Ganz ohne Widerstand ließ sich diese fundamentale Neuerung nicht durchsetzen. Ottos Halbbruder Thankmar verlor sein Leben, nachdem er sich mit Adeligen gegen Otto verschworen hatte. Ottos Bruder Heinrich, der ebenfalls gegen den König intrigiert hatte, verlor das entscheidende Gefecht am Rhein. Ein weiterer Bruder wurde Erzbischof von Köln. Als Ausdruck seiner Vorrangstellung ließ sich Otto, anders als sein Vater, wieder salben und krönen, außerdem vermied er Freundschaftsbündnisse mit den Großen seines Reiches. Die Ungarn besiegte er 955 auf dem Lechfeld entscheidend. Sieben Jahre später, 962, wurde Otto in Rom zum Kaiser gekrönt und trat damit wieder deutlich in die karolingische Tradition ein.

Was aber hinterließ Karl der Große den nachfolgenden Generationen? Wie weit haben sich seine Nachfolger an seinem Erbe orientiert, wie weit haben sie sich von ihm entfernt?

Kennzeichnend für die Herrschaft Karls ist der Modernisierungsschub, der durch die Verschriftlichung von Anweisungen auf vielen Gebieten der Regierungsorganisation und -kontrolle erreicht wurde. Das höhere Maß an Schriftlichkeit – etwa durch die königlichen Kapitularien – ging mit einer Verbesserung der Lese- und Schreibfähigkeiten der geistlichen Elite einher. Ergänzt wurde diese Herrschaftstechnik durch ein engmaschiges Kontrollsystem: Die sogenannten Königsboten – regionale weltliche und geistliche Amtsträger – unterlagen einer ausgeprägten Berichtspflicht gegenüber dem Königshof. Beides ermöglichte Karl eine vergleichsweise effiziente Überwachung seiner Herrschaft. Die Sammlung des St. Galler Mönches Notker über die "Taten Karls" verdeutlicht, welch großen Anteil der Herrscher selbst an der Kontrolle seiner Untergebenen hatte und welch unangenehmer Methoden er sich bei der Aufdeckung von Missständen bediente.

An der Macht des Königs teilhaben und Einfluss auf seine Herrschaft ausüben konnte, wenn überhaupt, nur der legendäre Kreis internationaler Gelehrter an seinem Hof, in den er die besten Köpfe Europas berief. Kritik an Karl oder Widerspruch gegen ihn aber hatte so gut wie keine Chance, überliefert zu werden. Erzbischof Hinkmar von Reims, der als Geschichtsschreiber auf Texte aus der Zeit Karls zurückgreifen konnte, unterstreicht etwa, dass selbst die Ratgeber dem Herrscher zunächst vertraulich mitzuteilen hatten, was sie ihm sagen wollten. Der König wählte dann den Rat aus, den er zu hören wünschte.

Noch deutlicher tritt die unbarmherzige Konsequenz Karls zutage, wenn man sich die Behandlung seiner Gegner vergegenwärtigt. Wer sich gegen Karl auflehnte oder auch nur in diesen Verdacht geriet, verlor jede Aussicht, sein Leben in Freiheit fortsetzen zu können. Besonders auffällig ist, wie bereitwillig diejenigen, zu denen sich die Gegner Karls geflüchtet hatten, diese an den König auslieferten. Hält man sich diese Fälle vor Augen, wird verständlich, warum Notker Karl mehrfach – und durchaus ehrenvoll gemeint – als terribilis bezeichnet.

So wie Karl den Sachsen "mit eiserner Zunge gepredigt" hatte, obwohl der Übertritt zum Christentum grundsätzlich freiwillig erfolgen sollte, so hat er auch seinen Machtapparat eisern im Griff gehalten. Das galt nicht zuletzt für die Kirche. Der Historiker Stefan Weinfurter hat seiner Karlsbiografie 2013 den Untertitel Der heilige Barbar gegeben, was die Spannungen und Widersprüche des religiös begründeten Königtums treffend zum Ausdruck bringt.

Haben Karls Nachfolger die hier skizzierten Herrschaftsprinzipien übernommen? Können die späteren Könige des ostfränkisch-deutschen Reiches als Erben Karls des Großen angesehen werden – oder haben sie sich eher von ihm abgewandt? Historiker beschreiben die Geschichte des 9. und 10. Jahrhunderts gern mit den Begriffen "Krise" und "Konsolidierung", wobei die Konsolidierung eher im Osten des ehemaligen Reiches gelang als im Westen oder Süden, wo im 10. und 11. Jahrhundert lediglich im kleinen Bereich der Ile de France rund um Paris eine effektive Königsherrschaft zu erkennen ist, während sich im übrigen Gebiet des späteren Frankreich weitgehend unabhängige Adelsherrschaften etablierten.

Die Krise des Karolingerreiches nach Karls Tod hatte im Wesentlichen zwei Ursachen, die sich wechselseitig verschärften: Zum einen erwiesen sich die karolingischen Heere zunehmend als unfähig, den Einfällen äußerer Feinde – erst der Wikinger, dann der Ungarn – wirkungsvoll entgegenzutreten. Dadurch erodierten das Prestige und die Durchsetzungskraft des Herrschergeschlechts auch im Inneren. Zum anderen wurde es durch den Unfrieden geschwächt, der aus den konkurrierenden Erbansprüchen der legitimen karolingischen Nachkommen erwuchs. Diese Konkurrenz stärkte eher die Stellung der Bischöfe, die schon in der Zeit Ludwigs des Frommen den Anspruch erhoben, den fränkischen Herrschaftsverband auf den rechten Weg zurückzuführen. Aber auch der weltliche Adel, dessen Position sich durch die beginnende Erblichkeit der Lehen und Ämter verfestigt hatte, erkannte seine Chance, zwischen zwei Herren zu wählen – und nutzte sie.

Diese Schwächen führten dazu, dass in den Völkern des ostfränkischen Reiches Adelsgeschlechter um die Führung im Stammesherzogtum rangen – ein Machtkampf, der in Franken und Alemannien in heftige Fehden ausartete. Die innere Zerrissenheit und die Schutzlosigkeit gegenüber äußeren Feinden nährten den Glauben an apokalyptische Zeitdiagnosen, die vor Augen führen sollten, dass Gott die Franken wegen ihrer Sünden strafen wollte.