David Bowie: Ihr wollt Space? Ich gebe euch Space!

ZEITmagazin: Sie sind jetzt fünfzig Jahre alt und könnten sich, wie andere Popstars Ihres Alters, auf Ihren alten Hits ausruhen oder gepflegten Jazz-Pop machen. Statt dessen stürzen Sie sich auf brachiale Beats und haben längst Ihre größten Klassiker aus Ihrem Live-Repertoire verbannt.

Bowie: Ich wollte einfach nicht den Rest meiner Tage als Greatest-HitsJukebox durchs Land ziehen.

ZEITmagazin: So ziemlich jeder Artikel, der je über sie geschrieben wurde, beschäftigt sich mit der Künstlichkeit Ihrer Person, mit dem Phänomen Ihrer radikal wechselnden Identitäten. Hat ihre Weigerung, weiter dieselben Hits zu spielen, auch damit zu tun, daß Sie sich immer noch nicht auf eine bestimmte Identität festlegen lassen wollen? Der Typ zu sein, der diese zwanzig Klassiker geschrieben hat?

David Bowie bei einem Konzert im Panathinaikos Stadium in Athen, 1997 © STR New /​ Reuters

Bowie: Absolut! Als ich aufhörte, diese zwanzig oder dreißig Songs zu spielen, passierte etwas Interessantes: Ich fing an, darüber nachzudenken, was diese Hits eigentlich bedeuteten, Ashes To Ashes und Heroes und Sound And Vision, und warum die Leute sie so mochten. Und ich guckte mir andere Lieder von mir an, die ich all die Jahre vielleicht lieber gespielt hätte. Ich habe mir überlegt, was an diesen relativ obskuren Liedern so viel näher an mir dran war, und ich fing an, verschiedene Fäden in meinen Texten zu finden, auch wenn ich mich scheinbar ständig verändert habe und die Stilisierungen ständig wechselten. Neuerdings sehe ich in diesen Veränderungen eine starke Kontinuität. Vielleicht habe ich tatsächlich die ganze Zeit dasselbe gesagt, seit meinen Anfängen bis heute.

ZEITmagazin: Und zwar? Was verbindet ihr Alter ego, die Kunstfigur Ziggy Stardust, mit David Bowie 1997?

Bowie: Es ging immer um eine Art spiritueller Suche. Es geht darum, die Organisation dieser Suche nicht als vorgegeben zu akzeptieren. Formale Religion ist nicht genug, es muß einen anderen Weg geben, eine neue Interpretation von Gott. Das ist noch sehr vage, aber irgendwo da drin steckt das, worüber ich meine Songs schreibe. Für mich ist es schon ein bißchen beängstigend, im nachhinein festzustellen, daß ich die ganze Zeit diese Besessenheit hatte. Die hat auch kein bißchen nachgelassen in den letzten dreißig Jahren. Das ist mein persönliches... na ja, Kreuz-das-ich-zu-tragen-habe will ich in diesem Zusammenhang lieber nicht sagen. Es ist meine große Lebensfrage.

ZEITmagazin: Für Sie ist also auch der Weltraum nur eine Metapher für Ihr Verhältnis zum Unbekannten und Unendlichen?

Bowie: Genau! Diese ganze Symbolik, die ich benutzt habe, die Sciencefiction-Hardware und all dieses Zeug - das sind alles nur Metaphern für die üblichen Fragen: Was ist unsere Verbindung mit dem Kosmos? Warum wurden wir geboren? Was sollen wir tun, während wir hier sind? Und wo gehen wir hin, wenn wir sterben? Sehr elementare Fragen, die klassischen Fragen eines Schriftstellers eigentlich! Nicht anders als bei Graham Greene oder Rick Moody oder den ganzen neuen Cyberpunk-Schreibern. Viele meiner Songs haben außerdem etwas Märchenhaftes an sich, in das die Leute ihre eigenen Ängste hineinlegen können. So wie die Geschichten in der Bibel oder die griechischen Tragödien auch immer unsere Ängste und Nöte ausspielen. Meine Songs machen im Grunde dasselbe, nur etwas kleiner.

ZEITmagazin: Damit stehen Sie ja nun wahrhaftig in einer altehrwürdigen Tradition. Dabei geben Sie sich doch sonst so betont bescheiden, was Ihre eigenen Talente als Songschreiber angeht.

Bowie: Das stimmt, und es ist bestimmt keine falsche Bescheidenheit. Ich weiß zwar, daß ich gut darin bin, Dinge zusammenzubauen. Ich bin nicht völlig davon überzeugt, daß ich ein großartiger Songschreiber bin. Ich weiß, daß ich gut eine Atmosphäre herstellen kann, und manchmal entsteht daraus eine akustische Landschaft oder etwas Mythisches. Ich kann aber zum Beispiel keinen Protestsong schreiben. Ich habe es versucht, und es waren gräßliche Reinfälle. Sobald ich didaktisch werde, falle ich sofort auf meinen Hintern. Darin bin ich so furchtbar schlecht.

ZEITmagazin: Auf der neuen Platte findet sich ein Song über Tibet - ist das etwa kein Protestsong?

Bowie: Man beachte, daß dieses Lied sehr impressionistisch gehalten ist. Wenn ich gesagt hätte: "Die Chinesen sind in Tibet einmarschiert und sie bringen alle um, und das ist nicht in Ordnung" - wenn ich so was versuche, kommt immer nur Scheiße dabei heraus. Das Predigen ist nichts für mich, das ist eher was für Bobby Dylan.

ZEITmagazin: Sie sammeln expressionistische Kunst und Werke junger wilder Engländer. Wenden Sie auf Popmusik und Kunst dieselben Kriterien an?

Bowie: Ich glaube, ja. Meine Vorlieben in der Musik repräsentieren fast immer das, was ich nicht bin. Leute wie Iggy Pop, Lou Reed, Sonic Youth. Mit denen habe ich nichts gemeinsam, ich bin von Natur aus viel zurückhaltender. Aber ich betrachte sie als die aggressive Seite meines Wesens, die ich selber noch gar nicht richtig kenne. Zu solcher Musik werde ich immer hingezogen: hyperenergische, dynamische, dionysische Musik. Diese Eigenschaften finden sich auch in der Kunst, die ich mag: Outsider Art und Art brut. Die Expressionisten hatten auch diesen ungestümen Drang. Diese Heftigkeit gefällt mir. Auch die Neoexpressionisten fand ich sehr aufregend: Penck, Kiefer, Mittendorf. Das war phantastisch! Und ich war lange Zeit völlig hingerissen von Dada - Marcel Duchamp und Man Ray und Arp und Schwitters - besonders Schwitters, wegen seiner Fähigkeit, in seinen Collagen gewöhnliche Dinge in unglaubliche Ikonen zu verwandeln. Es gibt also ein Gefühl, das ich sowohl in der Kunst als auch in der Musik suche und finde. Ein Gefühl wie in Strawinskys Le sacre du printemps - ich bin selber nicht so, aber ich verstehe diese Brutalität, die Blutopfer, das Beschwichtigen der Götter. In mir steckt offenbar ein wilder Kelte, ich sollte mit flatternden Gewändern auf einem Pferd um Glastonbury und Stonehenge herumpreschen!

David Bowie und seine Frau Iman in Kapstadt, Südafrika, 1995 © STR New /​ Reuters

ZEITmagazin: Sie assoziieren ständig Bilder mit Musik und Musik mit Bildern?

Bowie: Ich habe kein Problem damit, alles miteinander zu verbinden. Frustrierend ist nur, daß ich immer annehme, das alle anderen das auch tun. Das, was die Leute an mir immer so "prätentiös" finden - das ist mein Lebenselixier! Ich kann ohne diese Spiegel meiner Existenz nicht leben.

ZEITmagazin: Aus den traditionellen Abgrenzungen zwischen Hoch- und Subkultur machen Sie sich nicht sehr viel?

Bowie: Nichts. Vielleicht liegt es daran, daß ich durch Bücher Zugang zur Welt gefunden habe. Als ich jung war, habe ich ununterbrochen gelesen. Ich habe mir die Welt geschaffen, in der ich leben wollte. Bücher waren für mich immer eine Straße zu neuen Erfahrungen. Manches davon habe ich später in die Tat umgesetzt, nachdem ein Buch mir gesagt hatte: Du mußt nach San Francisco gehen, oder du mußt in Berlin leben oder in Kyoto. Nie entsprachen meine Erfahrungen dem, was ich mir beim Lesen vorgestellt hatte, aber diese Bücher haben mir den Impuls gegeben, meine eigenen Erfahrungen zu machen. Mir würde es also gar nicht einfallen, daß es prätentiös sein könnte, James Joyce oder William Borroughs für meinen Schreibstil zu adaptieren. Viele sagen, ach, das ist so arty. Aber das sind eben nicht irgendwelche elitären Bücher - sie sind die Bezugspunkte für unsere ganze verdammte Art zu leben. Und wer sie nicht lesen will, ist eben ein beschissener Ignorant! Der hat eben Pech gehabt - er wird ein paar aufwühlende Erfahrungen verpassen!

ZEITmagazin: Ist es Ihre Gier nach Kunst, die Sie davon abhält, noch mal so einen Millionenhit wie Let's Dance auszuhecken?

Bowie: Exakt! Denn ich habe schon immer geahnt, daß das Leben des supererfolgreichen Rockstars nichts ist, woran ich auch nur im geringsten interessiert wäre. Ich kann ein Auto nicht vom anderen unterscheiden. Solche Dinge bedeuten mir rein gar nichts. Und darum scheint es ja immer zu gehen. Die Hauptmerkmale des Rockstars sind: umwerfend schöne Frauen zu haben und ein fabelhaftes Auto. Na ja, ich hatte immer umwerfend schöne Frauen. Aber dieses Autoding und diese ganzen Sachen haben mich nie gereizt. Meine Maßstäbe sind einfach andere.

ZEITmagazin: Sind Sie eigentlich jemals darüber hinweggekommen, es nicht zum Saxophonisten in Little Richards Band gebracht zu haben?

Bowie: Ich glaube schon. Das heißt nicht, daß das, was ich statt dessen mache, besser wäre. Aber es ist okay.