Syrische Flüchtlinge Träumen von Deutschland

Der Krieg in Syrien ist einer der Gründe für das Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer. Wie stehen die Chancen auf Asyl? Von
ZEITmagazin Nr. 23/2014

Kaum eine Woche vergeht, in der im Mittelmeer nicht Menschen sterben, weil vor Lampedusa und Sizilien Flüchtlingsboote sinken. Die meisten von ihnen sind in Libyen aufgebrochen. Andere versuchen es von Ägypten aus, auf der zweitwichtigsten Fluchtroute, oder von Tunesien aus. Mit den 43.000 Flüchtlingen, die laut den italienischen Behörden 2013 Italien erreichten, hat sich die Zahl jener, die es übers Meer ins sichere und wohlhabende Europa schaffen, innerhalb eines Jahres verdreifacht – und sie ist in diesem Frühjahr nach Angaben der europäischen Flüchtlingsagentur Frontex weiter stark gestiegen. Eine gewaltige Herausforderung, für die die europäischen Länder nach Lösungen suchen.

Die meisten Flüchtlinge sind keine Armutsflüchtlinge. Sie kommen aus Kriegs- und Krisenländern wie Somalia, Eritrea, vor allem aber: aus Syrien.

Der syrische Bürgerkrieg, der 2011 begann, hat die schlimmste Flüchtlingswelle seit Jahrzehnten ausgelöst. Neun Millionen Menschen haben ihre Heimat verloren, fast jeder zweite Syrer ist auf der Flucht. Sechs Millionen Syrer sind Vertriebene im eigenen Land. Sie sind durch die Kriegsführung des Regimes mit Flächenbombardements und Hungerblockaden aus ihren angestammten Gebieten vertrieben worden und leben oft in großem Elend. Drei Millionen Syrer sind aus dem Land geflohen, die meisten in die Nachbarländer Türkei, Libanon, Irak und Jordanien und manche auch in die nähere Umgebung, wie etwa nach Ägypten. Die Türkei hat 740.000 Syrer aufgenommen, Jordanien 600.000, der Libanon eine Million. Es wird selten gewürdigt, welche Leistung das ist: Der Libanon hatte vor dem Syrienkrieg nur etwas mehr als vier Millionen Einwohner.

Deutschland hat sich voriges Jahr bereit erklärt, 10.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Die Bewerber müssen allerdings bereits beim UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, im Libanon registriert sein. Danach durchlaufen sie das gewöhnliche, langwierige Asylverfahren, bei dem neben den Gründen der Verfolgung auch auf die Integrationschancen der Bewerber geachtet wird. Nach mehr als einem Jahr sind nicht einmal 5.000 Syrer auf diese Weise nach Deutschland gekommen.

Weil es kaum geregelte Wege gibt, ins ersehnte europäische Ausland zu gelangen, bleiben die Flüchtlinge auf den gefährlichen Weg über das Meer angewiesen. Die bürokratische Mauer um die Festung Europa ist die Geschäftsgrundlage für die Schlepperbanden, die in ihren Booten Menschen übers Mittelmeer bringen. Wer die Überfahrt überlebt, bemüht sich, in die Zufluchtsländer wie Schweden und Deutschland zu gelangen. Stellt ein Flüchtling in einem Ankunftsland wie Italien einen Asylantrag, weil er dort aufgegriffen wurde, ist es durch die sogenannte Dublin-Regelung ausgeschlossen, dass er in Deutschland anerkannt und aufgenommen wird: Er kommt ja nun aus einem "sicheren Drittstaat".

Für die europäische Flüchtlingsabwehr ist im Auftrag der EU die Agentur Frontex zuständig, die an den Landgrenzen und auf dem Mittelmeer die Migrationsbewegungen kontrolliert. Sie rettet Flüchtlinge aus Seenot und erfasst sie, allzu oft fischt sie die Leichen der Gescheiterten aus dem Wasser. In seinem neuen Lagebericht stellt Frontex fest, dass ein Viertel aller "illegalen Grenzüberschreitungen" nach Europa, also auch auf dem Landweg, von Syrern begangen werden.

Obwohl es für sie sehr schwer ist, Deutschland zu erreichen, stellen Syrer neuerdings die größte Gruppe bei den Asylantragstellern. In diesem Jahr waren es bis zum April bereits 7.400 – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als das Doppelte.

Von den 110.000 Asylanträgen, die 2013 in Deutschland registriert wurden, stammten 12.000 von Syrern. Dieses Jahr wird die Zahl der Anträge wohl auf mehr als 140.000 steigen, vor allem wegen des Elends in Syrien und seinen mit betroffenen Nachbarländern.

Immerhin haben die wenigen Syrer, die es nach Deutschland schaffen, gute Chancen, ein Aufenthaltsrecht zu erhalten. Wegen des Krieges wird derzeit niemand nach Syrien abgeschoben. Laut der Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge haben Syrer eine "Gesamtschutzquote" von 89 Prozent. Neun von zehn, die es geschafft haben, dürfen also in Deutschland bleiben, das ist der höchste Wert unter allen Flüchtlingsgruppen.

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