Kolonien waren Orte, an denen Männer sich zu bewähren hatten. Für Frauen hingegen galten sie als zu unwirtlich und gefährlich. Europäerinnen würden "unter den klimatischen Einflüssen und in der ungewohnten Umgebung [...] blutarm und nervös", hieß es 1916 in einer wissenschaftlichen Abhandlung. Ihr "Nervenleben und der geregelte Seelenzustand" würden erschüttert, häufig hätten sie deshalb Fehlgeburten.

Kein Wunder, dass in allen deutschen Kolonien deutlich mehr weiße Männer lebten als weiße Frauen. In Deutsch-Südwestafrika etwa lag das Verhältnis 1912 bei drei zu eins: Auf 9046 Männer kamen 2808 Frauen. Beinahe zwangsläufig entwickelten sich deshalb sexuelle Beziehungen zwischen deutschen Männern und einheimischen Frauen. Viele Kolonisten sahen es geradezu als ihr Recht an, nicht nur fremde Gebiete in Besitz zu nehmen, sondern auch die dort lebenden Frauen. Haushaltshilfen mussten auch sexuell zu Diensten stehen. Zudem wirkten die indigenen Frauen und ihr oft freier Umgang mit Sexualität faszinierend auf die Neuankömmlinge, die an rigide Sexualnormen gewöhnt waren.

Häufig nutzten die deutschen Männer ihre Macht aus, doch lebten viele "gemischte" Paare auch einvernehmlich zusammen. Davon konnten beide Seiten profitieren: Den Frauen eröffneten sich neue Waren- und Konsumwelten, zudem bedeutete ein weißer Partner meist einen Prestigegewinn. Die Männer hatten es im Gegenzug leichter, an Landbesitz zu kommen und Handelsbeziehungen zu knüpfen, außerdem lernten sie die einheimische Sprache schneller.

Aus anfangs zweckorientierten Verbindungen konnten sich vertrauensvolle Partnerschaften entwickeln. Besonders in den Südsee-Kolonien des Kaiserreichs schlossen viele weiße Kolonisten zunächst auf traditionelle Art eine Ehe mit einer einheimischen Frau, die sie im Anschluss von einem deutschen Standesbeamten beurkunden lassen konnten. Dabei ging es nicht zuletzt darum, die Erbansprüche der Frauen und Kinder zu sichern.

In Deutschland wurden diese als "Mischehen" bezeichneten Verbindungen zunehmend als bedrohlich wahrgenommen. Obwohl es den Zahlen nach um ein eher seltenes Phänomen ging: 1913 gab es offiziell nur 46 "Mischehen" in Deutsch-Südwestafrika, 22 in Deutsch-Neuguinea, 76 in Samoa und keine einzige in Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Togo. Während der gesamten Dauer der deutschen Kolonialherrschaft wurden nur 166 solcher Verbindungen registriert. Größer als ihre Zahl war jedoch der Symbolcharakter: "Mischehen" standen im Kaiserreich für die Gefahr, dass sich die Sphären der "Weißen" und der "Eingeborenen" nicht mehr trennen ließen und damit die koloniale Ordnung insgesamt ins Wanken geriet. Der rassistische Geist der Segregation begründete eine unterschiedliche Rechtsprechung ebenso wie die Trennung von Wohnvierteln, Schulen und Krankenhäusern.

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Kritiker fürchteten zudem, "Rassenmischlinge" könnten zu viel Einfluss in den Kolonien gewinnen. Denn nach deutschem Recht erlangte eine ausländische Frau durch die Hochzeit mit einem deutschen Mann dessen Staatsangehörigkeit, die an die gemeinsamen Kinder weitergegeben wurde. Frauen und Kinder konnten also zu "farbigen Deutschen" werden, die nicht mehr unter die Gesetzgebung für Eingeborene fielen. Sogar eine Beamten- oder Militärlaufbahn stand ihnen offen.

Die "Mischlingskinder" allerdings, so die verbreitete Überzeugung, würden nur die schlechten Eigenschaften beider Rassen erben, daher gehe von ihnen eine erhöhte Gefahr des politischen Umsturzes aus. Weiße Männer wiederum, die mit einer einheimischen Frau zusammenlebten, würden "verkaffern", was so viel bedeutete wie kulturell auf Eingeborenen-Niveau herabsinken. "Kaffer" war damals die rassistische Bezeichnung für Volksgruppen im südlichen Afrika.

Noch steigern ließ sich der Skandal nur unter umgekehrten Vorzeichen: Die wenigen Beziehungen weißer Frauen mit einheimischen Männern galten als so verwerflich, dass sie vollständig tabuisiert wurden.