Harald Martenstein Über die schönen Beine einer älteren Dame

© Fengel
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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 23/2014

Ich spiele heute mal den Fritz Raddatz und bin indiskret. Als ich Feuilletonchef der Münchner Abendzeitung werden sollte, musste als wichtigste Instanz die Verlegerin Anneliese Friedmann meiner Einstellung zustimmen. Auf dem Weg zu ihrem Büro raunte mir der Chefredakteur zu: "Machen Sie ihr ein Kompliment wegen ihrer tollen Beine. Dann haben Sie gewonnen."

Ich war Anfang vierzig, sie war um die siebzig. Ich hatte sie noch nie getroffen. Es war das verhaltenstechnisch schwierigste Einstellungsgespräch meines Lebens. Wie um alles in der Welt sollte ich dem Dialog mit einer würdigen alten Dame, Thema: die Krise des Feuilletons, eine Wende hin zu ihren fabelhaften Beinen geben? Ohne dass es peinlich ist? Ich wusste gar nicht, wo ich hinschauen sollte. Einerseits wollte ich ihr nicht dauernd aufdringlich auf die Beine starren, so was ist ja wohl das Letzte. Andererseits hatte der Chefredakteur mich wirklich neugierig gemacht auf diese sagenumwobenen Beine. Ich musste mich total konzentrieren, um auf die Frage, welche Sparte des Münchner Kulturwesens mir besonders reizvoll vorkomme, nicht zu antworten: "Ihre Beine." Am Ende wurde ich genommen, obwohl ich das mit den Beinen nicht geschafft habe. Die Beine von Anneliese Friedmann sind wirklich toll, das will ich jetzt endlich mal sagen.

Auf FAZ Online schreibt Heike Melba Fendel ein Blog. Dort klagt sie darüber, dass Frauen über fünfzig von den Männern nicht mehr wahrgenommen würden, also erotisch. Zitat: "Sie" – die älteren Frauen – "hungern nach der Aufmerksamkeit selbst solcher Männer, deren Pfiffe sie vormals peinlich berührten." Ähnlich äußert sich Bascha Mika in Mutprobe, ihrem Buch über das Altern der Frau. Die ältere Frau werde vom Mann "nicht mehr wahrgenommen". Heike Melba Fendel schreibt auch, dass die alternde Frau sich entscheiden muss, ob sie eine "Kuh" oder eine "Ziege" werden möchte, sie nennt dieses Dilemma: "Arsch oder Gesicht". Wer am Körper schlank bleibt, wird im Gesicht offenbar faltig, also Ziege. Ein paar Kilo mehr tun dem Gesicht gut, zeitigen aber unerfreuliche Nebenwirkungen in der Gesäßregion.

Ich erlaube mir den Hinweis, dass auch wir Männer in der Regel nicht schöner werden, während die Jahre verstreichen. Mein Tipp: Ältere Damen sollten den jungen Mann ihrer Träume einfach auf einen Karibiktrip einladen und ihm ein Cabrio schenken – dann nimmt er sie garantiert wahr. So machen wir Männer das, es funktioniert. Wichtiger scheint mir der Hinweis, dass die Spielregeln zwischen den Geschlechtern sich ab einem gewissen Alter ins Gegenteil zu verkehren scheinen. Ab einem gewissen Alter der Frau kann man, als höflicher Mann, gar nicht genau genug hinschauen. Sie möchte das Gefühl haben, sichtbar zu sein. Offenbar ist es, wenn man an einer Hotelbar steht und von einer etwa siebzigjährigen Stern-Journalistin angesprochen wird, nicht verkehrt, sondern sogar wünschenswert, wenn man sagt: "Sie können ein Dirndl aber auch ausfüllen." Eines steht für mich fest: Ich werde es nicht schaffen, einer älteren Dame, die ihren Pudel ausführt, nachzupfeifen, auch wenn ich sie noch so sexy finde.

Aber was, wenn man sich vertut? Wenn du einer Frau in mittleren Jahren begegnest, weißt du ja nicht genau, ob sie schon in der Phase ist, in der sie sich freut, wenn du ihr Äußeres genau in Augenschein nimmst und ihr so ihre Sichtbarkeit deutlich klarmachst, oder noch in der Phase, in der sie beleidigt ist. Das richtige Timing ist immer sehr, sehr kompliziert für uns Männer.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Zitat"Ich werde es nicht

Zitat"Ich werde es nicht schaffen, einer älteren Dame, die ihren Pudel ausführt, nachzupfeifen, auch wenn ich sie noch so sexy finde. "
Ich glaube Herrn Martenstein nicht, dass er gleichzeitig eine Frau als "Dame" sieht, gar noch als "ältere", und sie gleichzeitig als sexy empfindet. Also, so echt und im wahrsten Sinne des Wortes.

Tjaja, der Sex-Markt ist nun mal leider nicht in der Weise gerecht, in der wir Gerechtigkeit in anderen Dingen definieren. Die Auswirkungen auf Frauen 50+ sind viel beschrieben, auf andere Gruppen weniger. (Manni, KFZ, arbeitslos und sowas).

Nicht so schnell zu ändern. Es wäre aber schon mal schön, wenn der Typus "Dame" -mit aller Sichtbarkeit- wiederentdeckt würde. Und der des, was wäre das männliche Pendant, vielleich -hm- Gentleman. Diese Begriffe tauchen im Zusammenhang "Ältere-Sichtbarket" leider selten auf.