933 durch das Regierungsviertel gezogen, um mit ungezählten Zuschauern den neuen Reichskanzler Adolf Hitler und seine rechte Koalitionsregierung zu feiern. Teilnehmer und Beobachter im In- und Ausland stuften den 30. Januar als historischen Tag ein, schon weil die Menschenmassen sie an ein anderes Ereignis erinnerten: Die "Stimmung", so verkündete der neue Reichsminister Hermann Göring noch am Abend im Radio, lasse sich nur "mit jenen Tagen im August 1914" vergleichen, als schon einmal die "Nation aufstand, um das wertvollste Gut des Vaterlandes, die Ehre und die Freiheit zu verteidigen".

Das bereits vor 1933 viel beschworene "Augusterlebnis", die nationalistische Euphorie eines "geeinten Volkes", mit der die deutschen Truppen 1914 in den Weltkrieg gezogen seien, war für die Nationalsozialisten von überragender Bedeutung. In ihm bündelte sich anschaulich, worauf das NS-Regime im Kern zielte: die Wiederherstellung der Einheit der Nation, die 1914 erreicht worden sei, bevor "Juden", "Novemberverbrecher" und andere "Volksfeinde" sie zerstört und damit die Kriegsniederlage besiegelt hätten. Nicht zuletzt die ikonisch gewordenen Bilder der den "Führer" umjubelnden Volksmassen, welche die Propagandamaschinerie nach 1933 beständig verbreitete, zeugen davon, wie sehr die Nationalsozialisten einer verklärten Erinnerung an die Jubelszenen zu Beginn des Ersten Weltkrieges nacheiferten.

Als das NS-Regime am 1. September 1939 einen neuen Krieg entfesselte, blieb es still auf den Straßen und Plätzen. Weder in Berlin noch in anderen Städten kam es an diesem Tag oder in den folgenden Wochen zu Massenaufläufen und Kundgebungen, wie sie das Erscheinungsbild des "Dritten Reiches" in den Dreißigerjahren so nachdrücklich bestimmt hatten. Politische Beobachter im In- und Ausland irritierte dies sehr. Viele wunderten sich über die gänzlich andere Stimmung, in der nichts von "einer Kriegsbegeisterung wie 1914" zu spüren war. Ausländische Journalisten werteten den "großen Unterschied zur Stimmung beim letzten Krieg" als das "Bemerkenswerteste" an der Lage in Deutschland: "Es gibt keine Hurrarufe, Paraden, Spruchbänder oder Blumen wie 1914", hielt etwa der amerikanische Journalist Lothrop Stoddard Joseph Goebbels in einem Interview im Januar 1940 vor Augen. Den Propagandaminister konnte dies nicht überraschen: Auch die Stimmungsberichte der NS-Sicherheitsorgane hatten vielfach die seltsame Stille dokumentiert, die nach Kriegsbeginn auf den Straßen herrschte.

Historikerinnen und Historiker haben sich diese Wahrnehmung zu eigen gemacht und aus der Beobachtung der "zweierlei Kriegsanfänge" von 1914 und 1939 weitreichende Schlüsse gezogen. In ihren Augen hat im Herbst 1939 "tiefe Niedergeschlagenheit" unter den Deutschen geherrscht, die nur "widerwillig" in den neuen Krieg gezogen seien. Trotz aller Propaganda habe das NS-Regime es nicht geschafft, das Volk hinter sich zu vereinen. Gemessen am selbst gesteckten Ziel, "eine dem August 1914 vergleichbare Kriegsbegeisterung zu entfachen", müsse "geradewegs von einem Scheitern des Regimes" gesprochen werden, gab der Militärhistoriker Wolfram Wette in einem wegweisenden Aufsatz vor 40 Jahren jene Deutung vor, die noch immer Bestand hat. Statt einer geeinten "Volksgemeinschaft" sei bei Kriegsbeginn vor allem sichtbar geworden, was Deutsche und NS-Führung voneinander trennte.

Doch es gibt gute Gründe, diese kanonisierte Deutung des Kriegsbeginns 1939 zu überdenken. Zu den wichtigsten gehört, dass die historische Forschung bereits vor einigen Jahren ein deutlich vielschichtigeres Bild der Reaktionen im August 1914 gezeichnet hat, als es die Gegenüberstellung der zweierlei Kriegsanfänge behauptet. Gerade die Auswertung persönlicher Briefe und Tagebücher hat nicht nur Begeisterung zutage gefördert: Auf dem Land sorgten sich Bauern ob der Probleme, die aus der kriegsbedingten Abwesenheit der Landarbeiter für ihre Höfe erwachsen würden. In den Städten konzentrierte sich der patriotische Jubel auf die Innenstädte, während in den Arbeitervierteln eine eher gedrückte Stimmung herrschte. Hier reagierte man im August 1914 distanziert bis ablehnend statt zustimmend oder begeistert. Getragen wurden die enthusiastischen Demonstrationen vor allem vom städtischen Bürgertum, zu dem auch jene Journalisten gehörten, deren Artikel und Berichte lange Zeit als Beleg für einen allgemeinen Kriegseifer galten. Doch inzwischen ist klar: Die in diesen Texten ausgedrückte Begeisterung der bürgerlichen Öffentlichkeit erfasste andere gesellschaftliche Gruppen nur in eher geringem Maße.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/2019. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Gleiches lässt sich für den Beginn des Zweiten Weltkriegs zeigen. Auch hier legen Tagebücher und Briefe statt übergreifender Niedergeschlagenheit ganz unterschiedliche Reaktionen frei. Berichteten manche Zeitgenossen von der "finsteren Wolke des Krieges, der Angst, der Trennungsnot", die sich auf die Gemüter der Deutschen gelegt habe, zeigten sich andere "überwältigt" und "stolz" auf einen "Feldzug", wie ihn "die Weltgeschichte ja noch nicht erlebt" habe. Es sei doch "wunderschön, Deutsche zu sein", schrieb die Schülerin Lore Walb.

Als Erklärung für die vermeintlich schlechtere Stimmung wird immer wieder die noch wache Erinnerung an den Ersten Weltkrieg angeführt. Doch auch sie hielt Zeitgenossen nicht davon ab, den neuerlichen Krieg zu begrüßen. Ein 1910 geborener Buchhalter etwa, der im Ersten Weltkrieg seinen Bruder verloren hatte, pries 1939 in seinem Tagebuch den neuen Krieg als Beweis für das nun "geeinte", zu allen Opfern bereite Volk und begriff den Tod seines Bruders als besondere Verpflichtung: "Bruder, Dich abzulösen, dazu bin ich bereit."

Auch zahlreiche jüdische Deutsche, denen bis Kriegsbeginn noch nicht die Flucht ins Ausland geglückt war, zeichneten ein gänzlich anderes Bild als das einer widerwillig in den Krieg ziehenden Nation. Der Romanist Victor Klemperer, der in den ersten Kriegstagen versuchte, die vox populi im Tagebuch zu erfassen, resümierte seine Eindrücke mit den Worten: "Alles in allem: Nachrichten und Maßnahmen ernst, Volksstimmung absolut siegesgewiß. Zehntausendmal überheblicher als 1914."

Ebenso wie im August 1914 reagierten die Deutschen auch im Herbst 1939 alles andere als einheitlich auf die Nachricht vom Kriegsbeginn. Das in ihren Aufzeichnungen greifbare Spektrum an Reaktionen unterscheidet sich nicht von jenem ein Vierteljahrhundert zuvor. Anders war lediglich das öffentliche Erscheinungsbild des Kriegsanfangs. Doch so wie sich aus den Jubelbildern vom August 1914 nicht einfach schlussfolgern lässt, dass die meisten Deutschen tatsächlich mit Begeisterung in den Weltkrieg zogen, lässt sich auch aus dem Umstand, dass es 1939 still auf den Straßen blieb, nicht schließen, dass gedrückte Stimmung vorgeherrscht habe.

Das gänzlich andere Erscheinungsbild versteht besser, wer einen genaueren Blick auf die propagandistische Inszenierung des Kriegsbeginns 1939 wirft. Die leeren Straßen und Plätze fügten sich nämlich ausgesprochen gut in das offizielle Bild, welches das NS-Regime von diesem Ereignis zu zeichnen versuchte. Statt eine dem August 1914 vergleichbare Kriegsbegeisterung entfachen zu wollen, verfolgte die Öffentlichkeitspolitik der NS-Führung im Herbst 1939 das entgegengesetzte Ziel: Erinnerungen an die jubelnden Massen des Sommers 1914 sollten möglichst vermieden werden.

Dies zeigt sich schon daran, dass die NS-Führung darauf verzichtete, sich direkt an das Volk zu wenden. Wichtige politische Ereignisse waren in den vorangegangenen Jahren stets von Kundgebungen und Ansprachen Hitlers oder anderer Repräsentanten des Staates begleitet worden, die der Rundfunk ins ganze Land übertragen hatte. Bei diesen Gelegenheiten entstand ein Großteil der Bilder, die den "Führer" umringt von einer ekstatischen Menschenmenge zeigen.

Doch als der Termin für den Angriff auf Polen näher rückte, verzichtete das NS-Regime auf diese Art der Kommunikation: Es wurden keine Massenversammlungen organisiert. Die führenden Repräsentanten von Staat und Partei hielten keine Volksreden, um die Stimmung aufzuheizen, im Gegenteil: Der für Anfang September vorgesehene Reichsparteitag und eine für Ende August geplante Feier zum 25. Jahrestag der Schlacht von Tannenberg wurden kurzfristig abgesagt. Beide Anlässe hätten die hervorragende Gelegenheit geboten, Bilder eines ekstatischen, kriegsbereiten Volkes zu produzieren. Selbst die NSDAP verzichtete im August und September auf Demonstrationen, die einen ähnlichen nationalistischen Begeisterungstaumel wie im August 1914 hätten wecken können.

Ein Jahr zuvor war dies noch anders gewesen. Als auf dem Höhepunkt der von den Nationalsozialisten provozierten Sudetenkrise ein Krieg in Europa unmittelbar bevorzustehen schien, hatte sich Hitler in einer Rede an die Deutschen gewandt. Die Großkundgebung im Berliner Sportpalast am 26. September 1938 war von Propagandaminister Goebbels aufwendig vorbereitet worden: Das Publikum war gezielt ausgewählt, die Radioübertragung mit Vorlauf angekündigt und der Beginn der Rede auf die beste Sendezeit am Abend gelegt worden, damit "das ganze Volk" an der "entscheidenden Stunde" der Nation teilhaben konnte, wie Goebbels in seinem Tagebuch notierte.

Sie saßen vor ihren Radiogeräten und hörten die "Führerrede"

Der Jubel, den die offen mit Krieg drohende Rede auslöste, sollte gezielt die Begeisterung von 1914 heraufbeschwören. Nach Hitlers Rede ließ Goebbels das Vaterlandslied von Ernst Moritz Arndt intonieren, unter dessen Klängen 25 Jahre zuvor die Soldaten in den Krieg gezogen waren.

Ähnliche Inszenierungen gab es 1939 nicht. Die Ansprache, die Hitler am 1. September hielt, fand nicht vor Zuschauermassen statt, die das Volk symbolisieren sollten. Er sprach in einer Sondersitzung des Reichstags, in einem staatstragenden Arrangement, was die Botschaft stützte, die Hitler an diesem Tag verkündete: Die Regierung habe alles versucht, den Konflikt mit Polen "auf dem Wege friedlicher Revisionsvorschläge" zu lösen; nun jedoch bleibe "kein anderes Mittel, als von jetzt ab Gewalt gegen Gewalt zu setzen".

Hitler propagierte das Bild einer ernsten, zum Waffengang gezwungenen Nation, er vermied sogar das Wort Krieg, sprach nur vom "Zurückschießen" und "Vergelten". Ebenso verbot das Propagandaministerium in der Berichterstattung Überschriften, in denen "das Wort Krieg enthalten ist! Nach der Rede des Führers schlagen wir nur zurück."

Die öffentliche Inszenierung des Kriegsbeginns zielte 1939 nicht darauf, allgemeine Begeisterung zu demonstrieren, sondern eine Nation zu zeigen, die sich einer von außen auferlegten Gefahr erwehrte. Jubelnde Massen hätten dieses Bild konterkariert. So unterließ das Regime diesmal die Mobilisierung des Volkes. Für die Fahrt Hitlers von der Reichskanzlei zur Krolloper, wo der Reichstag zusammenkam, war zwar für die Absperrung der Straßen durch SA und SS gesorgt worden. Aber ein Spalier jubelnder Zuschauer, wie es in den vorangegangenen Jahren regelmäßig mithilfe von Schulklassen und Betrieben organisiert worden war, wurde nicht herbeigeschafft.

Nicht einmal zum Beflaggen der eigenen Wohnungen rief die NS-Führung auf; ein Vorgang, der seit dem 30. Januar 1933 als Ausdruck politischer Anteilnahme fest etabliert war. Victor Klemperer zweifelte am Morgen des 1. September aus diesem Grund an den Schilderungen seines Nachbarn, als dieser ihm vom Beginn der Kampfhandlungen erzählte: "Wir sagten uns, es müßten schon Fahnen erscheinen, wenn der Bericht auch nur halbwegs stimmte."

Schreckte die Propaganda vor solchen Maßnahmen, vor dem Wort "Krieg" und vor öffentlichen Jubelfeiern zurück, weil sie um die Angst und die Ablehnung der "Volksgenossen" wusste? Viel spricht eher dafür, dass die seltsame Stille nicht aus Rücksichtnahme auf eine kriegsunwillige Bevölkerung entstand, sondern vielmehr das Ergebnis einer Öffentlichkeitspolitik war, die gar nicht das Ziel verfolgte, eine Kriegsbegeisterung wie 1914 zu entfachen. Und die den Unterschied offen herausstellte.

Robert Ley unterstrich in einer der ersten Reden führender NS-Größen nach Kriegsbeginn ausdrücklich, dass "im Deutschland von heute kein billiger Hurra-Patriotismus festzustellen" sei, sondern jeder "würdig, gefaßt und entschlossen bis zum letzten seine Pflicht" tue. Ebenso betonten die Zeitungen, dass das Fehlen begeisterter Massen nur zeige, wie "das deutsche Volk den Beginn der seit langem ersehnten Abwehr der polnischen Provokation und die Kriegserklärung Englands und Frankreichs mit ruhiger und eiserner Entschlossenheit" aufnehme.

Auch Goebbels selbst wurde nicht müde zu betonen, dass die Stimmung für den weiteren Kriegsverlauf eine vielversprechendere sei als 1914: "Heute haben wir nationale Einheit, Disziplin und eine Führung, die der von 1914 gewaltig überlegen ist", insistierte er etwa gegenüber dem ob der ausbleibenden Paraden so verwunderten amerikanischen Journalisten Stoddard. Im Januar 1940 erklärte Goebbels vor Mitarbeitern des Ministeriums, das deutsche Volk zeige genau die Haltung, die er sich wünsche. Wenn er wolle, könne er "in drei Tagen die Begeisterung von 1914 herstellen". Aber er wolle es nicht. Die gegenwärtige "Stimmungslage" sei eine "festere, für den weiteren Krieg bessere als vor 25 Jahren".

Historikerinnen und Historiker haben in dieser Behauptung bislang allein den Versuch erkannt, das Scheitern der psychologischen Mobilisierung für den Krieg zu überspielen. Aber in Goebbels’ Ausspruch steckt ein wahrer Kern: Selbstverständlich wäre es dem NS-Regime auch 1939 möglich gewesen, Bilder jubelnder Massen zu inszenieren, wie es dies in den vergangenen Jahren immer wieder getan hatte. Insofern lässt sich der Eindruck der zweierlei Kriegsanfänge durchaus dem Umstand zuschreiben, dass Goebbels und das NS-Regime nicht wollten. Statt die Kriegsbegeisterung des Ersten Weltkrieges zu imitieren, ging es ihnen darum, Distanz zu dieser zu behaupten.

So verstanden dokumentiert die Stille im September 1939 weniger das Scheitern der gesellschaftspolitischen Ziele des NS-Regimes als vielmehr die grundlegende Veränderung der deutschen Gesellschaft seit 1933 und jenes Öffentlichkeitsarrangements, das zu Beginn des Ersten Weltkrieges entstanden war: Der August 1914 hatte einen wesentlichen Moment in der Herausbildung einer breiten politischen Öffentlichkeit markiert. Auch wenn nur ein Teil der Deutschen auf die Straßen und Plätze gezogen war, eroberten die patriotischen Demonstrationen damals einen Raum für das Volk, der bislang vor allem für kaiserliche Paraden, Umzüge und Huldigungsfeiern genutzt worden war. Die Straße wurde zu einem Forum, auf dem die Deutschen selbstbewusst politische Forderungen erheben konnten. Diese Form der Öffentlichkeit zeigte sich auch noch in den Massenumzügen am 30. Januar 1933, zu denen es kam, weil die Anhänger der neuen Regierung vielerorts von sich aus auf die Straßen drängten.

Im September 1939 hingegen war eine andere Öffentlichkeit zu beobachten, geprägt von der politischen Kontrolle des NS-Regimes, gelenkten Massenmedien und einem in den vorangehenden Jahren grundlegend veränderten Verhalten der Deutschen. Selbst diejenigen, die das NS-Regime bewusst unterstützen wollten und den "Waffengang" begeistert begrüßten, zog es nicht mehr auf die Straßen und Plätze. Sie saßen am 1. September 1939 vor ihren Radiogeräten und hörten die "Führerrede", verdunkelten vorschriftsmäßig ihre Wohnungen oder richteten Luftschutzräume in ihren Kellern ein. Nur in die Öffentlichkeit gingen sie ohne die Aufforderung des NS-Regimes nicht mehr.

Nicht eine andere Haltung zum Krieg trennte die Kriegsanfänge 1914 und 1939. Deutschland und die Deutschen waren andere geworden.