Der Weg vom einen in das andere Deutschland führte nicht nur in den Westen. Oft wird vergessen, dass zwischen 1949 und 1989 etwa 550.000 Menschen die Gegenrichtung einschlugen und aus der Bundesrepublik in die DDR übersiedelten. Die meisten von ihnen wanderten in den Jahren bis zum Mauerbau aus, und immerhin 330.000 blieben dauerhaft im Osten.

In einer Zeit, in der kommunistisch-sozialistische Ideen und liberale Demokratievorstellungen um die Gunst der Deutschen konkurrierten, galten die Übersiedler aus dem Westen in der DDR als Kronzeugen für die Überlegenheit des eigenen Systems. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bilanzierte 1964: "Die wachsende politische und ökonomische Stärke und Anziehungskraft der Deutschen Demokratischen Republik sowie die zunehmende Verschärfung der Ausbeutung des Militarisierungs- und Faschisierungsprozesses und der sozialen Ungleichheit in Westdeutschland haben dazu geführt, dass ein bedeutender Teil der in Westdeutschland lebenden Bürger in ihre Heimat zurückgekehrt ist und zahlreiche Westdeutsche und Westberliner hierher übersiedelten."

Gleichzeitig fürchteten SED und MfS jedoch, sich mit den Neubürgern das "Gift des Kapitalismus" oder feindliche Agenten ins Land zu holen. Langfristig hatten liberalere Einwanderungskonzepte – wie sie etwa im DDR-Innenministerium vertreten wurden, um dem Fachkräftemangel zu begegnen – gegen solche Ängste keine Chance. Der Mauerbau war für die SED letztlich auch ein Mittel, um die Zuwanderung zu regulieren.

Prominente Übersiedler jedoch waren wichtige Aushängeschilder für das Regime. Zu ihnen zählten der Dramatiker Heinar Kipphardt, der Schriftsteller Stefan Heym, der Liedermacher Wolf Biermann, der Naturwissenschaftler Robert Havemann, der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch und westdeutsche Politiker wie der ehemalige stellvertretende niedersächsische Ministerpräsident Günther Gereke. Immer wieder wurden die Prominenten nach ihrer Haltung zur DDR befragt und ihre politischen Motive für den Wechsel hervorgekehrt, während andere Beweggründe offiziell unter den Tisch fielen. Biermann gab 1953 an, die DDR habe entschiedener als die Bundesrepublik mit den Nationalsozialisten abgerechnet.

Für die Masse der bundesdeutschen Übersiedler waren unpolitische und sehr persönliche Gründe ausschlaggebend, den Aufbruch zu wagen. Das zeigen Erhebungen der ost- wie westdeutschen und alliierten Stellen übereinstimmend. An erster Stelle standen private und familiäre Motive, wozu auch der Versuch zählte, sich einer drohenden Strafe oder einem Berg von Schulden zu entziehen. Das SED-Regime indes wertete auch private Motive als politische Entscheidung für den Sozialismus. Wer sich lautlos in die DDR-Gesellschaft einpasste, signalisierte damit seine Zustimmung.

An zweiter Stelle standen wirtschaftliche Überlegungen. Ein signifikanter Teil der Neubürger wollte sich materiell verbessern oder versprach sich von einem Umzug, dass es die Kinder einmal besser haben würden. Die DDR punktete vor allem mit ihrer Arbeitsplatz- und Wohnungsgarantie und von den Sechzigerjahren an auch mit Frauen- und Familienthemen, etwa der hohen Rate weiblicher Erwerbstätigkeit und der staatlich organisierten umfassenden Kinderbetreuung. Auch das liberale Abtreibungsrecht spielte eine Rolle, das im Osten vor allem unter medizinischen Aspekten diskutiert wurde. Dass dieselbe Sprache gesprochen wurde, erleichterte die Entscheidung für eine Übersiedlung in vielen Fällen.

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Am Ende gab für die Zuwanderer der mutmaßlich größte persönliche Nutzen den Ausschlag; dagegen spielte die Sorge, in einer Diktatur mit beschränkten Freiheiten zu leben, eine untergeordnete Rolle. Weil die Übersiedler ihre Entscheidung für die DDR nicht als politisches Votum ansahen, konnte sich fast jeder zweite auch problemlos wieder auf den Weg zurück in die Bundesrepublik machen, wenn die Wirklichkeit den Erwartungen nicht entsprach – bis 1961 der Rückweg abgeschnitten wurde.

Die Mauer war von nun an das in Beton gegossene Argument gegen alle objektiven und subjektiven Vorteile des realen Sozialismus. Bezeichnenderweise entschieden sich nach ihrem Bau nur noch wenige Tausend Menschen für ein Leben in der DDR.

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