Die Krise des Großreiches im 9. Jahrhundert entstand also nicht durch eine bewusste Abwendung von Karls Herrschaft, sondern durch die wachsende Bedrohung von außen und die nur schwer zu lösenden Interessenkonflikte unter seinen Nachkommen. Nicht gerade einfacher machte die Situation die (Über-)Größe des Reiches.

Zu Beginn des 10. Jahrhunderts nahmen die Plünderungszüge der Ungarn immer beunruhigendere Ausmaße an, außerdem erschütterten die erbitterten Kämpfe zwischen König Konrad und den neuen Stammesherzögen das Ostfrankenreich. Ein grundsätzliches Umdenken setzte ein: Man sah sich gezwungen, vom Erbe Karls abzurücken.

Die Neuorientierung fällt in eine extrem quellenarme Zeit, die es äußerst schwer macht, die Entwicklung und ihre Protagonisten detailliert zu beschreiben. Erst mehr als 50 Jahre später ist die Sicht der Gewinner, nämlich der Ottonen, von ihren Historiografen aufgezeichnet worden, was die Vermutung nahelegt, dass hier Legendenbildung in eigener Sache betrieben wurde. Verschiedene Autoren setzen jedoch so ähnliche Akzente, dass sich Schwerpunkte der Neuorientierung durchaus erkennen lassen.

Zunächst ging es darum, die inneren Konflikte beizulegen – in der erklärten Absicht, die Kräfte zu bündeln, um die Ungarn abzuwehren. Freundschaftsbündnisse wurden geschlossen, vormalige Gegner verpflichteten sich zum Frieden und zur Zusammenarbeit. Das nötige Vertrauen stifteten gemeinsame Mähler und Feste. Ein Zugeständnis des Herrschers aber war von besonderem Gewicht: Der König verzichtete auf die Bestrafung seiner ehemaligen Feinde und begnügte sich mit Genugtuungsleistungen, die im Wesentlichen aus der öffentlichen Unterwerfung durch einen Fußfall bestanden. War dieser geleistet, belohnte der König die Geste mit seiner Freundschaft.

Man kann diese Art von Konfliktbeilegung zwischen König und Hochadel das gesamte 10. Jahrhundert hindurch beobachten. Zum ersten Mal wird davon berichtet, als Konrad dem Herzog Heinrich vorschlug, er solle durch eine freiwillige Unterwerfung die Freundschaft des Königs gewinnen. In diesem Freundschaftsbund scheint der Schlüssel zur Entscheidung Konrads zu liegen, Heinrich später als seinen Nachfolger zu designieren.

Diese Rituale des Ausgleichs und der Befriedung unterscheiden sich deutlich von dem Umgang, den Karl der Große mit seinen Gegnern pflegte: Karls Feinde verschwanden entweder aus der Geschichte, ohne dass etwas über ihr Schicksal bekannt wurde, oder sie wurden heimlich hingerichtet, nachdem das Heer sie zum Tode verurteilt hatte – oder der "milde Herrscher" Karl wandelte das Todesurteil in Klosterhaft um, die den Widersacher und seine Familie traf.

Die ottonischen Könige praktizierten ein gänzlich anderes Modell der Konfliktbeilegung, das den Herrscher nach einer Unterwerfungsgeste seines Kontrahenten zur Milde und zum Verzeihen verpflichtete. Meist führte dies zu einer Wiederaufnahme des früheren Gegners in den Herrschaftsverband und in seine frühere Stellung. Kurzum: In der Krise des beginnenden 10. Jahrhunderts ist die Konsolidierung der Königsherrschaft dadurch gelungen, dass man neue Wege des Umgangs miteinander fand. An die Stelle unerbittlicher Strenge trat das Gebot der Milde, die nicht in das Belieben des Herrschers gestellt, sondern vielmehr Anspruch seiner Gegner war. Das erhöhte deren Bereitschaft zur Beendigung des Konflikts. Da clementia eine der christlichen Kardinaltugenden ist, darf man die Rolle der Kirche bei dieser Neuregelung als bedeutend einschätzen.

Auch entstanden neue Institutionen der Vermittlung: Mediatoren versuchten zu schlichten, was aus der Zeit Karls des Großen nicht bezeugt ist. Zwar haben diese Instrumente Konflikte zwischen König und Adel nicht verhindert, aber deren gütliche Beilegung befördert. Die Könige des 10. Jahrhunderts regierten enger mit den Eliten zusammen als zuvor, dies war der Garant für die neue Stabilität der Königsherrschaft. Die konsensuale Form, die herrscherliche Willkür einschränkte, trug zur Konsolidierung des werdenden deutschen Reiches bei. Man darf bezweifeln, ob Karl der Große diese politischen Verhältnisse als sein Erbe anerkannt hätte.