Fotografie: Der Feind hat viele Gesichter

Herlinde Koelbl recherchierte auf der ganzen Welt. Ihre schwierigste Reise führte sie in den Nordirak.
ZEITmagazin Nr. 19/2014

ZEITmagazin: Frau Koelbl, einer der Soldaten, mit denen Sie während Ihrer Arbeit an dem Projekt Targets gesprochen haben, sagte: Es klingt grausam, aber das Töten muss automatisiert werden, um zu funktionieren.

Herlinde Koelbl: Die Soldaten werden bei den Schießübungen so trainiert, dass sie im Einsatz nicht mehr überlegen müssen, sondern sich auf ihren Drill verlassen und automatisch reagieren. Ein Soldat meinte: Wenn man erst nachdenkt, er oder ich, ist man bereits tot.

ZEITmagazin: Sie haben Schießziele in der ganzen Welt fotografiert. Was hat Sie daran interessiert?

Koelbl: Ich habe vor 30 Jahren mein erstes Ziel fotografiert, als ich an einer Geschichte über die Bundeswehr arbeitete. Einmal im Morgengrauen musste die Truppe einen Acker hinter den feindlichen Linien überqueren. Auf dem Acker tauchte im Gegenlicht eine Figur auf, völlig zerschossen, und das erste Licht des Tages strahlte durch die Einschusslöcher. Das hat mich fasziniert, und ich habe es fotografiert, obwohl es mit der Geschichte nichts zu tun hatte, das Foto ist auch nie erschienen. Es ist für mich ein Symbol für Gewalt und Tod. Das Bild hat mich nicht losgelassen, ich habe es immer wieder angeschaut. Und so habe ich vor sechs Jahren das Thema wieder aufgenommen.

ZEITmagazin: Was wollten Sie herausfinden?

Koelbl: Ich wollte wissen: An welchen Zielen lernen Soldaten heute ihr Handwerk? Wie sehen die Ziele, wie sieht der Feind aus? Und ich wollte es international anlegen, damit wirklich ein Überblick entsteht.

ZEITmagazin: Der Feind scheint viele Gesichter zu haben, wenn man sich Ihre Fotos anschaut.

Koelbl: Natürlich kommt es immer darauf an, auf welcher Seite man steht. Jeder glaubt, immer auf der richtigen zu sein. In den USA sieht der Feind anders aus als in Kurdistan oder Afghanistan.

ZEITmagazin: Und in der Mongolei anders als in der Schweiz. Sie haben in den sechs Jahren die ganze Welt bereist, waren auf Militärstützpunkten in 30 Ländern.

Koelbl: Ich wollte im Norden, Süden, Osten und Westen die wichtigsten Nationen dabeihaben, aber auch Außenseiter oder arme Länder. Tatsächlich sind jetzt alle Regionen vertreten, außer Australien, da es dort historisch bedingt dieselben Schießziele gibt wie bei den Briten.

ZEITmagazin: Wie haben Sie es geschafft, überall fotografieren zu dürfen? Gerade von Ländern wie China, Russland oder den Vereinigten Emiraten erwartet man nicht gerade Offenheit in solchen Dingen.

Koelbl: Es war schwieriger, als ich gedacht hatte. Das Militär ist immer misstrauisch. Die haben sich gewundert: Die will nicht unsere Waffen fotografieren, keine Aktion, sondern Schießziele? Was steckt dahinter? Es bedurfte großer Geduld, bis ich die Zusage mancher Länder bekam, bei den Emiraten dauerte es vier Jahre, in Russland zwei.

ZEITmagazin: Wie sind Sie vorgegangen?

Koelbl: Ich hatte schon relativ bald mit dem deutschen Verteidigungsministerium Kontakt aufgenommen, das mein Vorhaben interessant fand und dann die deutschen Militärattachés in den Ländern informiert hat, und ich habe den Attaché des jeweiligen Landes, der in Deutschland akkreditiert war, angeschrieben. So wurde mein Gesuch von zwei Seiten vorgebracht.

ZEITmagazin: Gab es auch einfachere Fälle?

Koelbl: Grundsätzlich ist das Militär eine geschlossene Gesellschaft, aber in manchen Ländern wie den USA, der Schweiz oder Deutschland ist man etwas offener. Schwierig war es allerdings, auf die Übungsplätze der Special Forces in den verschiedenen Ländern zu kommen, und auch beim KSK (Kommando Spezialkräfte, Anm. d. Red.) war es nicht einfach.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Admiral John Benbow

#1  —  30. April 2014, 14:07 Uhr

Wie bitte?

"Herlinde Koelbl gehört zu den renommiertesten deutschen Fotografen."

Susanne Mayer!!! Wo ist die denn, wenn man (pardon!) sie braucht?

Das Magazin konnte ja nur einige der Fotos abdrucken. Diese waren ebenso beeindruckend wie ihre Entstehungsgeschichten. Ich frage mich, ob Frau Koelbl auch Fotos im Vereinigten Königreich, Dänemark oder Norwegen gemacht hat, wo z. T. auf lebende Schweine geschossen wird, die an den Beinen aufgehängt werden. Diese Art des Trainings soll offenbar der völligen Entmenschlichung des Gegners dienen und ist skandalös.