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Das war meine Rettung "Ich hatte Angst, dass die Ärzte mir verbieten zu spielen"

Vor seinem Bundesliga-Debüt verletzte sich Lukas Podolski mit einem Messer – und hatte Glück, dass er spielen konnte. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 23/2014

ZEITmagazin: Herr Podolski, in Ihrem vor Kurzem erschienenen Buch "Dran bleiben!" schreiben Sie: "Es ist anders, wenn du von vornherein ein Deutscher mit deutschen Eltern bist." Was meinen Sie damit?

Lukas Podolski: Als ich mit meinen Eltern aus Polen kam, änderte sich alles: Die Sprache, die finanzielle Situation, wir hatten keine Freunde. Meine Eltern standen vor dem Nichts.

ZEITmagazin: Fühlten Sie sich jemals als Underdog?

Podolski: Nein, meine Kindheit war eine schöne Zeit. Aber ich musste damals um alles kämpfen, um eine Flasche Wasser, um einen Fußball, um Fußballschuhe. Wenn ich heute Kinder auf dem Bolzplatz sehe, haben die häufig schöne Fußbälle, schöne Fußballschuhe und schöne Fußballplätze. Das hatte ich alles nicht. Aber ich bin einer, der gerne auf ein Ziel hinarbeitet.

ZEITmagazin: Wie haben Sie die Liebe zum Fußball entdeckt?

Podolski: Mein Vater hat in Polen in der ersten Liga und in Deutschland im Amateurbereich gespielt. Ich habe ihn immer begleitet, habe während der Spiele auf der Wiese gekickt, nach dem Spiel mit meinem Vater und danach mit meinen Freunden. Ich hatte den Ball immer bei mir.

ZEITmagazin: Sie haben, sobald Sie es sich leisten konnten, Ihren Eltern ein Auto geschenkt.

Podolski: Meine Eltern haben alles getan, damit ich mein Ziel erreichen konnte. Mein Vater hat mich zum Training gefahren, meine Mutter hat gekocht, beide arbeiteten, und dennoch waren sie jedes Wochenende beim Spiel. Ich hatte ein sehr diszipliniertes Leben: Vater kam von der Arbeit, und dann sind wir zum Training. Ein, zwei Stunden, duschen, dann direkt schlafen. Viele der Jungs auf dem Bolzplatz hatten auch Talent, aber sie hatten als Jugendliche natürlich auch noch andere Dinge im Kopf. Ich habe auf all das verzichtet, weil ich Profi werden wollte.

ZEITmagazin: Wann wussten Sie, dass Sie es schaffen würden?

Podolski: Sicher wusste ich es erst mit 17, als Marcel Koller Trainer beim 1. FC Köln wurde. Wenn er nicht gekommen wäre, wäre ich vielleicht heute woanders gelandet. Es hat ihm gefallen, was ich konnte, und ich habe die Chance, die er mir gab, genutzt. Das Schwierige ist aber, überhaupt diese Chance zu bekommen.

ZEITmagazin: Sie hätten sie beinahe nicht nutzen können: Vor Ihrem ersten Profispiel verletzten Sie sich mit einem Messer.

Podolski: Meine Eltern waren nicht zu Hause, und ich hatte Hunger, da habe ich mir ein Stück Fleisch aus dem Gefrierfach geholt. Die Fleischstücke waren aneinandergefroren. Beim Versuch, die Teile auseinanderzuschneiden, ist mir das Messer ausgerutscht und voll in meine Hand rein. Ich wollte erst gar nicht ins Krankenhaus, weil ich Angst hatte, dass die Ärzte mir verbieten zu spielen. Ich hatte großes Glück, es waren keine Sehnen oder Nerven getroffen. Wer weiß, wie meine Karriere sonst gestartet wäre! Vielleicht hätte ich keine zweite Chance bekommen ... Die Hand war ein paar Wochen lang taub, ich konnte sie nicht bewegen. Ich habe mit Verband gespielt und keinem, außer meinen Eltern, was davon gesagt.

ZEITmagazin: Fällt es Ihnen leicht, sich aus schwierigen Situationen herauszukämpfen?

Podolski: Das muss man als Profi können. Es gibt immer Tiefpunkte, aber wenn man ein Spiel verliert, wartet zwei, drei Tage später das nächste Highlight auf einen. Es gibt für mich im Leben keinen Moment, wo ich sage, das hat mich komplett umgeworfen. Ich habe immer versucht, die Situation so zu nehmen, wie sie ist, und einen Ausweg zu finden. Als ich 2006 zu Bayern München wechselte, habe ich dort nicht so gespielt, wie ich mir das erhofft hatte. Also habe ich eine Lösung gesucht und bin nach drei Jahren zurück zum 1. FC Köln. Das hätte man als Rückschritt sehen können, aber für mich war es zu dem Zeitpunkt genau das Richtige.

ZEITmagazin: Warum hat es bei den Bayern nicht geklappt?

Podolski: Ich war mit 21 Jahren nicht selbstbewusst genug, um gegen die ganzen Stars anzukämpfen, die damals noch bei Bayern waren. Wenn man Bayern heute sieht, ist das eine ganz andere Mannschaft – meine Generation. Auch war der Verein damals in einer ganz anderen Verfassung.

ZEITmagazin: Neben dem Fußball engagieren Sie sich mit Ihrer Lukas Podolski Stiftung für das Kinderhilfswerk "Die Arche". Warum?

Podolski: Von den Kindern, denen die Arche hilft, haben viele wie ich einen Migrationshintergrund. Sie brauchen Liebe und Unterstützung, weil ihre Eltern sich getrennt haben oder der Vater gestorben ist oder es einfach niemanden interessiert, wo sie sich rumtreiben. Sie fragen mich, wie ich es geschafft habe, mein Leben auf die Reihe zu kriegen, oder ob ich ihnen helfen kann. Für sie habe ich mein Buch geschrieben. Die Weltmeisterschaft in Brasilien wird meine dritte, aber wenn ich könnte, würde ich jeden Tag mit Kindern oder Freunden auf dem Bolzplatz kicken.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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