Harald Martenstein: Über Frauen, Juristen und Chihuahuas

© Fengel
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 20/2014

Die deutsche Juristenausbildung hat das Sexismusproblem. Dies wurde in einer Studie der Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft nachgewiesen. Zeitungen haben darüber berichtet. Viele sind empört. Frauen schneiden im schriftlichen ersten Staatsexamen um durchschnittlich 0,3 Punkte schlechter ab als Männer. Insgesamt gibt es 18 Punkte, der Unterschied ist also sehr klein. Aber auch ein kleiner Sexismus bleibt ein Sexismus. Ein Chihuahua ist ein Hund, obwohl man von der Größe her eher denkt, das sei ein Hamster mit seltsamen Zähnen. So weit ist mir das alles klar.

Dann habe ich auf jetzt.de die Information gefunden, dass die Prüfung anonym geschrieben wird. In der Studie sei dieses wichtige Detail eher versteckt worden. Wenn jemand auf dem Prüfungsbogen irgendwas über seine sexuelle Identität verrät, wenn die Person etwa an den Rand schreibt, "I’m every woman" oder "Entschuldigen Sie, falls Barthaare an meinem Prüfungsbogen kleben", dann ist die Person automatisch durchgefallen.

Jetzt wird die Frage diskutiert, wie die sexistischen Prüfer, wenn sie vor den anonymen Examensbögen sitzen, das Geschlecht der Prüflinge herausfinden. Riechen sie an den Bögen? Ein Chihuahua würde das tun. Nein, eigentlich kann es nur die Handschrift sein, an der die Sexisten sich orientieren. Andererseits ist die Aussage, dass man eine Frau an der Handschrift erkennt, doch auch wieder klischeehaft und sexistisch. Es ist eine echte Zwickmühle. Lösen kann man das Problem mit der minimal schlechteren Note vermutlich nur, indem die gescheiterte anonyme Prüfung in Jura wieder abgeschafft wird und indem auf jedem Prüfungsbogen eine Aufforderung an die Prüfer steht, etwa so: "Bedenken Sie, dass Frauen benachteiligt sind und jede Förderung brauchen, auch und gerade bei der juristischen Examensnote." In Rheinland-Pfalz wollten sie neulich so was Ähnliches sogar auf die Wahlzettel schreiben, wählt Frauen, sie brauchen jede Hilfe. Der Aufdruck wurde verboten, von sexistischen Richtern.

Ich war noch mitten im Denkprozess, als mir ein Kommentar der Süddeutschen Zeitung in die Hände fiel, der nur ein paar Tage vor dem jetzt.de-Bericht erschienen ist. Darin schreibt der Kollege Heribert Prantl, selbst Jurist, über die Juristenausbildung: "Frauen haben im Schnitt bessere Examensnoten. Die Justiz wird weiblich." Er will die traurige Wahrheit ganz klar vertuschen. Ich glaube, ich bin einer sexistischen Verschwörung in München auf die Spur gekommen.

Ich habe mir die Studie daraufhin genau angesehen und herausgefunden, dass es eine weitere Bevölkerungsgruppe gibt, die bei der Juristenausbildung sogar noch viel stärker diskriminiert wird als Frauen. Es sind die Bochumer. Studierende in Bochum erzielen beim juristischen Staatsexamen im Schnitt um bis zu zehn Prozent schlechtere Ergebnisse als ihre Kommilitonen in Bielefeld, und zwar auch dann, wenn sie die gleichen Abiturnoten hatten, das ist richtig viel. Diese Ungerechtigkeit ist deshalb besonders gravierend, weil sie, im Gegensatz zur Benachteiligung der Frau, bis heute tatsächlich erfolgreich vertuscht wurde. Es gibt keinen Aufschrei. Die Autoren der Studie machen sich sogar darüber lustig. Sie deuten an, dass in Bochum vielleicht viele Abiturienten aus Berlin studieren, während Abiturienten aus Bayern eher Bielefeld bevorzugen.

Über die Bochumfeindlichkeit unserer Gesellschaft schreibt niemand, bis auf mich. Ich nenne dieses Phänomen: der kleine Unterschied zwischen Bielefeld und Bochum und seine großen Folgen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Eventuell schon zuviel Juristinnen?

„[...] Die Frau vom Jugendamt unterstützte allerdings wie selbstverständlich die Mama. Die Richterin und die beigeordnete Sozialarbeiterin taten es ihr ohne Zögern nach.

Als die Tochter nach einem halben "Probejahr" unbedingt zum Papa zurück wollte und ihre Meinung auch deutlich gegenüber der Sozialarbeiterin und einer weiteren Richterin vertrat, wurde sie nicht ernst genommen. Ihre Worte wurden umgedeutet und der Herzenswunsch abgelehnt. Die in der nächsten Instanz zuständige Richterin mochte sie auch nicht so recht unterstützen.“[...]

Aus Kindermund:"Frauen tun immer nur so, ..."
http://bit.ly/Q6exJD

So ist es
Wie immer ein super Kommentar von Martenstein.
Dieses reflexhafte "Sexismus" Geschrei der ewig gestrigen Feminismus Anhänger nervt nur noch. Werden Männer diskriminiert herrscht nur noch Gelächter. Entweder wir konzentrieren uns wieder auf das wesentliche, nämlich der Gleichberechtigung, wie es im Grundgesetz verankert ist, oder es muss dringend eine Gegenbewegung zu diesen einseitigen Schreihäls_-/*Innen her. Dies wäre nicht wirklich wünschenswert.

tL