Harald Martenstein Über Kritik von allen Seiten

© Fengel
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 21/2014

Vor längerer Zeit bin ich von ein paar Jugendlichen verprügelt worden, auf dem abendlichen Heimweg. Einen Anlass gab es nicht. Sie ohrfeigten mich und traten auf mich ein, als ich am Boden lag. Dann zogen sie gut gelaunt ihres Weges. Wie ihrem Akzent zu entnehmen war, hatten sie den sogenannten Migrationshintergrund. Ich war nicht ernsthaft verletzt und ging nicht zur Polizei, zum Teil aus Scham. Man kennt das auch von gravierenderen Delikten. Man will diese Scheiße einfach nur vergessen.

Jahre später, als der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowski als Rassist beschimpft wurde, weil er geschrieben hatte, es gebe in Berlin ein Problem mit gewalttätigen Jugendlichen speziell aus muslimischen Familien, erinnerte ich mich an diesen Vorfall. Ich schrieb eine Kolumne. Man findet sie leicht im Internet. Darin stand, dass der Vorfall, falls ich Migrant wäre, statt der Täter, gewiss als Beweis für Ausländerfeindlichkeit gewertet würde. Da ich aber urdeutsch aussehe, beweist der Vorfall gar nichts. Ich hatte einfach Pech.

Denken Sie sich an dieser Stelle bitte 20 Zeilen politische Korrektheit, ich bin zu faul, das aufzuschreiben. Es gibt soziale Ursachen, man darf nicht verallgemeinern, auch Deutsche tun so was et cetera. Das stimmt alles. Aber meine These war, dass es tatsächlich ein Problem sein kann, über solche Dinge einfach die Wahrheit zu sagen.

Daraufhin wurde ich massenhaft als Rassist beschimpft. Ist das nicht verrückt? Ich finde es verrückt. Die Kommentare klangen so: Unglaublich, dass so etwas gedruckt wurde! Sehen Sie, genau das ist Rassismus! Ein Autor auf dem Weg in den Populismus! Eine Gruppe deutschtürkischer Journalisten lud mich sehr nett ein, mich mit ihnen zu treffen, sie würden mich gerne von meinen ausländerfeindlichen Vorurteilen befreien. Was denn für Vorurteile? Dadurch, dass ich verprügelt wurde und, ganz sachlich, einfach nur davon erzählte, habe ich mich in den Augen dieser Leute schuldig gemacht. Ich bin durchs Verprügeltwerden ein Täter geworden. Das muss man erst mal schaffen.

Jetzt gibt es den Bestseller von Akif Pirinçci, Deutschland von Sinnen. Darin wird das "Gutmenschentum" angeprangert. Ich mag das Wort und auch das Buch nicht, es ist mir zu zotig. Das humanistische Gymnasium kriege ich nicht aus mir raus, nun, es wird ja auch abgeschafft, zu elitär. Manches in dem Buch trifft natürlich zu. Und wieso Pirinçci mit Hitler verglichen wird, während Bushido für genau den gleichen Sound etliche Kulturpreise bekommen hat, kann man ohne Inanspruchnahme des Wortes "Gutmenschentum" wohl wirklich nicht begreifen. Dann schrieb mir ein Leser, ich komme in dem Buch auch vor, Seite 228.

Akif Pirinçci zitiert die alte Kolumne und prangert mich, gleich nach der Autorin Sibylle Berg, als schlimmes Beispiel für Gutmenschentum an. Begründung: Ich habe den Vorfall nicht an die große Glocke gehängt und bin nicht zur Polizei gegangen. Typen wie mir, liberalen deutschen Intellektuellen, solle man besser gleich mit Schmackes eine Eisenstange auf den Kopf hauen, damit sie kapieren, wie schlimm die Zustände sind.

Ich habe mich gefreut, weil mir Gutmenschentum relativ selten vorgeworfen wird. Es ist anregend, mal eine originelle Kritik zu lesen. Andererseits ist diese Geschichte ein Beweis für die alte Volksweisheit, dass man es den Menschen nicht recht machen kann. Schweigen, reden, es ist immer verkehrt. Ich glaube, man sollte einfach immer nur der Stimme des Herzens folgen. Das haben die Jugendlichen ja auch getan.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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"Es gibt soziale Ursachen,

"Es gibt soziale Ursachen, man darf nicht verallgemeinern, auch Deutsche tun so was et cetera. Das stimmt alles. Aber meine These war, dass es tatsächlich ein Problem sein kann, über solche Dinge einfach die Wahrheit zu sagen."

Da schauen Sie sich doch mal Ihre eigene Zeitung an, Zeit online. Zum Beispiel: den "Störungsmelder". Nur als e i n Beispiel. Hier wird klar vorgegeben, was gesagt werden darf - und was nicht.

Früher nannte man so was "Zensur".

Als echter Schlechtmensch kann ich dazu nur sagen, dass ich diesen Jugendlichen den ........ versengt hätte. Zum einen um auch geistig etwas zu kurz gekommenen verständlich zu machen, dass es Dinge gibt, die man besser bleiben lässt - auf andere einprügeln und -treten z.B.

Zum anderen weil ich mich - da sind wir nun alle auf einer Wellenlänge - dabei einfach besser gefühlt hätte- der Stimme des Herzens gefolgt wäre sozusagen. Das kann ich guten Gewissens sagen, denn ich bin wie gesagt nun einmal ein Schlechtmensch und will gar nicht anders sein.

Und ja, die meisten Deutschen sind so hoffnungslos verklemmt und verkorkst, dass sie wirklich nicht mehr wissen was richtig oder falsch ist.
Leute verprügeln ist ziemlich falsch, nur für den Fall dass es jemand wissen möchte. Aber sich gut und schlecht solange sophistisch zurechtzuquirlen bis ein grauer Einheitsbrei entsteht, mit dem man alles und jedes rechtfertigen kann ist eine alte deutsche Angewohnheit. Hat ein, zwei Generationen vorher auch schon funktioniert....