Der Jubel, den die offen mit Krieg drohende Rede auslöste, sollte gezielt die Begeisterung von 1914 heraufbeschwören. Nach Hitlers Rede ließ Goebbels das Vaterlandslied von Ernst Moritz Arndt intonieren, unter dessen Klängen 25 Jahre zuvor die Soldaten in den Krieg gezogen waren.

Ähnliche Inszenierungen gab es 1939 nicht. Die Ansprache, die Hitler am 1. September hielt, fand nicht vor Zuschauermassen statt, die das Volk symbolisieren sollten. Er sprach in einer Sondersitzung des Reichstags, in einem staatstragenden Arrangement, was die Botschaft stützte, die Hitler an diesem Tag verkündete: Die Regierung habe alles versucht, den Konflikt mit Polen "auf dem Wege friedlicher Revisionsvorschläge" zu lösen; nun jedoch bleibe "kein anderes Mittel, als von jetzt ab Gewalt gegen Gewalt zu setzen".

Hitler propagierte das Bild einer ernsten, zum Waffengang gezwungenen Nation, er vermied sogar das Wort Krieg, sprach nur vom "Zurückschießen" und "Vergelten". Ebenso verbot das Propagandaministerium in der Berichterstattung Überschriften, in denen "das Wort Krieg enthalten ist! Nach der Rede des Führers schlagen wir nur zurück."

Die öffentliche Inszenierung des Kriegsbeginns zielte 1939 nicht darauf, allgemeine Begeisterung zu demonstrieren, sondern eine Nation zu zeigen, die sich einer von außen auferlegten Gefahr erwehrte. Jubelnde Massen hätten dieses Bild konterkariert. So unterließ das Regime diesmal die Mobilisierung des Volkes. Für die Fahrt Hitlers von der Reichskanzlei zur Krolloper, wo der Reichstag zusammenkam, war zwar für die Absperrung der Straßen durch SA und SS gesorgt worden. Aber ein Spalier jubelnder Zuschauer, wie es in den vorangegangenen Jahren regelmäßig mithilfe von Schulklassen und Betrieben organisiert worden war, wurde nicht herbeigeschafft.

Nicht einmal zum Beflaggen der eigenen Wohnungen rief die NS-Führung auf; ein Vorgang, der seit dem 30. Januar 1933 als Ausdruck politischer Anteilnahme fest etabliert war. Victor Klemperer zweifelte am Morgen des 1. September aus diesem Grund an den Schilderungen seines Nachbarn, als dieser ihm vom Beginn der Kampfhandlungen erzählte: "Wir sagten uns, es müßten schon Fahnen erscheinen, wenn der Bericht auch nur halbwegs stimmte."

Schreckte die Propaganda vor solchen Maßnahmen, vor dem Wort "Krieg" und vor öffentlichen Jubelfeiern zurück, weil sie um die Angst und die Ablehnung der "Volksgenossen" wusste? Viel spricht eher dafür, dass die seltsame Stille nicht aus Rücksichtnahme auf eine kriegsunwillige Bevölkerung entstand, sondern vielmehr das Ergebnis einer Öffentlichkeitspolitik war, die gar nicht das Ziel verfolgte, eine Kriegsbegeisterung wie 1914 zu entfachen. Und die den Unterschied offen herausstellte.

Robert Ley unterstrich in einer der ersten Reden führender NS-Größen nach Kriegsbeginn ausdrücklich, dass "im Deutschland von heute kein billiger Hurra-Patriotismus festzustellen" sei, sondern jeder "würdig, gefaßt und entschlossen bis zum letzten seine Pflicht" tue. Ebenso betonten die Zeitungen, dass das Fehlen begeisterter Massen nur zeige, wie "das deutsche Volk den Beginn der seit langem ersehnten Abwehr der polnischen Provokation und die Kriegserklärung Englands und Frankreichs mit ruhiger und eiserner Entschlossenheit" aufnehme.

Auch Goebbels selbst wurde nicht müde zu betonen, dass die Stimmung für den weiteren Kriegsverlauf eine vielversprechendere sei als 1914: "Heute haben wir nationale Einheit, Disziplin und eine Führung, die der von 1914 gewaltig überlegen ist", insistierte er etwa gegenüber dem ob der ausbleibenden Paraden so verwunderten amerikanischen Journalisten Stoddard. Im Januar 1940 erklärte Goebbels vor Mitarbeitern des Ministeriums, das deutsche Volk zeige genau die Haltung, die er sich wünsche. Wenn er wolle, könne er "in drei Tagen die Begeisterung von 1914 herstellen". Aber er wolle es nicht. Die gegenwärtige "Stimmungslage" sei eine "festere, für den weiteren Krieg bessere als vor 25 Jahren".

Historikerinnen und Historiker haben in dieser Behauptung bislang allein den Versuch erkannt, das Scheitern der psychologischen Mobilisierung für den Krieg zu überspielen. Aber in Goebbels’ Ausspruch steckt ein wahrer Kern: Selbstverständlich wäre es dem NS-Regime auch 1939 möglich gewesen, Bilder jubelnder Massen zu inszenieren, wie es dies in den vergangenen Jahren immer wieder getan hatte. Insofern lässt sich der Eindruck der zweierlei Kriegsanfänge durchaus dem Umstand zuschreiben, dass Goebbels und das NS-Regime nicht wollten. Statt die Kriegsbegeisterung des Ersten Weltkrieges zu imitieren, ging es ihnen darum, Distanz zu dieser zu behaupten.

So verstanden dokumentiert die Stille im September 1939 weniger das Scheitern der gesellschaftspolitischen Ziele des NS-Regimes als vielmehr die grundlegende Veränderung der deutschen Gesellschaft seit 1933 und jenes Öffentlichkeitsarrangements, das zu Beginn des Ersten Weltkrieges entstanden war: Der August 1914 hatte einen wesentlichen Moment in der Herausbildung einer breiten politischen Öffentlichkeit markiert. Auch wenn nur ein Teil der Deutschen auf die Straßen und Plätze gezogen war, eroberten die patriotischen Demonstrationen damals einen Raum für das Volk, der bislang vor allem für kaiserliche Paraden, Umzüge und Huldigungsfeiern genutzt worden war. Die Straße wurde zu einem Forum, auf dem die Deutschen selbstbewusst politische Forderungen erheben konnten. Diese Form der Öffentlichkeit zeigte sich auch noch in den Massenumzügen am 30. Januar 1933, zu denen es kam, weil die Anhänger der neuen Regierung vielerorts von sich aus auf die Straßen drängten.

Im September 1939 hingegen war eine andere Öffentlichkeit zu beobachten, geprägt von der politischen Kontrolle des NS-Regimes, gelenkten Massenmedien und einem in den vorangehenden Jahren grundlegend veränderten Verhalten der Deutschen. Selbst diejenigen, die das NS-Regime bewusst unterstützen wollten und den "Waffengang" begeistert begrüßten, zog es nicht mehr auf die Straßen und Plätze. Sie saßen am 1. September 1939 vor ihren Radiogeräten und hörten die "Führerrede", verdunkelten vorschriftsmäßig ihre Wohnungen oder richteten Luftschutzräume in ihren Kellern ein. Nur in die Öffentlichkeit gingen sie ohne die Aufforderung des NS-Regimes nicht mehr.

Nicht eine andere Haltung zum Krieg trennte die Kriegsanfänge 1914 und 1939. Deutschland und die Deutschen waren andere geworden.