Das war meine Rettung "Ganz ehrlich? Es war hart"

Der Rapper Stromae steckte in einer tiefen Pubertätskrise. Ihm halfen Briefe, die ihm seine Schwester schickte. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 17/2014

ZEITmagazin: Monsieur van Haver, waren Sie eigentlich ein guter Schüler?

Paul van Haver alias Stromae: Ich habe als Kind immer wieder den einen gleichen Satz gehört: "Er ist nicht wirklich dumm, aber er hat große Probleme, sich zu konzentrieren." Ich konnte nicht still sitzen und zuhören, und ich hatte überhaupt keine Lust, etwas zu lernen. Als ich 15 Jahre alt war, bekam ich dann richtige Schulprobleme, und meine Mutter beschloss, mich aufs Internat zu schicken – das hatte sie mit meinen beiden älteren Brüdern auch schon gemacht.

ZEITmagazin: Fiel es Ihnen schwer, plötzlich nicht mehr zu Hause zu leben?

Stromae: Ganz ehrlich? Es war hart. Das Internat war ein Jesuitenkolleg, ich fühlte mich einsam, weit weg von daheim und von meinen Geschwistern. Die Erziehung dort war streng. Ich steckte in einer tiefen Pubertätskrise, war faul und wollte nicht lernen. Grund dafür waren meine Selbstzweifel: Ich glaubte nicht, dass ich die Schule schaffen könnte. Ich habe damals meiner Schwester viele Briefe geschrieben, und sie schrieb mir zurück. Sie hat mich gerettet, denn sie hat mich aufgebaut und schrieb mir immer, dass sie an mich glaube. Sie gab mir Selbstvertrauen und zeigte mir, dass es gar nicht schwierig ist, ein guter Schüler zu sein, wenn man es nur wirklich versucht. Ohne ihre Unterstützung hätte ich es nie gepackt. Und das war ein Glück, denn an der Schule waren viele Schüler, die einen anderen Hintergrund als ich hatten, viele kamen aus der Oberschicht. Zu erfahren, wie unterschiedlich Menschen sind – das ist das wahre Leben. Wäre ich daheim geblieben, hätte ich das niemals erkannt.

ZEITmagazin: Können Sie sich daran erinnern, wann Sie gespürt haben, dass Musik Ihnen wichtig ist?

Stromae: Mein erstes Musikerlebnis hatte ich mit sechs Jahren, als ich zum ersten Mal in der Schule die Vier Jahreszeiten von Vivaldi hörte. Mit zwölf Jahren war ich vom Schlagzeugspielen derart begeistert, dass meine Mutter mich in der Musikschule anmeldete. Im Internat gründete ich dann eine Hip-Hop-Band. Die war dort nicht gern gesehen, aber wir wurden geduldet. Als ich 19 war, stieg einer von uns aus, er hatte gemerkt, dass es nicht sein Ding war, vor vielen Menschen auf der Bühne zu stehen. Für mich stellte sich diese Frage überhaupt nicht. Ich wusste einfach: Ich muss weitermachen.

ZEITmagazin: Wie schwierig ist es für Sie als Star, die Gegensätze auszuhalten: einerseits auf der Bühne gefeiert zu werden und andererseits den ganz normalen Alltag zu leben?

Stromae: Erst mal: Den Begriff Star kann ich nicht ausstehen. Ich sehe mich eher als einen Handwerker, der das Beste aus seiner Leidenschaft macht. Sich für einen Star zu halten ist prätentiös. Zu Ihrer Frage: Jeden Abend auf der Bühne zu stehen und alles zu geben, das ist wie eine natürliche Droge, das ist Adrenalin pur. Deshalb kann es, wenn man dann wieder allein zu Hause sitzt und an seiner Musik arbeitet, leicht passieren, dass man in eine depressive Stimmung abrutscht. Das ist dann wie ein freier Fall. Deshalb sind mir meine Familie und die Menschen, mit denen ich auf den letzten beiden Tourneen zusammen gearbeitet habe, so wichtig. Gerade weil sich alles so schnell verändert, brauche ich Stabilität um mich herum. Ich bin nicht immun gegen solche Stimmungen, aber ich hoffe, niemals abzustürzen.

ZEITmagazin: Ihre erster Song "Alors on danse" war gleich ein Millionenhit. Das lässt sich nicht so leicht wiederholen.

Stromae: Nein, keineswegs. Viele hielten mich für ein One-Hit-Wonder. Ich zweifelte ja selbst daran, dass es immer so weitergehen würde. Und als ich meinem Manager und meinem kleinen Bruder die erste Komposition für mein zweites Album vorstellte und ihre Gesichter sah, wurde mir klar, dass sie es schrecklich fanden. Sie hatten recht. Aber ich war trotzdem derart verletzt und gekränkt, dass ich mich erst mal in mein neues, großes Haus zurückgezogen habe.

ZEITmagazin: Was war denn das Problem?

Stromae: Man erwartete damals von mir, dass ich schnell etwas Neues produziere, was anderen gefällt – ob es mir auch gefällt, war nicht so wichtig. Mir war unter dem ganzen Druck nicht mal klar, dass es mir selbst gar nicht gefiel.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie aus dieser Misere raus?

Stromae: Ich habe meinem Manager gesagt, lass mich mal für drei, vier Monate allein. Wenn es länger dauert, dauert es eben länger. Ich würde mich erst wieder melden, wenn ich etwas hätte, das mir wirklich auch selber gefiele. Am Anfang war ich richtig genervt, ich schlug gegen die Wand, ich konnte nicht mehr. Aber dann kam meine Kreativität wie von selbst zurück – und plötzlich machte das Komponieren wieder Spaß.


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