Studenten mit Che-Guevara-Shirts und schulterlangem Haar, Mädchen mit Hüftgürteln und Blumenröcken: An den Infotischen in der Berliner Freien Universität stellt sich derzeit, wie vor vielen deutschen Hörsälen, ein Déjà-vu ein. Zwar gehört es zum üblichen Gezeitenwechsel der Mode, wenn in regelmäßigen Abständen der Rebellen- Look an die Oberfläche gespült wird. Aber signalisiert das kommerzielle Spiel mit Revolutions-Ikonen und Flower-Power nicht auch eine Sehnsucht nach Umsturz oder zumindest: Veränderung?

Vor dieser Frage stellt sich eine andere: Gibt es heute überhaupt eine mit der "außerparlamentarischen Opposition " vergleichbare Protestbewegung? Denn eine radikale, provozierende und bei aller Zerstrittenheit nach außen geschlossen wirkende Linke tritt ja nirgends in Erscheinung. Die linke Protestszene, so scheint es, hat sich von ihrer Zerfaserung nach 1968 nicht erholt – wenngleich die Fronten jetzt anders verlaufen als im Getümmel der K-Gruppen, trotzkistischen Organisationen und maoistischen Splittergrüppchen während der siebziger Jahre: Heute schlagen sich "Antideutsche" mit ihrer vehementen Kritik am – auch linken – Antisemitismus auf die Seite Israels und verteidigen die Außenpolitik der USA gegen antiamerikanistische Ressentiments Antiimperialistische Traditionslinke mit Junge Welt-Abo tragen nach wie vor ihr Palästinensertuch als Ausweis ihrer Dissidenz. Antifa-Gruppen kämpfen gegen und informieren über die Neonaziszene. Ein antimilitaristisches Bündnis besetzt ein Rekrutierungsbüro der Bundeswehr. Hartz-IV-Gegner demonstrieren für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Globalisierungskritiker bieten Großpuppen-Bastelkurse für die nächste Demo an. Und vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm versuchen sich Aktivisten unterschiedlichster Couleur auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Streitpunkt ist nicht zuletzt: die Gewaltfrage.

Der Großteil dieser Protestaktionen ist dabei längst Alltag der vielfältigen, meist freien Meinungsäußerung – von Fällen wie dem des Antifa-Aktivisten Michael Csaszkó­czy einmal abgesehen, der seit Jahren gegen das Land Baden-Württemberg prozessiert, das ihm wegen angeblich mangelnder Verfassungstreue den Weg in den Lehrerberuf versperrt. Die meisten Protestgruppen artikulieren ihre Kritik zudem rein punktuell. Oder man tut sich zu bestimmten Anlässen zusammen wie etwa die "Interventionistische Linke": Darin sind vor dem G8-Gipfel sonst marginale Gruppen verbunden wie eine Stiftung Unruhe oder FelS. Wobei letztere Abkürzung für den sehnsuchtsvoll klingenden Namen "Für eine linke Strömung" steht. Das große Ganze steht dennoch selten infrage, bei allen Bemühungen vereinzelter Gruppen, eine schlagkräftige und zeitgemäße Kapitalismuskritik zu formulieren. Auch bei den Studentenstreiks vor eineinhalb Jahren ging es vor allem um unterfinanzierte Bibliotheken und Lehrstühle, aber nicht um eine grundsätzliche "Systemkritik ". Die deutschen Studenten sind alles andere als revolutionär gestimmt: Sie fordern Reformen, keinen Umsturz. Sehr zur Enttäuschung einiger Kommentatoren aus der 68er-Generation, die fanden, an die Wurzeln gehende Kritik und Rebellion gegen den Kapitalismus seien längst wieder in großem Stil fällig; heute angesichts der globalen Ungerechtigkeit und der ökologischen und sozialen Zukunftskrisen. Dass die Universitäten kaum mehr Keimzellen eines kritischen Bewusstseins sind, hat dabei wohl nicht zuletzt in der verstärkten Arbeitsmarktorientierung der Hochschulen seine Ursache: "Seit wir die verschulten und karriereorientierten Bachelor- und Masterstudiengänge haben, fehlt doch jede Zeit für Politik." Der das sagt, studiert selbst noch: Felix Kolb, 32 Jahre alt. Der Sozialwissenschaftler aus Verden liegt in den letzten Zügen seiner Doktorarbeit und konnte sich selbst noch vor der normierenden Zurichtung des Studiums "viel Zeit für politische Aktionen nehmen" – allerdings weniger an der Uni selbst: Felix Kolb ist Pionier des Bewegungsnetzwerkes Attac. Ist es mit der Apo vergleichbar? In einem Punkt vielleicht: So erzwangen auch die "Attacis" die Auseinandersetzung mit einem flächendeckend verkannten Thema; in ihrem Falle der Globalisierung. Deren soziale und ökologische Schattenseiten knöpfen sich die über Attac locker verbundenen Gruppen, Institutionen und Einzelpersonen in zahlreichen Regionalgruppen bis heute vor. Aber: Spielt 68 überhaupt noch eine Rolle für die Politaktivisten von heute? Oder ist schon die Frage nach einer Apo der Gegenwart ein Anachronismus?

1968 und die politischen Folgebewegungen liegen für jemanden wie den 1975 geborenen Felix Kolb tief im Dunkel der Geschichte. Als Kolb für politische Aktionen alt genug war, da waren ja, wie er sagt, "leider sogar schon die großen Anti-AKW-Demos in Brokdorf Vergangenheit – oder die Proteste gegen den Bau der Startbahn West". Aber vielleicht können seine Generation und die noch Jüngeren auch gerade aufgrund dieses Abstandes gelassen zurückschauen. "Die 68er waren nicht die erste Protestbewegung und werden auch nicht die letzte sein", sagt Kolb nüchtern. Ganz ohne jenen rituellen Furor, mit dem die über 40-Jährigen in den Feuilletons bis heute praktisch jede deutsche Unbill den 68ern und ihrer angeblich grenzenlosen Permissivität zuschreiben, vom schlechten Abschneiden bei Pisa bis zur Kinderlosigkeit. Für einen wie Kolb hingegen markiert 1968 nicht den Beginn einer Verfallsgeschichte, sondern das genaue Gegenteil. Das Aufbäumen gegen eine damals noch immer zutiefst autoritäre deutsche Gesellschaft, die kulturelle Freiheit, die damals erkämpft worden sei. "Davon profitieren wir bis heute", sagt er. Die noch Jüngeren könnten für die 68er sogar regelrecht schwärmen, sagt der Berliner Bewegungsforscher Dieter Rucht. "Sie empfinden deren Fantasie, Frechheit, Begeisterungsfähigkeit und Zuversicht als Inspirationsquelle. " Wohl auch in neidvoller Projektion, denn aus den Provokationen von damals ist heute meist ganz normale Öffentlichkeitsarbeit geworden, und die jetzigen Rebellen verfolgen ihre Anliegen eher zielstrebig, unideologisch und professionell – was umgekehrt offenbar einer selbstkritischen Fraktion der längst ergrauten Rebellen imponiert.

Felix Kolb etwa arbeitet mittlerweile bei der Bewegungsstiftung, einer Initiative, die versucht, die große Zahl der Erben als Finanziers kritischer politischer Kampagnen einzuspannen, von der Aktion "Lobby-Control" über den Kampf gegen Hartz IV bis zum Widerstand gegen die Privatisierung der Bahn. Prompt sind es überproportional viele frühere oder alte Linke, die einen Teil ihres Eigentums in dieser privaten Form sozialisieren. Andere Aktivisten engagieren sich in den zahlreichen etablierten Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die per definitionem außerhalb von Regierung und Parlament gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben. Sind sie damit die eigentlichen Erben der Apo? Das zumindest meint der Hamburger NGO-Aktivist Stefan Schurig, ebenfalls Anfang 30. Schon früh war er in der Jugendumweltbewegung aktiv, später als Kampagnenleiter in Sachen Klimaschutz bei Greenpeace. Jetzt arbeitet er beim Weltzukunftsrat, einem Gremium, das unlängst Jakob von Uexküll, Organisator des alternativen Nobelpreises, ins Leben gerufen hat. Ziele des Rates sind ein "gesunder Planet" und eine "Kultur der Weltbürgerschaft". "Man kann revolutionäre Ziele durchaus mit ganz normalen demokratischen Mitteln erreichen", erklärt Schurig. Vergleichbar mit 68 sei lediglich das Gefühl, dass sich dringend etwas ändern müsse. "Aber wir sind heute viel weiter. Die Studentenrevolte musste überhaupt erst die Bresche schlagen und zeigen, dass man Strukturen aufbrechen kann, die wie in Beton gegossen schienen. Die NGOs können Mehrheiten bewegen." Und das mit neuen, wirkungsmächtigen Instrumenten: Im Internet kann heute jeder jedes Problem weltweit recherchieren und in Sekundenschnelle Medien oder Mitstreiter gegen Staudammbauten, Sozialabbau oder neue Gelder für die Atomforschung mobilisieren. Doch ähnlich dem einst heiß debattierten "Marsch durch die Institutionen" scheint auch der Versuch, das System mit systemkonformen Mitteln zu verändern, mitunter Anpassung zu bewirken. "Im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung", wie in revolutionären Zeiten der Sänger Franz Josef Degenhardt spottete. Gerade während der rot-grünen Regierung wuchs die Zahl der NGOs, deren Arbeit mit öffentlichen Fördergeldern unterstützt wurde und die dabei schon mal an Biss nachließen. Der Job als Gesellschaftskritiker ziert längst den Lebenslauf. "Wir sollten uns noch viel bewusster als außerparlamentarische Opposition verstehen", wünscht sich daher Stefan Schurig. Und der ehemalige Attac-Pionier Felix Kolb klingt beinahe sehnsuchtsvoll: "Die 68er haben noch wirklich gedacht, dass ein ganz großer Umbruch möglich ist."

Sie waren eben getrieben von Utopien und langfristigen Perspektiven, sagt Dieter Rucht. Heute hingegen fehlen Theorien und Theoretiker. Und das ist nicht nur die Folge einer gut begründeten kritischen Distanz zu allen "-ismen". Die Sozialwissenschaften haben sich verfachsimpelt und verschult, von ihnen geht wenig Mitreißendes aus. Mitreißendes sieht Felix Kolb höchstens noch in der Konjunktur der Glücksforschung, die er zu beobachten glaubt. Vor allem amerikanische Psychologen, aber auch Ökonomen könnten heute belegen, dass "Wohlstands- und Glückskurven" keineswegs parallel verliefen. Da entstehe eine neue, grundsätzliche Kulturkritik am Kapitalismus. "Vielleicht sind wir von Adorno ja doch nicht so weit weg", sagt Kolb. Aber vielleicht ist die Nähe oder Ferne zu Adorno am Ende auch gar nicht entscheidend. So liegt der Grund für das Fehlen einer neuen Apo womöglich weniger in einem Mangel an Theorien und politischem Bewusstsein, sondern ein Stück weit auch in den kulturellen Erfolgen der Proteste von damals – speiste sich die Energie der 68er-Bewegung doch zu großen Teilen aus der Opposition gegen eine verknöcherte Alltagswelt, gegen die auf Schritt und Tritt erfahrbaren Repressionen einer autoritären Spießergesellschaft.

Eine vergleichbar klare Angriffsfläche vermag die liberalisierte Lebenswelt der durchindividualisierten Postmoderne der heutigen Jugend kaum noch zu bieten. Wie Guevara-Shirt und Hippie-Rock erscheinen da mitunter auch die dahinterstehenden Sehnsüchte nach Veränderung und Umsturz nur noch als Zitate aus einer vergangenen Zeit.