Angela Adenauer – von Norbert Frei, Historiker

Manche werden sich die Augen reiben, und tatsächlich spricht ja auch vieles dagegen. Doch ich kann den Gedanken, seit er mir in den Sinn kam, nicht mehr ignorieren: Angela Merkel, die schon so oft an Helmut Kohl Gemessene – erinnert sie nicht eher an Konrad Adenauer?

Gewiss, von Adenauers grundbürgerlichem Konservatismus ist Merkel so weit entfernt wie von seiner ins kaiserliche Deutschland zurückreichenden Erfahrungswelt. Aber der rheinische Katholik und die protestantische Pfarrerstochter teilen Eigenschaften, die offenkundig helfen, im Kanzleramt auf lange Dauer zu bestehen. Die vielleicht wichtigste dieser Eigenschaften ist die Unbeirrbarkeit in der Verfolgung persönlich für richtig erkannter Ziele, verbunden mit einem Pragmatismus, der Widerständen mit einem Höchstmaß äußerlicher Unbeeindrucktheit zu begegnen weiß.

Von "Alternativlosigkeit" hat Adenauer, soweit erinnerlich, nicht gesprochen. Betrachtet man aber seine ebenso revolutionäre wie anfangs umkämpfte Politik der Westbindung, dann liegt der Vergleich mit Merkels radikaler Kehrtwende in der Atomenergiepolitik 2011 oder mit ihrer Standfestigkeit in der Flüchtlingskrise 2015 nicht so fern. Gewiss, in Sachen Europa hat die Kanzlerin zu lange und zu fest auf der Bremse gestanden, um noch zu den Überzeugungstätern Adenauer und Kohl aufschließen zu können. Aber ihr plötzliches Ja zu einer gemeinschaftlichen Finanzierung des europäischen Corona-Hilfsprogramms im Frühsommer 2020 war eine jener einsamen Entscheidungen, die auch für den Erfinder der "Kanzlerdemokratie" typisch waren: an allen Partei- und Koalitionsgremien vorbei im Stillen vorbereitet und dann praktisch diskussionslos durchgesetzt wie 2010 die Aussetzung der Wehrpflicht oder 2017 die Einführung der "Ehe für alle".

Angela Merkel - "Sie hat wahrscheinlich mehr bewirkt, als sie beabsichtigt hat" Als Krisenkanzlerin hat Angela Merkel Deutschland durch turbulente Zeiten geführt. Wie ihre wichtigsten Entscheidungen heute zu bewerten sind, zeigt unser Video. © Foto: Michael Kappeler/AFP/Getty Images

Das arg begrenzte rhetorische Talent der Kanzlerin, auch ihre offenbar fehlende Lust, sich zu erklären, haben die Medien vielfach beklagt. Die meisten Deutschen waren bereit, über dieses Manko hinwegzusehen; eine Minderheit allerdings, in Ostdeutschland war sie besonders stattlich, nahm es ihr übel – so sehr, dass noch die absurdesten der AfD-Parolen ("Merkeldiktatur") verfingen. Natürlich war auch Angela Merkels Stil eine Stilisierung: ihre ostentative Verweigerung allen Pathos, ihre Unbereitschaft zur großen Geste. Dafür wurde sie nicht geliebt, aber umso mehr geachtet und geschätzt, je länger sie regierte – übrigens gerade auch, und darin liegt eine weitere Parallele zu Adenauer, von ihresgleichen in aller Welt.

Einmal, lange nach seiner Regierungszeit, als er kaum noch Gegner hatte, räumte Adenauer öffentlich einen Fehler ein: Im Umgang mit der NS-Vergangenheit sei er wohl zu lax gewesen. In diesem Punkt – und nicht nur hinsichtlich der Zahl ihrer Amtsjahre – hat Merkel den Gründungskanzler der Bundesrepublik am Ende sogar überholt: In der Karwoche dieses Jahres entschuldigte sie sich für die überstürzt beschlossene und dann eilends wieder zurückgenommene Idee einer Corona-Osterruhe, im Juli gestand sie angesichts der Unwetterkatastrophe Versäumnisse ihrer Klimapolitik ein. Auch mit dieser Fähigkeit zur unprätentiösen Selbstkorrektur hat Merkel neue Maßstäbe gesetzt.

Nach oben Link kopieren

Krisenkanzlerin – von Ralph Bollmann, Autor

Angela Merkel war als Kanzlerin der Veränderung angetreten, sie wurde eine Kanzlerin des Bewahrens. Ursprünglich wollte sie, soweit sie das konnte, durchlüften, den Westen Deutschlands und Europas à jour bringen – durch Wirtschaftsreformen, aber auch durch gesellschaftliche Öffnung. Langsam und schmerzhaft begriff sie, wie wenig die Bewohner der westlichen Welt auf das Neue eingestellt waren.

Die Weltlage war es, die Merkels Rolle definierte. Die Welt, die sie ursprünglich verändern wollte, geriet so sehr ins Rutschen, dass das Bewahren zur ersten Politikerinnenpflicht wurde. Die liberale Demokratie und der Zusammenhalt des Westens waren bedroht. Finanzkrise, Euro, Ukraine, Flüchtlinge, Trump, Corona: In einer dichten Abfolge von Krisen stand die vertraute Ordnung am Rand des Untergangs. Merkel war darauf besser vorbereitet als andere Politiker des Westens, weil sie als Einzige aus dem früheren Ostblock stammte: Sie hatte schon einmal erlebt, wie ein politisches und ökonomisches System sang- und klanglos unterging. So fand sie in ihre Rolle als Krisenkanzlerin, die selten die Nerven verlor, stets mit beiden Beinen auf dem sicheren Boden des Pragmatismus stand und am Ende weltweit als die führende Verteidigerin der liberalen Demokratie gefeiert wurde.

Während der Corona-Pandemie zeigten sich allerdings die Schattenseiten dieses Regierungsstils, der eher reaktiv als vorausschauend war. Die Versäumnisse bei der Digitalisierung, die paradoxe Mischung aus Überbürokratisierung und Anarchie in der Staatsverwaltung, die Mängel im Bildungs- und Gesundheitswesen demonstrierten, was während ihrer Kanzlerschaft liegen geblieben war. Die Versäumnisse waren allerdings nicht Unfähigkeit geschuldet, sondern nüchternem Machtkalkül: Solange nicht eine akute Krise zum Handeln zwingt, lassen sich Veränderungen schwer durchsetzen. Hätte Merkel ohne Not lieb gewonnene Besitzstände angegriffen oder etwa bei der Euro-Rettung innenpolitische Widerstände beherzter zur Seite geschoben, dann wäre sie vermutlich nicht so lange im Amt geblieben. In unruhigen Zeiten bedeutete diese Kontinuität einen Wert an sich. Einiges deutet darauf hin, dass sich viele Menschen nach dieser Stabilität bald zurücksehnen werden.

Nach oben Link kopieren

Versprechen nicht gehalten – von Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestags

Angela Merkel war eine Kanzlerin der Widersprüche. Als erste Frau an der Spitze der Bundesrepublik durchbrach sie die gläserne Decke der Männerdominanz und veränderte für immer das Bild von diesem Amt. Eine ganze Generation von Mädchen ist seitdem aufgewachsen, für die sich nie die Frage stellen wird, ob das überhaupt geht – eine Frau als Kanzlerin. Angela Merkel ist zum Sinnbild dafür geworden, dass die Politik den Männern nicht allein gehört.

Das ist die eine Seite. Andererseits hat Angela Merkel wie kaum eine andere bewiesen, dass es nicht reicht, eine Frau an der Spitze zu haben, um für alle Frauen in diesem Land etwas zu verändern. Die symbolische Kraft ihrer Rolle steht im Gegensatz zu ihrer Politik, die alles andere als feministisch war. Der Frauenanteil im Deutschen Bundestag ist, nicht zuletzt wegen der schlechten Quote der Union, so niedrig wie zuletzt 1996. Bei Themen wie dem Ehegattensplitting, der sexuellen Selbstbestimmung oder der Quote gibt es kaum bis keine Bewegung. Und die Corona-Pandemie ist nicht zuletzt zur Krise für die Gleichberechtigung geworden.

Ähnlich widersprüchlich ist die Geflüchtetenpolitik der Kanzlerin. Ihre Entscheidung im Jahr 2015, die Grenzen nicht zu schließen, war ein starker und richtiger Schritt, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Er war ein Symbol der Menschlichkeit in Zeiten von Hass und Kälte.

Auf der anderen Seite folgten auf diesen Schritt die schlimmsten Asylrechtsverschärfungen seit 20 Jahren. Statt die Fluchtursachen zu bekämpfen, wurden unter Merkel Rüstungsgüter in Krisenregionen exportiert, die Zahl der sicheren Herkunftsstaaten wurde erhöht. Statt die Menschenrechte zu verteidigen, hat auch sie den Ausbau der Festung Europa mit Hochdruck vorangetrieben.

In die Geschichte eingehen wird auch Angela Merkels Widersprüchlichkeit in der Klimapolitik. Schon als Umweltministerin erkannte sie: Wir müssen dringend handeln. Im neuen Amt wurde sie schnell zur Klimakanzlerin ausgerufen. Ihr Fotoshooting vor dem schmelzenden Eisberg ist legendär. Aber nach fast 16 Jahren scheint davon nicht viel geblieben: Die großen Versprechungen hat sie nicht eingelöst. Statt zum Vorbild beim Klimaschutz zu werden, ist Deutschland heute das Land des Dieselbetrugs und der Kohleverstromung.

Aber Angela Merkels Widersprüchlichkeit ist auch eine ihrer größten Stärken. Sie hat einen neuen Politikstil geprägt, nicht laut und polternd wie ihre Vorgänger, sondern kühl, sachlich, effizient. In der Corona-Pandemie waren es ihre Kompetenz und ihr Verstand, war es die Naturwissenschaftlerin, die Deutschland klug durch die erste Welle führte. Als jedoch der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu bröckeln begann, da konnte die kühle Kanzlerin auch eine ganz andere Seite zeigen: eine emotionale, eindringlich bittend, voller Empathie und Sorge um die Menschen in ihrem Land. Ihre zwei Seiten wurden in diesem Moment gebraucht.

So widersprüchlich wie Angela Merkel, so widersprüchlich sind auch meine Gefühle zu ihrem Abschied. Bei aller Kritik an ihrer Politik habe ich tiefen Respekt und eine hohe Anerkennung für ihr Wirken, für ihren Anstand und ihren Stil. Ich bin überzeugt: Diese Politikerin wird Deutschland fehlen.

Nach oben Link kopieren

Wer anders denkt, ist doof – von Dieter Nuhr, Kabarettist

Angela Merkel geht von uns, so sagt man. Aber sie wird auch bleiben – als Erscheinung, als Projektionsfläche. Noch in Jahrzehnten wird man in politischen Kommentaren lesen, was Frau Merkel in dieser oder jener Lage getan hätte. Denn die Geschichte verklärt Politiker, die keine Nachbarländer überfallen haben. Das hat sie unterlassen. Gut so! Danke dafür!

Durch ihre karge Art der Kommunikation hat sie dem Wähler manches Rätsel aufgegeben. Man konnte in ihre weitgehende Geräuschlosigkeit vieles projizieren. Bei uns wird Schweigen oft als mönchische Gelehrtheit fehlinterpretiert. Je tiefer die Stille, desto schwerer die Gedanken, die man vermutet. Leider ist dies häufig ein Irrtum.

Meine Lebenserfahrung, die – für junge Menschen unvorstellbar – über die Ära Merkel hinausgeht, hat mir gezeigt: Wenn Menschen schweigen, dann oft, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Ich kenne Menschen, die scheinschlau vor sich hin brüten, weil ihre Birne hohl ist wie eine tibetische Klangschale. Woraus Frau Merkels Schweigen bestand, aus Ideenlosigkeit oder tiefer Philosophie, wird ungeklärt bleiben. Gewöhnlich hat sie sich für den Mittelweg entschieden. Schläue aber wird ihr niemand absprechen.

Eine große Eigenschaft von Angela Merkel soll ihr Humor gewesen sein. Leider hat sie die Öffentlichkeit nicht daran teilhaben lassen. Ihr Verhandlungsgeschick auf internationaler Ebene war legendär. Man konnte sie mit Diktatoren und Schweinebacken an einen Verhandlungstisch setzen, ohne Angst, sie würde sich über den Tisch ziehen lassen. Sie war im besten Sinne kriminellentauglich. Respekt!

Wenn Frau Merkel handelte, was nicht immer vorkam, musste das nicht zwingend alternativlos sein. Ihre größte Fähigkeit lag darin, Alternativen als verrückt oder böse zu denunzieren. Insofern war sie ein Kind ihrer Zeit. Von den Linksidentitären bis zum Querdenker gilt heute: Wer anders denkt als man selbst, ist doof oder Drecksau. Die Toleranz war schon mal in einem besseren Zustand als am Ende der Ära Merkel.

Ich glaube, dass Angela Merkel Politik aus Überzeugung betrieben hat, unprätentiös. Sie wird vielleicht die Letzte im Amt gewesen sein, deren wesentliche Triebkraft die Unfreiheitserfahrung in der Diktatur gewesen ist. Die Geister, die von der "Merkeldiktatur" faselten, haben das – wie so vieles – nicht verstanden. Frau Merkel wurde viermal frei gewählt. Herzlichen Glückwunsch!

Es war nicht Goethe, aber immerhin Trude Herr, die gesagt hat: "Niemals geht man so ganz." Auch Frau Merkel nicht. Die Nachfolgenden werden an ihr gemessen werden. Das Merkel-Heute ist die gute alte Zeit von morgen. Ihre Fehler werden täglich verzeihlicher werden, Stillstand wird man als Stabilität werten. Und dass Deutschland am Ende dieser Ära in vielerlei Hinsicht hinterherhinkt, wird schon bald anderen Kanzlern angekreidet.

Wer hätte am Anfang gedacht, dass diese Frau, die man als "Kohls Mädchen" kannte, deren Frisur Herden von Kabarettisten über die ersten Jahre gebracht hat, überhaupt fähig wäre, eine Regierung zu führen. Vielleicht wird uns auch die nächste Kanzlerschaft durch ungeahnte Kompetenzen überraschen. Schön wäre es.

Nach oben Link kopieren

Verrat an den Frauen – von Anke Domscheit-Berg, Abgeordnete des Bundestags

Angela Merkel war 36 Jahre alt, als sie 1990 in den Bundestag einzog. Schon 15 Jahre später wurde sie Kanzlerin. Für mich war sie nicht nur die erste Kanzlerin, sondern eine Ostfrau im Kanzleramt. Sie ist im brandenburgischen Templin aufgewachsen, eine halbe Stunde von meinem Wohnort entfernt. Auch wenn Merkels Biografie einzigartig ist, hat sie doch Gemeinsamkeiten mit denen vieler Ostfrauen.

Nach dem Mauerfall waren junge Ostfrauen die mobilste und bildungsstärkste demografische Gruppe in Deutschland, unerschrocken und flexibel nutzten sie jede Gelegenheit, die sich bot. Es ist kein Zufall, dass unter den wenigen Ostdeutschen, die es in die bundesdeutschen Top-Eliten geschafft haben, Ostfrauen so überrepräsentiert sind. Vor allem in der Politik waren sie zu finden, neben Merkel zum Beispiel Sahra Wagenknecht und Katja Kipping (Die Linke), Manuela Schwesig (SPD) oder Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen), selbst Frauke Petry (Ex-AfD) kam aus Sachsen. Nie werde ich die Elefantenrunden zur Bundestagswahl 2017 vergessen, bei denen diese sechs Ostfrauen ihre Parteien repräsentierten. Ostfrauen wie sie hatten Chuzpe, Gestaltungswillen und vielfältige Qualifikationen. Sie stellten Ansprüche, ließen sich von Männern in keine Mauerblümchen- oder Hausfrauen-Ecke stellen und waren Auslöser der stern-Titelstory "Das Geheimnis starker Frauen".

Mein politischer Kompass liegt weit links von der CDU, aber tief in mir war ich stolz darauf, dass es eine Brandenburgerin an die Spitze unseres Landes geschafft hatte, international respektiert, als "mächtigste Frau der Welt" bezeichnet. Eine Politikerin, die ohne Orang-Utan-Gehabe, mit Integrität und (meist) naturwissenschaftlicher Expertise die CDU-Männer neben sich deklassierte. Zugleich fühlte ich mich als Frau aus dem Osten von ihr verraten.

Ich nehme es Angela Merkel übel, dass sie in ihrer Amtszeit so wenig für die Rechte der Frauen stritt, obwohl sie ihre Repräsentantin war. Die Frauenquote in Aufsichtsräten und Vorständen ist ein Witz, im Bundestag sitzen 70 Prozent Männer, das Strafrecht verbietet Frauenärzten und -ärztinnen, Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen zu veröffentlichen, ein Recht auf Abtreibung gibt es immer noch nicht. In der körperlichen Selbstbestimmung haben Frauen heute weniger Rechte als wir Ostfrauen hatten, als die Mauer fiel, obwohl das fast 32 Jahre her ist.

Angela Merkel repräsentierte auch die Ostdeutschen, aber auch deren Rechte vertrat sie nicht. So sind bis heute Rentenpunkte im Osten weniger wert als im Westen, selbst die Mütterrente unterscheidet nach Herkunft. Es diente der Stabilisierung ihrer Macht, die Zugehörigkeit zu marginalisierten Gruppen auszublenden. Die Folge: 16 Jahre Verrat an Frauen und an Ostdeutschen, die beide eine starke Stimme im Kanzleramt gut hätten gebrauchen können, um Gleichberechtigung durchzusetzen. Auf absehbare Zeit wird wohl aus dem Osten niemand mehr so viel Gestaltungsmacht haben wie Angela Merkel. Als Frau in einer Machtposition veränderte sie Wahrnehmungen und wurde zur Vorreiterin – als Vertreterin der Ostdeutschen und Ostfrauen hat sie ihre Chance vertan.

Nach oben Link kopieren

Eine Lektion für mich – von Margot Käßmann, Theologin

An Angela Merkel schätze ich die absolut unprätentiöse innere Haltung. Sie suggeriert eine Unabhängigkeit, die wohltuend daherkommt in einer Welt, in der es von Angebern, Möchtegerngrößen und Selbstverliebten nur so wimmelt. Kann sich jemand vorstellen, dass sich Angela Merkel durch das Angebot einer Rolex oder eines Luxusurlaubs korrumpieren ließe? Nein! Das hat für mich eine sehr protestantische Note: Firlefanz, Tand und Gehabe sind unwichtig. Sie hat das auch in ihrer Kleidung ausgedrückt. Nachdem einmal ein tief dekolletiertes Kleid für Aufsehen sorgte, gab es nur noch schwarze Hose und Blazer – Letztere in allen erdenklichen Farben. So erschien sie sogar beim japanischen Kaiser, und die Japaner waren irritiert. Allenfalls war mal ein langer schwarzer Rock für Bayreuth im Repertoire. Ich fand das wunderbar pragmatisch. Frauen werden ständig auf ihre Kleidung hin taxiert. Angela Merkel hat den niemals kommentierten dunklen Herrenanzug in ein unkommentierbares weibliches Outfit übersetzt. Chapeau!

Ich mag ihren Humor, der manchmal leicht spitzbübisch daherkommt. Dieses leichte ironische Lächeln, die Schlagfertigkeit, die aber niemals im falschen Moment aufleuchtet, machen sie sympathisch. Und in einer besonderen Situation habe ich begriffen, dass sie nicht aussitzt, sondern die Ruhe hat abzuwarten, wie sich eine Diskussion entwickelt. Da ist dann Hitzigkeit nicht angesagt, sondern Gelassenheit. Das war eine hilfreiche Lektion für mich.

Mir hat Angela Merkel 2015 imponiert, gerade weil sie auf die Notlage der Flüchtlinge reagiert hat. Wie unmenschlich wäre es gewesen, zu sagen: Das geht uns reiche Deutsche doch nichts an, wie Menschen da ohne jede Perspektive zusammengepfercht sind mitten in Europa? Es war menschlich und christlich, die Grenzen zu öffnen. Dass Geflüchtete ebenso wenig wie Einheimische alles Gutmenschen sind, das wusste Angela Merkel, das wissen alle. Unterschätzt hat die Kanzlerin wahrscheinlich wie viele andere auch, dass eine Partei wie die AfD die Ängste mancher Menschen mit Hass und Hetze ungehemmt von jeglichem Ethos für sich nutzen würde.

Von Merkels Kanzlerschaft wird bleiben, dass Macht mit Ruhe und Vernunft zuverlässig ausgeübt werden kann. Der Wunsch, dass wir Integration "schaffen" – von beiden Seiten, den Zugewanderten und den Einheimischen –, bleibt Hoffnungsansage. Es bleibt aber auch das Unbehagen, die Digitalisierung verschlafen und die Klimakrise nicht energisch genug bekämpft zu haben.

Jeder Mensch ist ersetzbar. Das ist auch protestantische Haltung. "Alles hat seine Zeit", heißt es in der Bibel. Aber die Kanzlerinnenschaft von Angela Merkel war insgesamt gut für Deutschland. Insofern können wir als Bürgerinnen und Bürger sagen: Danke, dass Sie diesem Land so unprätentiös gedient haben.

Nach oben Link kopieren

Unglaubliche Ausdauer – von Edmund Stoiber, ehem. Bayerischer Ministerpräsident

Angela Merkel kenne ich seit 1989. Ich war damals Innenminister und deshalb in die Verhandlungen zur Wiedervereinigung intensiv eingebunden. Sie spielte als stellvertretende Sprecherin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière eine wichtige Rolle im Hintergrund. In den Folgejahren haben wir in vielen Funktionen immer wieder eng zusammengearbeitet. Meinen Kanzlerwahlkampf 2002 hat sie loyal und aktiv begleitet, obwohl sie als Vorsitzende der größeren Schwesterpartei aufgrund der Stimmungslage in der CDU auf die Kandidatur verzichtet hatte. Das war kein Vergleich zum Wahlkampf 1980 – damals hatte der unterlegene CDU-Bewerber Ernst Albrecht seine Unterstützung für Franz Josef Strauß erkennbar verweigert.

Ich schätze an Angela Merkel, dass sie eine Staatsdienerin im besten Sinne ist. Sie ist unprätentiös im Auftreten und von großer Nervenstärke. Sie gibt staatlichen Interessen stets den Vorrang vor persönlichen und ist in der Lage, ein Problem rational tief zu durchdringen und lösungsorientiert zu handeln. Dazu kommen ihre unglaubliche Konstitution, die ich bei vielen Gelegenheiten selbst erlebt habe, und ein großes, ausdauerndes Verhandlungsgeschick, sodass es für ihre Verhandlungspartner immer eine große Herausforderung war, auf ihre Flughöhe zu kommen.

Besonders erfolgreich war ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik. 2005 galt Deutschland als der "kranke Mann Europas", damals gab es fünf Millionen Arbeitslose, die Wirtschaft stagnierte. Sie hat – natürlich auch begünstigt durch die Agenda-Reformen ihres Vorgängers – die Weichen für den bis zur Corona-Krise reichenden langen Wirtschaftsaufschwung gestellt, der nur kurz durch die Finanzkrise 2008 unterbrochen wurde. Auch die "schwarze Null", die sie als "schwäbische Hausfrau" auf Parteitagen volksnah erklärt hat, war ein großer Erfolg ihrer Politik.

Ihre Zeit war geprägt durch zahlreiche Krisen und Herausforderungen. Wie sie Deutschland und auch Europa durch diese Krisen geführt hat, verdient – bei allen Meinungsverschiedenheiten, die es zwischen CDU und CSU gerade in der Flüchtlingskrise gab – höchsten Respekt.

Trotz oder gerade wegen der rasanten politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland und der Welt genießt Angela Merkel nach wie vor ein hohes Vertrauen nicht nur in der deutschen Bevölkerung, sondern auch bei Staatenlenkern rund um den Globus. Ihr Nachfolger steht vor der großen Aufgabe, dieses Vertrauen neu zu erwerben und Deutschland und damit auch Europa gut durch die kommenden Herausforderungen zu führen.

Angela Merkel am 22. März 2018, ehe sie sich in häusliche Quarantäne begab. Am 18. März 2020 hatte Merkel die Deutschen angesichts der Corona-Pandemie auf schwierige Zeiten eingeschworen und sich erstmals aus aktuellem Anlass mit einer Fernsehansprache direkt an die Bürgerinnen und Bürger gewandt. © Matthias Hangst/​Getty Images
Nach oben Link kopieren

Umsicht als Prinzip – von Herfried Münkler, Politikwissenschaftler

Angela Merkel ist eine aufmerksame Zuhörerin, jedenfalls dann, wenn es um Fragen geht, die sie beschäftigen oder interessieren. Darin unterscheidet sie sich von den meisten ihrer Politikerkollegen, denen man ansieht, dass sie beim Zuhören entweder mit anderem beschäftigt sind oder nach Punkten suchen, an denen sie ihre eigene Sicht in aller Breite darlegen können. Merkel hingegen will dazulernen. Das ist für Leute an der Macht ungewöhnlich. In ihrer Wissbegierde und der Neigung, Konstellationen gründlich verstehen zu wollen, bevor sie handelt, liegt der Schlüssel zum Verständnis von Merkels Führungsstil.

Wissensbasierte Umsicht und Vorsicht bewahrt vor Fehlern. Das dürfte die Grundhaltung von Merkels fast 16-jähriger Kanzlerschaft gewesen sein: Fehlervermeidung. Die Suche nach dem Richtigen und Besten erfolgt über vorsichtiges Abtasten dessen, was womöglich falsche Entscheidungen sein könnten. Das kostet Zeit und erfordert Geduld. Vor allem ist es eine Form des Regierens, bei der sich der oder die Verantwortliche nicht ins Zentrum des Geschehens stellt. Er oder sie verzichtet darauf, bei jeder Gelegenheit Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. So mancher dürfte an Merkels Führungsstil den entschlossenen, glanzvollen, fast möchte man sagen: heroischen Auftritt vermisst haben. Doch gerade dieser Stil hat sehr gut zu den Herausforderungen ihrer Kanzlerschaft gepasst.

Es waren vier Krisen, die diese Zeit geprägt und dabei verhindert haben, dass Merkels Amtszeit durch eine eigene Agenda bestimmt wurde: Euro-Krise, Migrationskrise, Brexit und Covid-19-Pandemie. In allen Fällen war zunächst nicht erkennbar, welche Eigendynamik das Geschehen entwickeln würde. Also war auch nicht klar, welche Maßnahmen sich am besten eignen würden, der Herausforderungen Herr zu werden. Abwarten und Beobachten war zunächst angezeigt.

Das ist nicht immer so: Bisweilen kommt es auch darauf an, schnell und als Erster zu handeln. Nach der Katastrophe von Fukushima hat Merkel das getan und ihre vorherige Atompolitik komplett abgeräumt. Aber man konnte sehen, dass solches Hakenschlagen ihr nicht liegt. Merkel hatte das Glück, dass die großen Herausforderungen ihrer Kanzlerschaft solche waren, die ihrem Führungsstil entgegenkamen. Wenn man später von einer "Ära Merkel" sprechen wird, dann nicht wegen einer kohärenten Programmatik oder bestimmter Reformen, sondern wegen ihrer Art, Politik zu machen.

Untrennbar mit der Ära Merkel verbunden ist der Aufstieg Deutschlands zur führenden Macht in der EU. Dass dieser eher unbemerkt erfolgte, hat wesentlich mit Merkels Politikstil zu tun. Unter Kohl und Schröder war das Land noch damit beschäftigt, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Vereinigung zu bewältigen. In der Euro-Krise wurde erstmals sichtbar, dass nicht länger zwei oder drei tendenziell gleichgewichtige Staaten an der Spitze der EU standen, sondern Deutschland wirtschaftlich und demografisch weit vor den nächsten Anwärtern rangierte. Das hätte leicht zu einer Explosion antideutscher Ressentiments führen können. Dass dies nicht der Fall war, ist nicht zuletzt Merkels Führungsstil zu verdanken. Deutschland ohne größere Friktionen in diese Position gebracht und Europa in schwierigen Verhältnissen zusammengehalten zu haben dürfte im Rückblick als die größte Leistung ihrer Kanzlerschaft angesehen werden.

Nach oben Link kopieren

Reden ohne Blendwerk – von Olaf Kramer, Professor für Rhetorik

Es scheint, als seien sich alle einig: Eine große Rednerin ist Angela Merkel nicht. Ihre Vorträge seien sachlich, wenig emotional, gar etwas langweilig, so hört und liest man immer wieder. Doch welches Konzept von Rhetorik steht eigentlich hinter diesen Einschätzungen? Ist eine große Rede notwendig eine hochtönende, emotionale Rede? Einer modernen deliberativen Demokratie steht der abwägende sachlich-rationale Redestil einer Angela Merkel doch eigentlich gut zu Gesicht.

Mir erscheint Merkel als Rednerin jedenfalls gnadenlos unterschätzt. Knapp 16 Jahre Kanzlerschaft ohne rhetorisches Gespür und Überzeugungskraft – undenkbar. Die Kanzlerduelle und Talkshowauftritte, die unzähligen Parlamentsdebatten und vor allem die Überzeugungsarbeit in Gremien und Ausschüssen, durch die tragfähige politische Konzepte erst entstehen, sollten als Beweis für das rhetorische Vermögen doch eigentlich reichen. Oft kam von Merkel das rechte Wort zur rechten Zeit, sei es nach Fukushima, sei es das berühmte "Wir schaffen das", oder sei es die erste Fernsehansprache zur Corona-Pandemie, in der sich neben einer sorgfältigen Erklärung der Bedrohungslage durchaus ein emotionaler Appell findet, und in der eine empathische Kanzlerin zu hören war. Merkel bot immer wieder große Rhetorik, die durch die Kraft des Arguments überzeugen will, rhetorische Figuren nicht als Blendwerk oder ornamentalen Selbstzweck einsetzt, sondern an die Vernunft appelliert, statt die Sinne durch eine übertriebene Performance zu berauschen.

Rhetorik war über Jahrtausende eine männliche Domäne. Wer als Mann öffentlich redet, der kann sich in eine lange Tradition einreihen, an den unterschiedlichsten männlichen Vorbildern orientieren. Als Angela Merkel Kanzlerin wurde, stand sie also vor einer besonderen Herausforderung, die sie rhetorisch erkannt und reflektiert hat. Sie blieb ihrem Stil treu, entwickelte Routine und Souveränität vor der Kamera, die der jungen Ministerin oft fehlten und sie unsicher wirken ließen. Merkel fand eine Art zu reden und sich zu präsentieren, die authentischer blieb als etwa die harten Auftritte einer Margaret Thatcher, die durch jahrelanges Training sogar die Tonhöhe ihrer Stimme in eine männliche Richtung entwickelt hatte – und bei der frühe und späte Auftritte kaum zusammenzupassen scheinen.

Merkel verstand die Bedeutung der Bilder, vermied Foto- und Fernsehauftritte, die sie in ungünstiger Pose zeigten, passte sich den Forderungen nach Kürze und Prägnanz in Interviews und Statements an, machte sich die Regeln zielgerichteter Kommunikation in den Medien zu eigen. Dabei war und blieb sie als Rednerin sie selbst, professionell im Umgang, aber ohne auswendig gelernte Posen, wie sie schlechte Rhetoriktrainer willfährigen Politikern antrainieren.

Während der Bundespräsident über die Flutkatastrophe spricht, lachend im Hintergrund zu feixen, wie es jüngst Armin Laschet passierte – bei Angela Merkel undenkbar. Sie hat die Logik der Medien verstanden und sich selbst und das Bild, das die Medien von ihr zeichnen, unter Kontrolle. Selten einmal erwischt man sie in unpassender Pose, auch das ist eine Leistung. Und auch ein gewisser Witz zeichnet Merkels Rhetorik aus, er blitzt gelegentlich auf, etwa wenn sie vor der Sommerpause bei ihrer letzten Bundespressekonferenz verkündet: "Man merkt erst, was man vermisst, wenn man es nicht hat."


Nach oben Link kopieren

Außergewöhnlicher Stil – von Norbert Lammert, ehem. Präsident des Bundestages

Der englische Historiker Eric Hobsbawm hat einmal empfohlen, "die Vergangenheit hinter sich und die Geschichtsschreibung ganz den Historikern zu überlassen". Wenn aber nach der Bundestagswahl mit der Vereidigung einer neuen Regierung die Amtszeit Angela Merkels offiziell endet, dann ist das für die deutsche Nachkriegsgeschichte ein Ereignis, das sowohl den Rückblick auf ihre Kanzlerschaft als auch den Versuch einer ersten vorsichtigen historischen Einordnung durchaus lohnenswert macht.

Erste Frau und erste Ostdeutsche im Kanzleramt, dazu Protestantin, eine promovierte Physikerin – anfangs wurde die Person Angela Merkel mit viel Offensichtlichem, bisweilen Trivialem in Verbindung gebracht und charakterisiert. Wohl niemand hat bei ihrer ersten Wahl 2005 daran gedacht, dass ihre Kanzlerschaft fast ebenso lang wie die von Helmut Kohl und länger als die Konrad Adenauers werden würde. Ebenso wenig vorhersehbar war, dass ihre Amtsjahre unter dem Eindruck von ungewöhnlich vielen, hinreichend oft beschriebenen Krisen stehen würde. Das besondere, ungewohnte politische Management Angela Merkels, unser Land und auch das vereinte Europa durch diese Krisen zu manövrieren und aus ihnen herauszuführen, zeichnen sie und ihre Kanzlerschaft aus.

Jetzt entdecken

Cover: DIE RICHTIGEN

ZEIT Geschichte : Die amerikanischen Präsidenten

Wie sie die USA groß gemacht haben – und warum die Demokratie in die Krise stürzte

Hier sichern

Vor allem ihr außergewöhnlicher Stil, ihre besonnene Art der politischen Führung, der Kompromisssuche und Entscheidungsfindung haben ihre Amtszeit ganz besonders geprägt. Das fällt sowohl aus dem deutschen als auch dem internationalen Rahmen, oder anders formuliert: Selten – falls je zuvor – war mit der Wahrnehmung einer solch herausragenden politischen Aufgabe ein so geringes Maß an persönlichem Darstellungsbedürfnis und Selbstinszenierung verbunden wie in dieser – vielleicht auch deshalb – erstaunlich langen Kanzlerschaft Angela Merkels. Das wird ganz sicher auch noch in zehn, in 20 und in 30 Jahren ihren Nachfolgerinnen und Nachfolgern im Amt als leuchtendes Beispiel vorgehalten werden.

Nach oben Link kopieren