Wenn ihr Körper zuckt und wirbelt, sie Grimassen schneidet und die Knie zueinander- und wieder wegstreben lässt, toben die Zuschauer. Mit unbekannter Leichtigkeit schleicht sie im Nelson-Theater zwischen Palmen und Lianen über die Bühne. Sechzehn Bananen aus Plüsch schwingen um ihre Hüften. Für viel mehr Bekleidung ist kein Platz.

Nur wenige Monate gastiert Josephine Baker 1926 in Berlin, doch die Zeit reicht: Entzückt wirft das Publikum seiner "Wilden" die Herzen zu. Mal putzig, mal erregend, mal stürmisch. Bravo! Diese Körperbeherrschung. Zugabe! Dieses Tempo. Und welche Aufmerksamkeit sie auf sich lenkt: Ein Foto zeigt, wie sie im offenen Wagen zum Hotel gezogen wird – von einem Vogel Strauß. Erzählt wird, dass sie mit einer Schlange als Haustier zusammenlebt.

Etliche Verehrer liegen der 19-Jährigen zu Füßen – etwa Theaterregisseur Max Reinhardt, der ihr das Schauspielern beibringen will. Auch Josephine Baker ist verliebt, in das Berlin der Zwanzigerjahre: "Vom Kurfürstendamm aus gesehen, wirkt die Stadt auf mich wie ein funkelndes Kleinod, abends glänzt sie in einer Pracht, wie Paris sie nicht kennt."

Freda Josephine McDonald wird am 3. Juni 1906 in St. Louis in Missouri geboren. Die Familie ist arm, sodass Josephine schon als Kind arbeiten muss. Mit 13 Jahren zieht sie aus, kellnert und schließt sich Bands an, die Musik und Sketche aufführen. Das Schielen und Mundverziehen ist ihr Markenzeichen. Mit der Show La Revue Nègre schafft sie so 1925 im Pariser Theater Comédie des Champs-Élysées den Durchbruch. Es folgt der Auftritt des berühmten Bananenröckchens in der Revue La Folie du Jour.

Eigentlich schämt sich die Tänzerin, nackt auf der Bühne zu stehen. "Ich war nicht wirklich nackt. Ich hatte nur keine Kleider an", scherzt sie. Ihr androgyner Körper ist ihr Kapital. Täglich reibt sie sich mit Zitrone ein, während andere Frauen versuchen, mit Cremes ihren Teint zu imitieren. Erst ab 1928 zieht sich die Baker wirklich an und nimmt Abstand vom Nackttanz. Während des Zweiten Weltkrieges kämpft sie in der Résistance gegen die Nationalsozialisten. Danach engagiert sie sich für Gleichberechtigung, will Kinder von jedem Kontinent adoptieren. Schließlich leben zwölf in ihrer "Regenbogenfamilie".

Als Josephine Baker 1975 stirbt, ist sie eine Legende. Die "schwarze Venus" hat den Nackttanz zur Kunst erhoben. Mit ihren durchkomponierten, aber freisinnig wirkenden Shows trifft sie die Sehnsüchte der Goldenen Zwanziger und lehrt nebenbei noch den Charleston, den neuen Tanztrend der Zeit.

Seit Silvester 1918 darf in Deutschland wieder getanzt werden, so als ließen sich mit Foxtrott, Charleston oder Shimmy die Sorgen vertreiben. Hungrige Leiber gieren nach Leben – endlich, nach der Zeit des Krieges, der Zeit des Todes. "Mit dem Fallen des Tanzverbots stürzte sich das Volk wie ein Rudel hungriger Wölfe auf die langentbehrte Lust", kommentiert das Berliner Tageblatt. Der Schriftsteller Klaus Mann formuliert: "Millionen von unterernährten, korrumpierten, verzweifelt geilen, wütend vergnügungssüchtigen Männern und Frauen torkeln und taumeln dahin im Jazz-Delirium." Für den Rest der Republik muss es so aussehen, als habe die "Negermusik", wie sie gehässig genannt wird, in Bars wie dem Kakadu oder dem Moka Efti die Berliner verhext.

"Jeder einmal in Berlin!", lockt die Reklame des Fremdenamtes. Die Stadt verheißt Sensationen, Ekstase und Exzess. Der Berliner Zirkus der Lüste hat für die Bedürfnisse der Zwanzigerjahre allerlei zu bieten: Wer will, kann im Labyrinth aus Tanzpalästen, Nachtclubs und Amüsiertempeln jede Nacht unter Palmen steppen, per Tischtelefon oder Rohrpost Damen oder Herren für das champagnergetränkte Separee-Polster auftun, Minigolf spielen oder Nacht-Badeanstalten aufsuchen.

Das Haus Vaterland zum Beispiel ist so ein Abenteuerspielplatz: Im ehemaligen Ufa-Verwaltungsgebäude am Potsdamer Platz, in der Nähe von Leipziger und Friedrichstraße, dem Vergnügungsviertel des Kaiserreichs, eröffnet die Firma Kempinski 1929 eine Erlebnisgastronomie der Superlative. Jede Stunde ziehen Donner und Blitze durch das Lokal Rheinterrasse. Oder darf es ein Whiskey in der Wildwest-Bar sein? Ein Besuch in der Türkei, in Spanien oder Japan? Im "Vaterland" ist die Welt zu Hause. Zwölf Restaurants, ein Café mit 2500 Plätzen und ein Kino beherbergt der Tempel, den jährlich fast eine Million Gäste besuchen. Insgesamt schwemmen jedes Jahr etwa 1,5 Millionen Touristen in die drittgrößte Metropole der Welt, bei 4,3 Millionen Einwohnern, von denen ein Drittel unter 18 Jahren sind.