Ich habe einen Traum Gary Barlow

"Sieben Jahre lang hatte ich keine Lust mehr zu singen"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 17/2014

An meine Träume erinnere ich mich eigentlich nur selten, denn ich schlafe tief und ausgiebig. Wenn ich zum Beispiel von London nach Los Angeles fliege, schlafe ich ein, sobald ich sitze, bin zehn Stunden lang weggetreten und muss bei der Landung geweckt werden. Meine Freunde und Musikerkollegen beneiden mich darum oder hassen mich dafür. Meine Frau nennt mich den "schlimmsten Dad der Welt", weil ich immer selig weiterschlafe, wenn sich die Kinder die Seele aus dem Leib schreien. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich bei jedem Mucks sofort aufwache, wenn meine Frau unterwegs ist und ich mit den Kindern allein bin.

An einen Albtraum neulich kann ich mich noch erinnern. Da stand ich als Schauspieler auf einer Bühne im Londoner Westend, und das Theater war vollkommen leer, wir hatten kein einziges Ticket verkauft. Ich schaute meine Kollegen ratlos an. Wir gingen zurück in die Garderobe und packten unsere Sachen. Aber jedes Mal, wenn ich das Theater verließ, fand ich mich aus irgendwelchen Gründen auf der Bühne wieder. Es war ein teuflischer Kreislauf, und im Schlaf hatte ich das Gefühl, mehrere Jahre in diesem leeren Theater zu verbringen. Zum Glück wachte ich dann irgendwann auf.

Erfolg ist etwas Kompliziertes, das man niemals als gegeben nehmen darf. Weil ich als junger Musiker mit Take That so schnell so viel Erfolg hatte, waren Hits für mich lange etwas Selbstverständliches. Aber vor einigen Jahren holte mich die Veröffentlichung meiner zweiten Soloplatte auf ziemlich drastische Weise in die Realität zurück. Dieses Album war ein riesiger Flop, was für mich natürlich ein absoluter Albtraum war. Diese Niederlage hat mich so sehr geschockt, dass ich danach sieben Jahre lang keine Lust mehr hatte zu singen. Ich hatte in der Zeit völlig die Freude daran verloren, ein Musiker zu sein.

Damals war ich sicher, dass ich nie wieder eine Bühne betreten würde. Dabei hatte ich es seit meiner Kindheit immer geliebt, vor den Leuten aufzutreten, das war immer ein Motor meines Lebens gewesen. Bereits mit elf Jahren trat ich in Pubs auf. Jahr für Jahr arbeitete ich auf winzigen Bühnen. Als Kind träumte ich davon, eine goldene Schallplatte zu bekommen und in der Fernsehshow Top Of The Pops aufzutreten. Meine erste Auszeichnung war dann gleich eine dreifache Platinplatte für das erste Take-That-Album, und bei Top Of The Pops war ich insgesamt 66 Mal zu Gast.

Als Künstler im Rampenlicht ist man viel verwundbarer als jemand, der nur Songs schreibt. Wenn der einen Flop landet, bekommt das kaum einer mit. Mein Scheitern war sehr öffentlich. Das Scheitern als Künstler ist immer mit einer existenziellen Krise verbunden. Das wird von Außenstehenden gern unterschätzt. Andererseits ist dieses Risiko eben auch der Kick. Wenn man gewinnt, gehört einem die Welt. Eine Bühne zu verlassen, wenn man viele Menschen unterhalten hat – das ist ein überwältigendes Gefühl. Der Traum, das zu schaffen, ist für mich zum Glück doch immer wieder wahr geworden.

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