Das war meine Rettung: "Sie war überzeugt, ich sei zu ihrem Unglück geboren"

Die Schriftstellerin Janne Teller war ihrer psychisch kranken Mutter schutzlos ausgeliefert – und fand Zuflucht bei Pferden. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 22/2014

ZEITmagazin: Frau Teller, Sie waren lange für die UN in Afrika. Über dieses Abenteuer haben Sie geschrieben – über Ihr eigenes Leben allerdings nie. Warum?

Janne Teller: Vielleicht werde ich das eines Tages tun. Aber ich werde nie über meine Kindheit schreiben. Für mich war sie ein dunkler, unerfreulicher Ort, an den ich nicht zurückkehren möchte.

ZEITmagazin: Mögen Sie hier von Ihrer Kindheit erzählen?

Teller: Ich habe nie darüber geredet: Meine Mutter ist paranoid-schizophren. Ich bin die Mittlere von drei Geschwistern. Meine Mutter projizierte ihre ganze Paranoia auf mich. Sie war überzeugt, ich sei zu ihrem Unglück geboren. Ich konnte es als Kind überall spüren. Meine Mutter sagte mir immer, dass mich niemand wolle und dass ich auch nicht zur Familie gehörte.

ZEITmagazin: Sind Sie allein mit Ihrer Mutter aufgewachsen?

Teller: Nein, mein Vater war auch da. Aber er hat sich nicht vor mich gestellt. Vielleicht, weil er sein Unternehmen führen musste, während meine Mutter zu Hause war. Aber auch weil er meine Mutter wirklich liebte. Verrückte Menschen können sehr faszinierend sein.

ZEITmagazin: Wie hat sich die Paranoia ausgedrückt?

Teller: Wann immer etwas schiefging, galt ich als die Schuldige. Und meine Mutter versuchte, Dinge zu verhindern, von denen sie wusste, sie würden mich glücklich machen. Ich liebte Pferde, aber ich hörte auf, ihr davon zu erzählen, denn ich wusste, sie würde diese Liebe zerstören. So ging es mit allem, was mir wichtig war. Und ich redete auch nicht über Dinge, die mich traurig machten, denn das hätte sie ausgenutzt. Ich musste von klein auf alles für mich behalten, was mir etwas bedeutete.

ZEITmagazin: War Ihnen als Kind schon klar, was da ablief?

Teller: Das begriff ich an meinem sechsten Geburtstag. Ich erinnere mich noch genau, wie ich am Fenster stand und nach draußen schaute. Es schneite. Und meine Mutter attackierte mich wegen irgendetwas. Das war normal. Mein Vater kam heim – und half mir nicht. Das war auch normal. Aber weil es mein Geburtstag war und weil ich genau wusste, dass man normalerweise an Geburtstagen nett zu den Leuten ist, wurde mir in diesem Moment klar: Hier läuft etwas total falsch. Es ist nicht richtig, wie ich behandelt werde. Von diesem Moment an versuchte ich immer zu klären: Was ist real, was ist nicht real? Zum Beispiel hielt mich meine Mutter, da war ich etwas älter, für einen KGB-Spion. Sie ging zum dänischen Geheimdienst, damit die mich gefangen nehmen.

ZEITmagazin: Das ist ja paranoid in einem streng medizinischen Sinne. Wie konnte Ihr Vater das ignorieren?

Teller: Ich weiß es nicht. Als ich erwachsen war, habe ich zu meinem Vater gesagt: Warum hast du mich nicht aus dieser Hölle rausgenommen? Er konnte mir keine Antwort geben. Er hatte seine Augen verschlossen. Man darf nicht vergessen: Sie hatte auch Kraft. Jeden, der ihr widersprach, betrachtete sie als ihren Feind. Also hatten die Menschen Angst, ihr zu widersprechen. Wie mir mein Vater später erzählte, ist er dann selbst zum Geheimdienst gegangen und hat gesagt: Was meine Frau behauptet, ist Unsinn.

ZEITmagazin: Hatten Sie als Kind Schuldgefühle, im Sinne von: Ich mache etwas falsch, deshalb reagiert meine Mutter so?

Teller: Ja, ich dachte, ich müsste nur den richtigen Weg finden, dann würde sie schon verstehen, dass sie im Unrecht war. Zugleich wusste ich, dass mein Überleben davon abhing, mich nur auf mich selbst zu verlassen.

ZEITmagazin: War da niemand, der Ihnen geholfen hat?

Teller: Mir half meine Schwester, die drei Jahre älter ist als ich. Von ihr wusste ich, dass sie mich liebt. Auch wenn sie nicht alt genug war, um mich zu beschützen. Sie ist der Grund, warum ich ein menschliches Wesen bin. Dann: Geschichten schreiben. Das war das Universum, in dem ich selbst die Kontrolle hatte. Schon mit sechs fing ich an, schreibend Welten zu erfinden. Aber am wichtigsten waren Tiere. Ich baute eine enge Beziehung zu ihnen auf, besonders zu Pferden und Katzen. Tiere machen keine Spielchen, sie täuschen dich nicht, sie manipulieren dich nicht. Sie sind, was sie sind. Ich fand so viel Gutes, Starkes und Aufrichtiges in Pferden, dass ich mich bis heute besonders mit ihnen verbunden fühle. Ich kann mit Tieren besser kommunizieren als mit den meisten Menschen. Daraus schöpfen auch meine Bücher: Ich stelle die Fragen, die Tiere der Menschheit stellen würden.

ZEITmagazin: Wie geht es Ihnen heute mit Ihrer Mutter?

Teller: Ich habe keinen Hass, ich betrachte meine Mutter auch nicht als böse Person. Sie ist 78 und lebt in einer Einrichtung für betreutes Wohnen. Viel von dem, was passierte, ist die Folge davon, dass sie im vom Krieg zerrissenen Österreich aufwuchs. Vielleicht verachte ich deshalb den Krieg so leidenschaftlich. Er bewirkt Zerstörungen über Generationen.

Ijoma Mangold gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Lara Fritzsche zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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