Gesellschaftskritik: Der Parasit am Star

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 23/2014

Dass eine gesellschaftliche Neigung besteht, diesen oder jenen neuen Unfug zu betreiben, begründet für sich keinen Trend. Ein Trend muss auch die entsprechend spektakulären Bilder produzieren, die ihn beglaubigen, und das kann man von der aktuellen Masche des Photobombings (genau so, in einem Wort geschrieben) wahrlich behaupten. Photobombing ist, wenn sich jemand ungebeten in ein Bild drängelt, auf dem er nichts zu suchen hat – als Bombe sozusagen, die geeignet ist, zum Beispiel eine Hochzeitsszenerie zu zerstören, indem sich hinter dem Brautpaar ein albern feixender Zaungast erhebt.

Noch wirkungsvoller, nämlich über den privaten Raum hinaus, wird der Terror, wenn er Stars betrifft, die vielleicht gerade über den roten Teppich eines Festivals schreiten. Am 17. Mai 2014 ereilte es in Cannes die amerikanische Schauspielerin America Ferrera, unter deren lange weiße Robe plötzlich ein kleiner Mann kroch, der durchaus korrekt mit einem dunklen Anzug bekleidet war, aber erst durch Sicherheitskräfte von dem Ort entfernt werden konnte, an dem er nichts zu suchen hatte.

Wer das Prinzip des Photobombings nicht verstanden hat, wird vielleicht meinen, der Mann sei ein unappetitlicher Voyeur. Dem Photobomber geht es aber nicht darum, etwas zu sehen, was ihn nichts angeht, sondern darum, selbst gesehen zu werden. Der Photobomber sucht nicht nach heiklen Details; er selbst ist das heikle, nach Möglichkeit aufsehenerregende Detail. Er will berühmt werden, indem er am Ruhm der anderen schmarotzt, er ist ein Parasit, der sich am Star wie an einem Wirtstier festsaugt.

Niemand hat das augenfälliger gemacht als der 26-jährige Witali Serdjuk, der sich in Cannes nicht das erste Mal an die Beine der Prominenz heftete. Im Februar fiel er vor Leonardo DiCaprio auf die Knie und vergrub sein Gesicht geradezu in dessen Schoß; im Januar versuchte er bei Bradley Cooper in derselben Stellung sein Glück; das Raubein Will Smith versuchte er gar auf den Mund zu küssen, was dieser allerdings mit einer Ohrfeige beantwortete.

Noch einmal: Nichts wäre irriger, als hier auf erotische Neigungen zu schließen. Witali Serdjuk ist Fernsehjournalist, ein durchaus hartgesottener Profi, der vor allem weiß, wie man mediengängige Bilder produziert. Übrigens ist seine Heimat der ukrainische Sender Studio 1+1, woraus wir schließen können, dass die Ukraine auf ihrem Weg nach Westen schon ziemlich weit, nämlich bis in die Niederungen der albernsten Internethypes gekommen ist.

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"ein Parasit, der sich am Star wie an einem Wirtstier festsaugt": ob Betreffender parasitieren will, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass sogenannte Stars und die ganze 'Unterhaltungsmaschinerie' sich erfolgreich an der Geldbörse von Konsumenten festsaugen. Leider fehlt es bei vielen Konsumenten auch zu der einfachen Einsicht, dass etwa Schauspieler auch nur ein stinknormaler Beruf ist.