Harald Martenstein: Über die Ungerechtigkeit von Schulnoten

© Fengel
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 18/2014

Die Kultusministerin von Schleswig-Holstein, Waltraud Wende, möchte Schulnoten in allen Schulen abschaffen. Als erster Schritt werden Noten in der Grundschule abgeschafft. Zur Begründung schreibt Frau Wende in einem Artikel für die ZEIT, dass Noten unfair sind. Zitat: "Unterschiedliche Lehrkräfte bewerten dieselbe Leistung nicht zwingend mit derselben Note. Allzu oft sind Noten Glückssache!" Das stimmt. In Wahrheit ist es allzu oft sogar noch schlimmer. Ich habe jahrelang in Mathematik durch Abschreiben sowie den Einsatz von Spickzetteln eine Note gehabt, die mit meinen tatsächlichen Kenntnissen nicht das Geringste zu tun hatte. Ich kann zählen. Ich kann Zahlen schreiben. Mit den Grundrechenarten kenne ich mich immerhin halbwegs aus. Alles andere habe ich nie begriffen. Trotzdem hatte ich in komplizierten Algebra-Arbeiten Noten bis hinauf zu einer Zwei minus. Allzu oft sind Noten geschummelt.

Frau Wende möchte, dass Leistung objektiv gemessen wird und dass es keine Glückssachen mehr gibt. Alles soll total gerecht sein. Es ist eine Titanenarbeit, die sie sich da vorgenommen hat. Allein schon die Tatsache, dass der eine Mensch 1,75 Meter groß ist, ich zum Beispiel, der andere aber zwei Meter, stellt eine Ungerechtigkeit dar, wenn sie beide vor einem Bücherregal stehen und an das oberste Brett herankommen möchten. Wenn aber alle Glückssachen konsequent abgeschafft werden, könnte es passieren, dass Waltraud Wende selbst ein Opfer ihrer Politik wird. Es gibt garantiert Hunderte von Menschen, die in der Lage wären, den Job einer Kultusministerin von Schleswig-Holstein passabel auszufüllen. Dass ausgerechnet sie es geworden ist, war Glückssache. Dass ich hier Kolumnen schreiben darf, ist ebenfalls Glückssache. Jeder, der jemals irgendwo irgendwas geworden ist, hat dies zum Teil glücklichen Umständen zu verdanken. Ich glaube, wir alle werden das Glück vermissen, wenn es tatsächlich verboten wird.

Statt Noten soll es in Zukunft "Kompetenzbeschreibungen" geben. Die Lehrer sollen ausführlich Kompetenzen und Defizite jedes Schülers beschreiben. Statt eines Zeugnisses wird jedem Schüler ein Essayband über sämtliche Facetten seiner Persönlichkeit ausgehändigt. Wenn eine Lehrerin eine Schülerin nicht mag, kann sie natürlich Folgendes machen: Sie gibt der Nervensäge keine schlechte Note, sondern beschreibt deren Verhalten in ihrem Essay in den düstersten Farben. Waltraud Wende will auch dieser Ungerechtigkeit einen Riegel vorschieben. Im Fach Deutsch zum Beispiel soll auch "Zuhören" bewertet werden. Ein Schüler, der weder lesen noch schreiben kann, immer Kaugummi kaut und niemals ein Wort sagt, findet in seinem Abiturzeugnis dann den Satz: "Ben kann gut zuhören und versteht auch manches."

Offenbar werden, um seelische Verwundungen zu vermeiden, Schulzeugnisse den Arbeitszeugnissen angeglichen. Wenn ein Schüler die Mitschüler verprügelt, muss der Lehrer schreiben: "Tobias verfügt über gesundes Selbstvertrauen." Trinkt eine Schülerin auf dem Schulhof Bommerlunder, heißt es: "Durch ihre Geselligkeit trägt Anna zur Verbesserung des Schulklimas bei." In meinem Zeugnis hätte, in Bezug auf Mathe, gestanden: "Harald verstand es, alle Prüfungsaufgaben mit Erfolg zu delegieren." Wird der Schüler aber, weil er mithilfe gefälschter Krankmeldungen geschwänzt hat, der Schule verwiesen, so heißt in Zukunft die faire Formulierung: "Lukas scheidet aus, um in einer anderen Lehranstalt eine höherwertige Tätigkeit zu übernehmen. Wir wünschen ihm vor allem Gesundheit."

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Noten als "Normalisierungsinstrument"

Dass Noten nichts oder nicht immer etwas über den aktuellen Wissens- und Fertigkeitsstand aussagen, ist wohl eine Binsenweisheit. Dazu dienen sie ja auch gar nicht.
Noten dienen dazu, Schülerpopulationen zu "normalisieren", das heißt, auf stetigen Verteilungskurven von Schüler-Massen "symbolische Normalitätsgrenzen" zu markieren, die das "mittlere von den der trennen". (Jürgen Link, Sarrazins Deutschland. In: kultuRRevolution 60 [2011] S. 40)
So soll mehr oder weniger festgelegt werden, wer was studieren oder welchen Beruf ausüben kann.

Noten als "Normalisierungsinstrument"

Dass Noten nichts oder nicht immer etwas über den aktuellen Wissens- und Fertigkeitsstand aussagen, ist wohl eine Binsenweisheit. Dazu dienen sie ja auch gar nicht.
Noten dienen dazu, Schülerpopulationen zu "normalisieren", das heißt, auf stetigen Verteilungskurven von Schüler-Massen "symbolische Normalitätsgrenzen" zu markieren, die das " 'mittlere Spektrum' von den 'Extremen' der 'Anormalität' trennen". (Jürgen Link, Sarrazins Deutschland. In: kultuRRevolution 60 [2011] S. 40)
So soll mehr oder weniger festgelegt werden, wer was studieren oder welchen Beruf ausüben kann.

Verwendung des Instruments

Sie schreiben:
"So soll mehr oder weniger festgelegt werden, wer was studieren oder welchen Beruf ausüben kann."
und das wird aus Daten (nämlich Noten) berechnet, die "nichts oder nicht immer etwas über den aktuellen Wissens- und Fertigkeitsstand aussagen".

Daraus kann man nur schließen, dass man völlig willkürlich einteilt, welchen Lebensweg jemand einschlägt.
Das ist das beste Argument gegen Noten!

Gleichstellung über alles

Wir leben im Zeitalter einer allgemeinen Gleichheitsmanie. Bzw. der Gleichstellungsmanie einer mächtigen Politikerkaste. Alle müssen gleich sein, dumme und schlaue, große und kleine, fleißige und faule, sogar Männer und Frauen (dank Radikalfeminismus), arme und reiche (mittels verschärfter Steuerprogression und Sozialneid) usw. Leider hat unsere gleichstellende Politikerkaste nie verstanden, daß Markt, Evolution, Fortschritt, Veränderung usw. prinzipiell nur auf Ungleichheit beruhen kann. Natürlich auch auf Konkurrenz und Verlierern, ohne das gibt es keine Gewinner.

Alles, was Ungleichheit sichtbar macht, ist im Rahmen der Gleichheitsmanie abzuschaffen, Schulnoten sind nur ein Beispiel. Auch hier haben unsere politischen Gleichsteller nicht verstanden, daß Ungleichheiten nicht verschwinden, wenn man sie versteckt. Siehe die "Geheimcodes" (die jeder kennt) in Arbeitszeugnissen. Der grassierenden politischen Korrektheit, die einen nur noch nervt, wird eine weitere Facette hinzugefügt.

Ich frage mich immer wieder, welche gesellschaftliche Vision unsere Gleichsteller haben. Etwa eine Gesellschaft, in der ich genau weiß, daß keinerlei Zusammenhang zwischen meinen Fähigkeiten, meinem Fleiß, meinen Ideen usw. und meinen "Erfolgen" beim Erwerb von formalen Bildungsnachweisen, im Beruf, bei der Bezahlung usw. besteht? Wo alle völlig gleich sind, wie Hühner in der Legebatterie?
OK, rein in die Hängematte. Ich optimiere dann eben den Quotienten aus Erfolg geteilt durch Aufwand.

Nicht nur Glückssache

Auch wenn ich viel Spaß am Lesen der Kolumne habe, irgendwie erschließt sich mir ihre Logik nicht:
Einerseits mussten Sie sich einen Weg überlegen, die Noten zu unterwandern, da sie sonst nicht dahin gekommen wären, wo sie heute sind (oder hätten vlt ein Jahr länger die Schule besucht).
Das heißt, sie waren ihnen eigentlich hinderlich. Ohne die Noten wären sie mind. genauso weit gekommen. Durchkommen ist dann doch einfacher?
Also wollen Sie die Noten behalten, weil sie sie zur Verschleierung von eigenen Inkompetenzen brauchen (was ich sehr sinnvoll finde, denn momentane Unfähigkeit ist nur ein Indikator für zukünftige und kein Beweis dafür). Dann sollte man aber konsequenterweise für ein System plädieren, dass die Fehler unter den Tisch fallen lässt und genau dieses System würde den von Ihnen genannten Euphemismen entsprechen.
Falls man das nicht anstrebt, da man Negatives als solches weiterhin benennen will, dann sehe ich im Modell dieser Kultusministerin alle Möglichkeiten dazu gegeben, und gleichzeitig enthält es nicht mehr die unfaire Ungleichheit im Betrachten von Leistungen. Denn die Interpretation des im Zeugnis Geschriebenen wird nicht mehr mitgeliefert.
Es werden vielmehr nur noch die Fakten beschrieben: "Harald hat keine Ahnung, was er mit Zahlen anstellen soll" und kein Urteil gefällt. Das Urteil kann sich dann jeder potentielle Arbeitgeber selbst bilden. Zum Beispiel steht da dann auch "Harald ist in der Lage, sehr lustige und kreative Texte zu schreiben".