Er hat die Leiter die ganze Zeit fest im Visier. Senkrecht führt sie aus dem Becken des Humboldthafens hoch auf die Westseite. Bis dorthin muss er es schaffen, quer durch das Hafenbecken.

Es sind doch nur knapp 50 Meter.

Die Chancen für eine Flucht stehen gut am Nachmittag des 24. August 1961. Elf Tage nach der Absperrung der Sektorengrenze ist die Berliner Mauer noch kein Bollwerk. Lediglich Postenketten und Stacheldraht verwehren den Weg in den Westen der Stadt. Hier und da werden die ersten Mauerfragmente aus Hohlblocksteinen in den Boden gerammt.

Günter Litfin, 24 Jahre, groß, schlank, feine Gesichtszüge, einen Seidenschal im Hemdkragen, wie ihn der Frauenschwarm O. W. Fischer trägt, ist Grenzgänger; der gelernte Schneider arbeitet im Maßatelier Crokul in der Nähe des Bahnhofs Zoo und näht Anzüge für Filmgrößen wie O. E. Hasse. Liftin träumt davon, Theaterschneider zu werden. Er will nach West-Berlin ziehen, eine kleine Wohnung in Charlottenburg hat er schon gefunden.

Am 13. August hört Günters Bruder Jürgen früh am Morgen im Rias die Nachricht von der Abriegelung der Grenze. Er rüttelt Günter wach. Sie machen sich mit dem Fahrrad auf den Weg. Tag für Tag erkundet Günter Litfin fortan die Grenze. In ihm reift ein Entschluss. Täglich hört er von jenen, die es in den Westen geschafft haben. Und von Schüssen auf Flüchtende ist bislang nichts bekannt. Schlimmstenfalls wird er im Gefängnis landen.

Litfin will durchs Becken des Humboldthafens schwimmen, eine Ausbuchtung des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals gleich hinter dem Klinikum Charité in Berlin-Mitte. Nie hat er auf seinen Erkundungen hier eine Patrouille gesehen. Er wähnt sich so sicher, dass er die Flucht am helllichten Tag wagt, nachmittags um vier. Ein guter Schwimmer wie er schafft die kurze Strecke in weniger als einer Minute. Vielleicht reicht die Luft sogar zum Tauchen, dann könnte er ungesehen ans andere Ufer gelangen.

Was er nicht weiß: Zwei Tage zuvor hat SED-Generalsekretär Walter Ulbricht befohlen, "dass jeder, der die Grenze unserer Deutschen Demokratischen Republik verletzt, durch Anwendung der Waffe zur Ordnung gerufen wird". Zu jedem Dienstantritt an der Grenze wird jetzt scharfe Munition ausgegeben.

Litfin taucht nicht, er schwimmt. Eine Patrouille der Transportpolizei sieht ihn sofort, vielleicht schon, als er sich ins Wasser hinablässt. Polizeimeister Herbert Plaul fordert Litfin zum Haltmachen auf. Der aber reagiert nicht. Als Litfin etwa in der Mitte des Hafenbeckens ist, feuert Plaul eine MP-Salve ins Wasser. Litfin schwimmt weiter, es sind doch nur noch gut 20 Meter. Jetzt gibt Plaul gezielte Schüsse ab. Eine Kugel trifft.

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Als Litfins Leiche kurz nach 19 Uhr vom Osten aus geborgen wird, haben sich am Westufer Hunderte Menschen versammelt. "Hals- und Mundbodendurchschuß, verbunden mit Ertrinken", steht auf dem Totenschein.

Günter Litfin ist der erste Mensch, der an der Berliner Mauer erschossen wird. Das erste Maueropfer ist er nicht. Fünf Tage zuvor ist die 58-jährige Ida Siekmann nach einem Sprung aus dem Fenster ihrer im dritten Stock gelegenen Wohnung in der Bernauer Straße gestorben. Der Gehweg davor gehört schon zum Westberliner Bezirk Wedding.