Juli 1969, Millionen Menschen sitzen vor Flimmerkisten und Neil Armstrong hüpft auf den Mond. Wie groß war dieser Schritt für die Wissenschaft? Und müssen Menschen da wieder hin? Reisen Sie mit uns in die Geschichte und Zukunft in unserem Schwerpunkt "Zum Mond und zurück".

ZEIT Geschichte: Herr Brunner, über Istanbul, wo Sie gerade sind, stand heute Nacht der Vollmond. Gut geschlafen?

Bernd Brunner: Die Nacht war unruhig. Aber der Mond war kaum auszumachen, hinter all den Wolken.

ZEIT Geschichte: Viele Menschen sind überzeugt, dass der Mond ihr Leben bestimmt.

Brunner: Diesen Glauben will ich niemandem nehmen. Tatsache ist, dass zwischen Tiefe oder Dauer des Schlafes und der Mondphase kein Zusammenhang nachgewiesen werden kann. Möglicherweise, so spekuliert zum Beispiel der amerikanische Psychiatrie-Professor Charles Raison, hat der Mensch aber im Laufe der Zeit ein "kulturelles Fossil" ausgebildet, eine biologische Grundausstattung, die durch die Mondphasen geprägt wurde, ähnlich wie einige Tiere und Pflanzen. Die wichtigere Frage aber scheint mir: Schlafe ich schlecht, weil ich den Vollmond am Himmel habe stehen sehen? Dann ist die unruhige Nacht eher eine Prophezeiung, die sich selbst erfüllt.

ZEIT Geschichte: Warum schauen wir so gebannt auf den Mond?

Brunner: Es hilft vielleicht, sich den Himmel vorzustellen, bevor das elektrische Licht das Leuchten der Sterne verblassen ließ: Der Mond war der hellste Punkt und nach der Sonne der zweithellste Himmelskörper überhaupt. Ins Mondlicht können wir blicken, es ist 400.000-mal schwächer als das der Sonne. In der Oberfläche des Mondes mit ihren Kratern, Gräben und Ebenen meinen wir allerlei Dinge zu sehen: ein Gesicht, einen Mann, Tiere, Formen, was auch immer. Der Mond und sein Licht spielten für die Menschen bis vor etwa 200 Jahren auf jeden Fall eine viel größere Rolle: Als er die Nacht noch erleuchtete, war er der Herrscher.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/2019. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

ZEIT Geschichte: Noch im 19. Jahrhundert waren Astronomen, Geistliche, selbst Richter der Meinung, der Mond könne Menschen sogar in den Wahnsinn treiben.

Brunner: Mindestens glaubte man an einen unheilvollen Einfluss auf die menschliche Seele. Auch Ärzte studierten bis ins 19. Jahrhundert Mondkalender. Der Deutsche Franz Anton Mesmer zum Beispiel stellte um 1770 die Theorie auf, dass sich die Psyche seiner Patienten mit den Mondphasen verändere. Er sah unsichtbare Flüssigkeiten im Körper am Werke, die auf die Anziehung des Mondes und der Planeten reagierten. Auch bei Tollwut und Epilepsie, "Hysterie" und "Wahnsinn" und selbst beim Fieber vermuteten Mediziner den Mond als Ursache oder Taktgeber. Einige Menschen galten dabei als besonders gefährdet, man nannte sie die "Mondsüchtigen".

ZEIT Geschichte: Wie äußerte sich denn eine solche "Mondsucht", und wie ging die Gesellschaft damit um?

Brunner: Als "Mondsüchtiger" galt jemand, der nach Vollmond von einer Phase der Dummheit heimgesucht wird – so definierte es zum Beispiel der Lunacy Act, den 1845 das britische Parlament verabschiedete. Menschen mit einer solchen Diagnose wurden in geschlossene Anstalten eingewiesen, nicht nur im Vereinigten Königreich. Wenn der Vollmond nahte, wurden die lunatics nicht selten angekettet und geschlagen. Dieser Umgang hat sowohl bei den "Patienten" als auch bei Ärzten, Polizisten und der Bevölkerung den allgemeinen Schauer bei Vollmondnächten zu einer gesellschaftlichen Panik werden lassen, einer Massenpsychose. Bis heute steht das Wort lunacy im Englischen für "Irrsinn", also für eine schwere psychische Krankheit.

ZEIT Geschichte: Sind Nächte, in denen es heller ist als sonst, denn nicht für Verbrechen oder Ekstase prädestiniert?

Brunner: Natürlich gibt es seit Jahrhunderten Geschichten von Nachtwesen, die wir alle kennen: Da ist der Vampir, der im fahlen Mondlicht dem Grab entsteigt, oder der Mensch, der kurz zuvor noch rechtschaffen und friedlich war, aber im Mondlicht zum Werwolf mutiert. Oder denken Sie an die Bilder von Schlafwandlern, die wie in Trance aufstehen und mit der Mütze auf dem Kopf, die Arme voran, durchs Haus irren oder sogar aufs Dach steigen. In welcher Weise der Mond den Menschen tatsächlich beeinflusst, hat die Forschung mit allen erdenklichen Fragestellungen untersucht: ob es bei Vollmond mehr Morde, Suizide, Einbrüche, Unfälle gibt zum Beispiel; aber auch, ob mehr Kinder zur Welt kommen. Eine Verbindung ließ sich in keinem Fall zweifelsfrei herstellen. Polizisten und Ärzte wüssten sicher gerne im Voraus, wann sie viel zu tun bekommen, doch der Mond hilft ihnen dabei nicht.

ZEIT Geschichte: Sein Mythos hält sich aber hartnäckig: Millionen Deutsche kaufen fleißig Mondkalender und Mondratgeber mit Titeln wie Fragen an den Mond oder Mit dem Mond durchs Gartenjahr. Was bringen uns solche Bücher?

Brunner: Ich bezweifele, dass die Leser sich tatsächlich nach den Ratschlägen richten, die darin stehen; wahrscheinlich suchen die meisten in ihnen eher nach Unterhaltung. Häufig findet man in dieser Art von Büchern übrigens einen Bezug zu einem angeblichen "alten Wissen", das verloren gegangen sein soll. Zitiert wird aber nur, was den Autoren gerade passt. Ein Beispiel: Fast durchweg wird der Mond als "weibliche Gottheit" dargestellt. Aber der kulturhistorische Befund ist komplexer: Im Rigveda zum Beispiel, einer 4000 Jahre alten hinduistischen Schrift, ist der Mond männlich und die Sonne sein weiblicher Widerpart. Auch in der nordischen Mythologie ist "Mani", der Mondgott, ein Mann. Allzu ernst kann man diese Ratgeber und Kalender nicht nehmen.

ZEIT Geschichte: Mondratgeber und Mondkalender gibt es schon seit Jahrhunderten. Suchten die Menschen in früheren Zeiten darin auch nur Unterhaltung?

Brunner: Nein. Vor der Aufklärung und der Entstehung der Wissenschaft im heutigen Sinne waren die Grenzen zwischen Aberglaube und Wissen viel weniger klar. Die im 16. und 17. Jahrhundert beliebten und weitverbreiteten Mondkalender zeigen das deutlich: Sie stellten nicht nur die Mondphasen dar, sondern ordneten das Jahr sinnvoll nach wahrscheinlicher Witterung und Sonnenscheindauer, damit die Landwirtschaft sich danach richten konnte und wusste, wann zum Beispiel die Aussaat beginnen kann.