Bis heute sind sich Expertinnen nicht einig, ob die Reichskrone schon im 10. Jahrhundert entstanden ist. Sie besteht aus acht mit 120 Edelsteinen besetzten goldenen Platten und symbolisiert den Bund Gottes mit den Menschen. Bis 1806 war sie eines der wichtigsten Symbole des Reichs. © Oliver Berg/​dpa

Im Schatten der Niederlage gegen Napoleon suchte die deutsche Einigungsbewegung nach den "Kraftquellen der Nation" im Mittelalter – und fand sie in der Entstehung des deutschen Reiches im 10. und 11. Jahrhundert. Dasselbe Muster lässt sich für die Zeit nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg erkennen: Wieder erinnerten sich die Deutschen an diese ferne Vergangenheit, als man Vormacht in Europa war. Stets waren es Momente nationaler Schwäche und Demütigung, in denen die Geburt des mittelalterlichen Reiches in Deutschland nationale Sehnsüchte weckte.

Dabei lässt sich kein konkretes Geburtsdatum ausmachen – in der Mittelalterforschung hat sich eher die Vorstellung von einem "gestreckten Verlauf" der Reichswerdung durchgesetzt. Der Historiker Carlrichard Brühl jedoch bestritt 1990 auch dies: Das gesamte 10. Jahrhundert sei noch durch fränkische Herrschaftsvorstellungen gekennzeichnet gewesen. Offen blieb aber letztlich, was denn die Kriterien für die Existenz eines deutschen Reiches sind, die die Ausrufung einer neuen Ära rechtfertigen.

Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass vormoderne Völker und Reiche nicht "geboren" werden, sondern Ergebnisse langwieriger Entwicklungen sind, die keinen konstitutiven Akt aufweisen. Mehrere Entscheidungsjahre gelten als Meilensteine auf dem Weg zu einem deutschen Reich.

Im Jahr 843 regelte der Vertrag von Verdun die Dreiteilung des Karolingerreiches unter den Söhnen Ludwigs des Frommen. Er sprach Ludwig dem Deutschen ein ostfränkisches Reich zu, das die Völker oder Stämme der Bayern, Alemannen, Ostfranken und Sachsen sowie Teile Lotharingiens umfasste. Mit Ausnahme des Ostens waren dies im Wesentlichen die Gebiete, die später das deutsche Reich bildeten. Die lange Regierungszeit Ludwigs des Deutschen von 840 bis 876 stärkte Verbindungen und Vernetzungen und förderte ein Bewusstsein ostfränkischer Zusammengehörigkeit.

Dieses Bewusstsein manifestierte sich auch im Jahr 887 beim Sturz Kaiser Karls III., der noch einmal (erfolgloser) Herrscher im alten Gesamtreich geworden war, dann aber von dem illegitimen Karolinger Arnulf von Kärnten und dem ostfränkischen Hochadel abgesetzt wurde. Der neue Herrscher Arnulf versuchte nicht mehr, seine Herrschaft im gesamten früheren Reich Karls des Großen durchzusetzen. Dies hatte eine Reihe von Königserhebungen im Westen, in Burgund, der Provence und Italien zur Folge, die neue Traditionen begründeten.

Das neue Selbstverständnis zeigte sich erneut 911 mit der Abkehr des ostfränkischen Adels von der Thronfolge der Karolinger und der Wahl des Franken Konrad, auf die sich mit Ausnahme der Lothringer alle ostfränkischen Völker einigten. Konrad rieb sich in Kämpfen mit den Stammesherzögen seines Reiches auf, designierte aber seinen früheren Gegner, den Sachsenherzog Heinrich, zu seinem Nachfolger. Vermutlich war es schon 915 zu einem Ausgleich zwischen den beiden gekommen, nachdem Konrad mit einem Heer gegen Sachsen gezogen war. Damit waren die Weichen dafür gestellt, dass die Macht im ostfränkischen Reich vier Jahre später und dann für gut 100 Jahre an die Familie der Liudolfinger ging – ein sächsisches Adelsgeschlecht. Wenn man so will, haben die Sachsen damit einen späten Sieg über Karl den Großen errungen.

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919 wurde Heinrich König im ostfränkischen Reich. Mit dem Übergang der Herrschaft von den Franken auf die Sachsen, den erfolgreichen Bemühungen um den inneren Frieden und gemeinsamen Anstrengungen zur Abwehr der äußeren Feinde, vor allem der Ungarn, gelang es dann, den letzten Separationsgedanken innerhalb des östlichen Reichs den Wind aus den Segeln zu nehmen. Heinrich setzte auf eine flachere Hierarchie zwischen König und Hochadel, die sich in seinem Verzicht auf Salbung und Krönung ausdrückte sowie in seiner Bereitschaft, Freundschaftsbündnisse mit den Herzögen abzuschließen und neue Rituale der Vertrauensbildung einzuführen, mit denen man die Pflicht zur Zusammenarbeit anerkannte.

Mit der Krönung Ottos des Großen im Jahr 936 wurde die Thronfolge des ältesten Königssohnes durchgesetzt und damit die Unteilbarkeit des Königtums festgeschrieben – der Einheitsgedanke feierte seinen großen Triumph. Das Königtum würde in Zukunft nicht mehr unter vielen möglichen Erben aufgeteilt werden können, es erlangte eine eigene, unveränderliche Gestalt. Erst durch diese Neuerung konnte sich das Reich als eine langfristige Ordnung etablieren. In der älteren Forschung galt Ottos Herrschaftsantritt dann auch als das favorisierte Gründungsjahr des deutschen Reiches.