Im März 1951 wendet sich Ursula Geßler aus Bayern mit einem Brief an Jakob Kaiser, den Bundesminister für gesamtdeutsche Angelegenheiten. Sie möchte ihre Verwandten, die "in der Ostzone leben und infolge der Entwicklung der Dinge sehr bedürftig" sind, durch Lebensmittelpakete unterstützen. Allerdings seien ihre Päckchen wiederholt in der DDR beschlagnahmt worden. Das empfinde sie als ungerecht, denn "unserem Gefühl nach sind unsere Verwandten in der Ostzone Deutsche wie wir". Ursula Geßler insistiert: Die Behörden sollten "selbst bei Bestehen derartig widersinniger Zollvorschriften sehr großzügig verfahren".

Ihr Brief bezeugt das durchaus typische Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Menschen in beiden Teilen Deutschlands verband. Die Menschen im Osten wie im Westen wollten durch den Versand von Paketen die Teilung überwinden.

Von 1949 an gab die Bundesregierung regelrechte Werbekampagnen in Auftrag: Die Bürger wurden aufgefordert, Pakete in die DDR zu schicken. 19,8 Millionen Sendungen verließen die Bundesrepublik zwischen 1955 und 1960 Richtung Osten, nach dem Mauerbau schoss die Zahl auf durchschnittlich 25 Millionen Päckchen pro Jahr in die Höhe. Ein Teil der Versandkosten ließ sich von der Steuer absetzen.

1955, als es in der DDR wirtschaftlich bergauf ging, stiegen die Versandzahlen im Osten an. Nun konnten auch DDR-Bürger ihre Verwandten im Westen mit Paketen beglücken. Bis 1960 wurden beinahe 18,6 Millionen Päckchen von Ost nach West geschickt. Für beide Regierungen hatten die Sendungen auch eine politische Funktion: Sie sollten dem Empfänger die Überlegenheit der eigenen Wirtschaft und des politischen Systems demonstrieren.

Die frühen Westpakete enthielten meist Lebensmittel mit langer Haltbarkeit: Kaffee, Mehl, Zucker, Fleischkonserven und Butter, gern auch getragene Kleidung. Später verschickten die Absender Drogerieartikel und Markenprodukte wie Levi’s- oder Wrangler-Jeans. Die Absender der Ostpakete dagegen sahen sich über die Jahre hinweg vor die Frage gestellt, was man jemandem schenken sollte, der alles zu haben schien. Die meisten entschieden sich für Nussknacker, Schwibbögen aus dem Erzgebirge, umhäkelte Decken und regionale Spezialitäten. Zu Weihnachten wurde dann der oft aus bundesrepublikanischen Zutaten gebackene Stollen eingepackt.

Um den Paketversand in beide Richtungen besser kontrollieren zu können, erließ die DDR 1954 die "Verordnung über den Geschenkpaket- und -päckchenverkehr auf dem Postweg mit Westdeutschland, Westberlin und dem Ausland". Zusätzlich galten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Durchführungsbestimmungen, um die Einfuhr bestimmter Waren zu reglementieren.

Generell durften Päckchen maximal sieben Kilogramm wiegen und mussten mit der Aufschrift "Geschenksendung, keine Handelsware" versehen sein. Um den Schwarzhandel einzudämmen, war es verboten, den Inhalt weiterzuverkaufen oder zu tauschen. Die Pakete durften kein Geld und keine Schallplatten, Bücher, Zeitschriften und Tageszeitungen aus der Bundesrepublik enthalten. Nach 1961 wurde die Einfuhr von Kaffee, Tabak, Sekt und Spirituosen begrenzt, bis die Beschränkungen 1977 wieder aufgehoben wurden – unter anderem, weil die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt explodiert waren und Kaffee in der DDR knapp wurde.