Das war meine Rettung "Bei ihm gab's keine Mutlosigkeit"

Malu Dreyer war ihrem Vater sehr nah. Als er starb, musste sie lernen loszulassen – auch, um frei zu werden für Neues. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 21/2014

ZEITmagazin: Frau Dreyer, es heißt, erfolgreiche Frauen waren als Kind oft ihrem Vater besonders nah. Sie auch?

Malu Dreyer: Schwer zu sagen. Mein Vater war eher ein sachlicher Mensch, sehr geradlinig, gebildet und gesellschaftlich anerkannt. Meine Mutter hat für mich immer eine große emotionale Rolle gespielt, sie war eine typische Ehefrau mit drei Kindern, aber auch berufstätig, eine vergleichsweise emanzipierte Frau. Beruflich hat mich mein Vater geprägt. Bei ihm gab’s keine Mutlosigkeit, er hat immer die Parole ausgegeben: Nie aufgeben! Diesen starken Willen habe ich auch. Die letzten Monate meines Jurastudiums zum Beispiel habe ich mich von morgens bis abends hingesetzt und gelernt, dabei war ich zuvor keine fleißige Studentin. Ich kann mich also gehenlassen, aber auch total diszipliniert sein, wenn’s drauf ankommt.

ZEITmagazin: Hat Ihnen der starke Wille geholfen, mit Ihrer Krankheit Multiple Sklerose umzugehen?

Dreyer: Als ich vor fast 20 Jahren die Diagnose bekam, war ich geschockt und habe mich gefragt: Wie geht’s weiter – und warum ich? Natürlich war ich erst mal richtig sauer und dann sehr traurig. Diese Gefühle musste ich durchleben, um an den Punkt zu kommen, an dem man aufhört zu kämpfen und den Blick wieder nach vorne richtet. Ich habe den Schalter umgelegt. Bevor ich morgens zur Staatskanzlei fahre, mache ich jetzt drei Mal die Woche eine Stunde Physiotherapie. Das frühe Aufstehen ist furchtbar, aber ich lege mir abends schon die Kleider hin, springe aus dem Bett, dusche, ziehe mich an und gehe. Ich brauche dafür zwischen einer halben und einer Dreiviertelstunde, jede Minute zählt.

ZEITmagazin: Erst mit 34 sind Sie in die SPD eingetreten. Geheiratet haben Sie mit 42. Sind Sie eine Spätentwicklerin?

Dreyer: Nein, ich bin extrem wählerisch. Bevor ich meinen jetzigen Mann kennengelernt habe, konnte ich mir gar nicht vorstellen, überhaupt mal zu heiraten. Heiraten an sich war mir nicht ganz geheuer, und ich habe auch keinen Mann getroffen, mit dem es gepasst hätte. Bei Klaus Jensen war das ganz anders. Mein Glück ist, dass er das genauso sieht. Wir sind schon bald zehn Jahre verheiratet, und er ist eine meiner Kraftquellen. Wenn ich unter der Woche in Mainz bin und morgens mit ihm telefoniert habe, gehe ich fröhlich zur Arbeit. Für mich ist das Heimat.

ZEITmagazin: Woher kommt Ihre unerschütterliche Zuversicht?

Dreyer: Ich habe mich als Kind schon geborgen gefühlt, aber schnell einen Freiheitsdrang entwickelt. Ich wollte immer die Welt kennenlernen und bin mit 16 Jahren als Austauschschülerin ein Jahr nach Kalifornien gegangen. Den Abschied am Flughafen werde ich nie vergessen. Das war damals ein bisschen wie Auswandern. Meine Oma und meine Mutter standen da und schluchzten, und der Einzige, der sich zusammennahm, war mein Vater. Die Gangway war schon offen, ich habe mich noch einmal dem Abschiedsschmerz hingegeben. Dann konnte ich mich umdrehen und das Abenteuer genießen. In Amerika hatte ich ein Jahr lang kein Heimweh, ich wusste ja, dass ich zu Hause weiterhin geliebt werde.

ZEITmagazin: Sie haben beruflich und privat viele Abschiede erlebt. Besonders getroffen hat Sie der Tod Ihres Vaters im Jahr 2001.

Dreyer: Mein Vater war ein kerngesunder Mann, auch mit knapp über 70 Jahren sehr dynamisch. Ich hätte mir alles vorgestellt, aber nicht, dass er plötzlich stirbt. Gegen seinen Rat habe ich eine politische Laufbahn eingeschlagen. Eigentlich wollte ich Arbeitsrichterin werden, das Auswahlverfahren hatte ich schon gewonnen und mich dann doch entschieden, hauptamtliche Bürgermeisterin zu werden. Das war keine leichte Entscheidung. Mein Vater, der in der CDU war, hat mich trotzdem unterstützt und gesagt, ich sei eine gute Politikerin, nur in der falschen Partei. Er war immer sehr stolz auf mich, da bin ich sicher Vaterkind. Er war nach seinem Tod in Neustadt aufgebahrt, und ich bin jeden Tag zu ihm gefahren. Mir war wichtig, bei ihm zu sein, mit meinem toten Vater zu reden. Ich brauchte das, um loszulassen.

ZEITmagazin: Wie schwer war das für Sie?

Dreyer: Noch bei der Beerdigung war ich geschockt. Erst da ist mir klar geworden: Er ist nicht mehr da. Die Trauer überkommt einen, da kann man sich nicht wehren, aber ich habe gelernt, mich mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Diese emotionale Klarheit war nötig. Es ist gut, sich zu verabschieden, dann ist das Herz frei für Neues. Dieses Loslassenkönnen hat mich gerettet. Deshalb möchte ich, wenn ich irgendwann mal gehen muss, auch die Chance haben, mich vorher von denen zu verabschieden, die mir wichtig sind. So könnte ich gut gehen, und die anderen könnten mich besser loslassen.

Das Gespräch führte die Fotografin Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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