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Edward Snowden Der Fall ihres Lebens

Was wird aus dem Enthüller Edward Snowden? In den USA arbeiten zwei Anwälte daran, ihm eine Rückkehr nach Hause zu ermöglichen. Von
ZEITmagazin Nr. 24/2014

Der Mann, auf den Edward Snowden in seinem Moskauer Exil größte Hoffnungen setzt, winkt einem zur Begrüßung zu, während man noch einen endlosen Marsch durch sein Büro zurücklegen muss. Es liegt direkt am Dupont Circle, mitten in Washington. Dass Plato Cacheris Besuchern gegenüber so freundlich und unkompliziert ist, sollte niemanden täuschen: Er ist ein Staranwalt, ein gefürchteter Veteran der amerikanischen Justiz, dessen erster großer Fall die Watergate-Affäre war – die Mutter aller Bespitzelungsskandale, die zum ersten und bisher einzigen Rücktritt eines US-Präsidenten führte. Cacheris hat die bekanntesten amerikanischen Doppelagenten der neueren Geschichte verteidigt: Robert Hanssen und Aldrich Ames, die bei der CIA beziehungsweise beim FBI für die Sowjetunion spioniert hatten. Er hat dem einen eine lebenslange Haft erspart und dem anderen das Leben gerettet. Hinter Cacheris an der Wand hängen Kreidezeichnungen, die ihn im Ames-Prozess bei der Verhandlung zeigen. Eine "Straßenkatze" hat er sich einmal selbst genannt; zäh, hungrig, ausdauernd, geschmeidig. Er hat wenig Hemmungen, wenn es darum geht, einen Mandanten rauszupauken. Wenn jemand Snowden helfen kann, in seine Heimat zurückzukehren, dann Plato Cacheris. Seit knapp einem Jahr beliefert Snowden, der Ex-CIA- und Ex-NSA-Mann, mithilfe von Journalisten die Welt mit Enthüllungen über weltweite Ausspähaktionen der National Security Agency.

Plato Cacheris, Jahrgang 1929, beschäftigt sich seit einem Jahr in aller Stille mit dem Fall. © Pari Dukovic

Das Gespräch findet unter der Bedingung statt, dass der Fall Edward Snowden nicht offiziell Thema ist. Cacheris hat seinen Partner John F. Hundley an seine Seite geholt, der ein wenig aussieht wie Alec Baldwin und mit einem Baldwin-Grinsen kommentiert, dass in Deutschland derzeit so getan wird, als wolle Edward Snowden nichts so sehr wie Asyl in Berlin. Die Wahrheit ist: Edward Snowden will nach Hause, das hat er jetzt selbst dem Sender NBC in Moskau gesagt – aber nicht als Schwerverbrecher, sondern erhobenen Hauptes. Als Whistleblower, der eine weltweite Debatte in Gang gesetzt hat. Er will behandelt werden wie diejenigen, die den Watergate-Skandal aufdeckten; wie Daniel Ellsberg, der die geheimen Pentagon-Papiere über den Vietnamkrieg veröffentlichte; wie alle, die einen Übergriff der Regierung publik machten und damit ein Umdenken provozierten. Während in Berlin ein Untersuchungsausschuss die Regierung vor sich hertreibt und Hans-Christian Ströbele aus dem Asyl für Edward Snowden eine Menschenrechtsfrage macht, wird in Washington längst emsig an seiner Heimkehr gearbeitet.

Wenn man mit Plato Cacheris über Snowden reden will, muss man über Bande spielen. Warum hat er so oft Spionagefälle übernommen, was reizt ihn daran? "Sie sind faszinierend", sagt Cacheris, ohne lange nachzudenken. "Spione sind intelligenter und erfindungsreicher als die meisten ihrer Zeitgenossen. Das sind keine durchschnittlichen Kriminellen. Es sind Leute, die überzeugt sind, mit ihrer Tat durchzukommen. Ich mochte sie als Staatsanwalt, ich mochte sie als ihr Anwalt, und ich mag sie immer noch!" Edward Snowden ist kein Spion; er hat die Dokumente über die Überwachungsprogramme der NSA nicht an feindliche Mächte verkauft; Wladimir Putin, sein derzeitiger Gastgeber, hat das gerade öffentlich bedauert. Snowden hat sie Journalisten gegeben, und damit der Öffentlichkeit. Anders als bei den WikiLeaks-Publikationen und Cacheris’ großen Spionen ist durch seine Veröffentlichungen niemand persönlich zu Schaden gekommen. Aber die Verbindung zwischen dem CIA-Mann Ames und Snowden liegt auf der Hand: In Spionagefällen tut die Regierung alles, um eine Gerichtsverhandlung zu vermeiden, bei der Dinge öffentlich werden, die geheim bleiben sollen. Ein außergerichtlicher Deal, bei dem die Angeklagten dem Staatsanwalt etwas geben, um ihre Freiheit oder einen Straferlass zu bekommen – das ist Plato Cacheris’ Spezialität. So einen Deal braucht Ed Snowden jetzt.

Wir sollten nicht den Weltpolizisten spielen, wie wir es nun tun.
Plato Cacheris

Einen solchen Deal hat Plato Cacheris auch für Monica Lewinsky gezimmert, die als Praktikantin im Weißen Haus ein Verhältnis mit Bill Clinton hatte. Cacheris sorgte dafür, dass Lewinsky den Präsidenten belastete und dafür selbst nicht strafrechtlich verfolgt wurde. Sie gab dem Staatsanwalt jenes blaue Kleid mit den präsidialen Spermaflecken – und war frei. Im Regal an der Wand von Cacheris’ Büro steht eine Matroschka mit dem Konterfei Bill Clintons auf der äußersten Hülle. Cacheris nimmt sie kichernd auseinander. In der Clinton-Puppe steckt eine Monica-Lewinsky-Puppe, darin Hillary Clinton und in dieser Paula Jones, noch eine Frau, mit der Clinton eine Affäre hatte, und ganz innen die Zigarre, die in der Sex-Affäre mit Lewinsky eine ganz besondere Rolle spielte.

Lewinsky gab das blaue Kleid, aber was kann Edward Snowden dem Staatsanwalt geben, damit man ihn nicht "für 350 Jahre nach Guantánamo steckt", wie Konstantin von Notz, Obmann der Grünen im NSA-Ausschuss, einmal sagte? Im Dezember brachte Richard Ledgett, NSA-Vize und zuständig für den Umgang der Behörde mit den Snowden-Leaks, die Idee eines Deals ins Gespräch – das bis dahin einzige Anzeichen dafür, dass Plato Cacheris schon eine Weile aktiv ist. "Ich bräuchte die Gewissheit", sagte Ledgett, "dass der Rest der Daten in Sicherheit gebracht werden kann (...). Eine bloße Zusicherung von Snowden reicht mir da nicht aus." Genauso hat es Cacheris auch mit seinen früheren Mandanten gemacht: für die Regierung ein umfassendes Geständnis, das ihr hilft, ihr Gesicht zu wahren, für die NSA die Kontrolle über ihre Programme – und für den Mandanten eine Strafe, mit der er leben kann. "Staatsanwälte vertrauen mir, und ich vertraue ihnen. Ich habe immer meinen Teil der Absprache eingehalten. Das wissen sie", sagt Cacheris. Wie auch immer die Garantie, die Ledgett fordert, zu erreichen wäre, eins ist sicher: Die Vorstellung, dass Snowden in seiner jetzigen Lage vor einem deutschen Untersuchungsausschuss etwas sagt, was über das Bekannte hinausgeht, ist abwegig. Es würde seine Heimkehr gefährden.

Der Anwalt Plato Cacheris ist fasziniert von Spionagefällen. © Pari Dukovic

Lange war Edward Snowden für das Washingtoner Establishment ein Verräter, der Sympathien höchstens am linken und am rechten Rand genoss, bei den Menschenrechtsaktivisten und den Leuten von der Tea Party. Gerade erst hat ihn John Kerry wieder einen "Feigling" genannt. Plato Cacheris gehört auch zu diesem Washingtoner Establishment, mit seinem Büro mitten in der Stadt, dem Stundensatz von 800 Dollar, den guten Beziehungen zu höchsten Justizkreisen. In der Zeit der Watergate-Affäre, in den siebziger Jahren mit ihren Demonstrationen und Rassenunruhen, war es für Cacheris keine Frage, wo er stand: auf der Seite der Regierung. Es war für ihn auch keine Frage, dass er den Justizminister John Mitchell verteidigen würde, der die Abhöraktion bei den Demokraten in Nixons Namen in Auftrag gab. Aber seine politische Haltung hält Cacheris säuberlich von seiner Anwaltstätigkeit getrennt. "Wir verurteilen hier keinen Klienten", erklärt Cacheris. "Was passiert ist, ist passiert. Wir halten niemandem Vorträge über seine moralischen Verfehlungen. Sonst könnten wir die Kanzlei zumachen."

An Plato Cacheris lässt sich der Schaden besichtigen, den der "War on Terror" mit seinen Rechtsbrüchen, den außenpolitischen Anmaßungen und der weltumspannenden Überwachung angerichtet hat: Cacheris, geboren im Jahr der Großen Depression 1929, ist der Sohn eines griechischen Einwanderers. Sein Vater, Christos Cacheris, hatte nach sechs Jahren Schulbildung in Pittsburgh und später Washington eine Restaurantkette aufgebaut. Auch der Waffle Shop gehörte ihm, eine Washingtoner Institution, wo es 56 Jahre lang frische Waffeln mit Puderzucker und heißen Kirschen gab. Eine Familie, die so ihr Glück gemacht hat, ist nicht nur einfach patriotisch; sie hält auch, bis zum Beweis des Gegenteils, die Regierung für integer. "Wir waren immer von Amerika überzeugt", sagt Cacheris, "und ich bin lange Zeit Republikaner gewesen – bis George W. Bush kam. Er hat uns in zwei Kriege geführt, in denen wir nicht hätten sein sollen, Irak und Afghanistan. Wir sollten nicht den Weltpolizisten spielen, wie wir es nun tun." Es fällt ihm nicht ganz leicht, über diese Entfremdung zu reden. "Jetzt", sagt Cacheris und sieht ein wenig verloren aus, "bin ich ein Wechselwähler."

Knapp vier Zugstunden entfernt vom Dupont Circle sitzt der Mann, dessen Organisation Plato Cacheris angeheuert hat. Edward Snowdens Rechtsbeistand ist Ben Wizner, ein in Harvard ausgebildeter Anwalt bei der ehrwürdigen Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU). Sie hat ihr Hauptquartier im New Yorker Financial District, direkt am East River, gleich neben der Wall Street. Wir klappern in rasendem Tempo mehrere Cafés in der Umgebung ab, bis Wizner eins findet, in dem wir in Ruhe reden können. Er spricht schnell, gestochen scharf und sozusagen wasserdicht; nichts Justiziables kommt ihm über die Lippen.

Der Anwalt Ben Wizner sagt, dass ein Prozess gegen Snowden für die US-Regierung ein PR-Desaster wäre. © Pari Dukovic

Die Zwillingstürme standen nur wenige Blocks von hier. Fast 3.000 Menschen starben, als sie beim Terroranschlag vom 11. September 2001 zum Einsturz gebracht wurden. Es war der Beginn des War on Terror – ein Begriff, in dem für Ben Wizner schon das ganze Problem steckt, das zu den Ausspähaktionen der NSA führte: "Wir haben hysterisch auf diesen Angriff reagiert. 3.000 Menschen – so viele starben in Ruanda in einer Stunde. Oder in zehn Minuten nach dem Bombenangriff auf Dresden." Das klingt verächtlich, er merkt es selbst und setzt noch einmal neu an: "Es ist doch verrückt: Jemand, der sagt, dass ein paar Leute in einem Trainingscamp in Pakistan uns alle umbringen können, gilt als stark. Und wer sagt, mit diesen Leuten werden wir fertig, auch ohne sämtliche Bürgerrechte zu schleifen, der gilt als schwach!" Auch im Ersten Weltkrieg, so Wizner, wurde mit neuen Gesetzen gegen Kriegsdienstverweigerer und Pazifisten vorgegangen. Im Zweiten Weltkrieg wurden Japaner und Deutsche in den USA ohne Verfahren in Lagern interniert. "Aber diese beiden Kriege hatten ein Ende. Der ›Krieg gegen den Terror‹ hat keins; also sind auch die Einschränkungen der Grundrechte, die mit ihm begründet werden, praktisch endlos. Jetzt behandeln wir die ganze Welt als einen Kriegsschauplatz." Amerikas Machtverlust: In all der Empörung über die gigantischen Projekte der NSA – ihren neu erbauten Riesendatenspeicher in Utah, die Netze, die sie in aller Welt auswirft – geht unter, wie wenig das alles genützt hat. Die NSA hat weder den Aufstieg Chinas noch die neue Geopolitik der Russen verhindert, nicht das Attentat in Boston oder Merkels Krisenpolitik, die der US-Regierung viel zu sparsam war und deren Planung die NSA womöglich ihrem Handy abgelauscht hat. Die NSA als gigantisches Symbol der neuen Ohnmacht Amerikas – vielleicht wird das am Ende die Lehre aus der Causa Snowden sein.

Obama könnte sagen: 'Ja, Edward Snowden hat Gesetze gebrochen. Aber er hat damit eine Debatte in Gang gesetzt, die für unsere Demokratie sehr wichtig ist.'
Ben Wizner

Während seines Studiums hat sich Ben Wizner für Todeskandidaten in Louisiana und Alabama engagiert. Er war sicher, dass er es als Anwalt vor allem mit Armut und ökonomischer Ungerechtigkeit zu tun haben würde, wie sein Vater Stephen Wizner, der in Yale unterrichtet. "Wenn Sie mir damals gesagt hätten, ich würde eines Tages Folteropfer verteidigen, hätte ich gedacht, mhm, interessant, dann werde ich wohl irgendwo im Ausland arbeiten." Doch jetzt geht es um Taten der amerikanischen Regierung. Der 42-Jährige verteidigte Menschen, die in den internationalen Geheimgefängnissen der CIA im Zuge des Kriegs gegen den Terror gefoltert worden waren, wie zum Beispiel den Deutschen Khaled El-Masri.

Immer wieder in den vergangenen zehn Jahren hat Wizner dabei die Erfahrung gemacht, dass seine Klagen nicht vor Gericht zugelassen wurden mit der Begründung, bei einer Verhandlung würden zu viele geheime Informationen öffentlich. Das heißt, Menschen, die im Auftrag der US-Regierung gefoltert wurden, konnten nirgendwo ihre Rechte geltend machen. Deshalb war die erste Frage, die Edward Snowden ihm noch aus seinem Fluchtort Hongkong stellte: "Hast du jetzt genug Material, um vor Gericht zu gehen?" Edward Snowden ist für Ben Wizner und die ACLU ein Geschenk. Ein Insider, jemand "aus dem System", bringt ihnen aus idealistischen Motiven die Beweise, die sie brauchen. Die ACLU wurde im Ersten Weltkrieg auch deshalb gegründet, weil damals mit dem Verweis auf die Gefährdung der nationalen Sicherheit Kritiker des Krieges verfolgt wurden. Da schließt sich der Kreis.

Aber wie könnte ausgerechnet Barack Obama, der in den Augen der Republikaner stets als zu nachgiebig in der Terrorbekämpfung gilt, Ed Snowden, den Staatsfeind Nummer eins, begnadigen? An dem Tempo, mit dem Wizner quasi die Presseerklärung aus der Tasche zieht, mit der Obama der Weltöffentlichkeit einen solchen Schritt erklären könnte, merkt man, wie intensiv die Verhandlungen sind, die Wizner und Cacheris längst mit Regierungsstellen führen – und über die er natürlich nichts sagen kann, außer dass sie stattfinden. "Obama könnte sagen: ›Manchmal müssen wir nach vorne schauen statt in die Vergangenheit. Ja, Edward Snowden hat Gesetze gebrochen. Aber er hat damit eine Debatte in Gang gesetzt, die für unsere Demokratie sehr wichtig ist. Alle drei Gewalten haben auf seine Enthüllungen hin ihre Haltung in diesen Fragen revidiert. Seine Rückkehr ist Teil eines Heilungsprozesses, der hilft, den Schaden wiedergutzumachen, der angerichtet worden ist.‹"

Bei der ACLU weist man darauf hin, wie häufig so eine Amnestie aus ihrer Sicht in den letzten Jahren vorgekommen ist. Weder seien Mitglieder der vorigen Regierung, wie Vizepräsident Dick Cheney oder Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, für Kriegsverbrechen verfolgt worden. Noch habe es infolge der Manipulationen des Finanzmarkts durch die Wall Street eine Prozesslawine gegeben; gerade einmal ein hochrangiger Börsenmakler sei verurteilt worden. Juristisch gebe es keinen Zweifel, dass man Edward Snowden lebenslang hinter Gitter stecken könne. "Die Entscheidung liegt – anders, als das in Deutschland wäre – voll und ganz bei der Politik", meint Wizner. "Dort ist man sich auch darüber im Klaren, dass ein Prozess gegen Snowden ein globales PR-Desaster ersten Ranges wäre. Überall auf der Welt ist er für die Leute unter 30 ein Held."

In den frühen 2000er Jahren war Edward Snowden ein unscheinbarer, etwas einsamer Computernerd

Entscheidend für Edward Snowdens Aussichten auf Gnade vor Recht ist die Frage, ob man ihn in der amerikanischen Öffentlichkeit als Patrioten wahrnimmt. Was er dem Magazin Vanity Fair kürzlich über seinen Entschluss sagte, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist da vermutlich hilfreich. "Jeder Mensch erinnert sich an einen Moment in seinem Leben, in dem er irgendeine Ungerechtigkeit – groß oder klein – bemerkte, aber dann wegsah, weil die Konsequenzen des Einschreitens zu bedrohlich erschienen", sagte Snowden. "Aber es gibt eine Grenze für die Menge an Grobheit, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, die ein Individuum ertragen kann. Diese Grenze war bei mir erreicht." Inzwischen wird er öfter mit Jason Bourne verglichen, der Filmfigur, die in den Bourne Identity-Filmen um die ganze Welt gejagt wird, weil sie die Wahrheit über die Machenschaften der CIA ans Licht bringen will. Eine Firma in Oregon hat kürzlich eine Action-Spielfigur "Ed Snowden" herausgebracht.

In den frühen 2000er Jahren war Edward Snowden, geboren 1983, ein unscheinbarer, etwas einsamer Computernerd aus Elizabeth City in North Carolina. Wenig bekannt in Deutschland sind die Postings, die er damals auf der Technik-Website Ars Technica veröffentlichte. Darin präsentiert er sich in der Tat als Patriot, als ziemlich unnachgiebiger Patriot sogar. 2009 empörte er sich auf der Website unter dem Pseudonym Wolfking Awesomefox über die New York Times, die Berichte eines Informanten aus dem Weißen Haus über Pläne veröffentlichte, Nuklearanlagen im Iran zu sabotieren. "Die sind wie WikiLeaks", schrieb Snowden. "Sie veröffentlichen Geheimdienst-Scheiß! Wer zum Teufel sind die anonymen Quellen, die ihnen so was sagen? Diese Leute sollte man in die Eier schießen!" Snowden hat bisher weder dementiert noch bestätigt, dass er sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Aber Wizner bestreitet es nicht. Damals gehörte Snowden zu den jungen IT-Spezialisten, die die Geheimdienste angeheuert hatten, weil ihnen Hacker fehlten.

Zu dem Zeitpunkt war Snowden schon Mitarbeiter der CIA. Es waren die Anschläge vom 11. September 2001 gewesen, die seinem bis dahin vor sich hinplätschernden Leben eine Richtung gaben. Er war für den Einmarsch im Irak, hatte keinen Job und meldete sich 2004 bei der Armee. "Ich fühlte mich moralisch verpflichtet, Menschen aus der Unterdrückung zu befreien", hat er später gesagt. Er war enttäuscht, zu sehen, dass viele seiner Kameraden nicht helfen, sondern Araber töten wollten. Nach einem Trainingsunfall in Georgia wurde er Wachmann in einer CIA-Einrichtung – und wenig später, als Hacker ohne Highschool-Abschluss und Ausbildung, mit 22 Jahren Mitarbeiter. Nach neun Monaten schickte man ihn in die Schweiz, von wo aus er Europa bereiste und an der Börse spekulierte. In London erschrak er über den Anblick so vieler Muslime: "Ich wollte nicht aus dem Auto steigen!" In anderen Postings erregt er sich über Obamas Versuche, die Waffengesetze zu verschärfen. Über Altersrenten schrieb er, alte Leute wären "nicht so scheißhilflos, wenn ihr ihnen nicht die ganze Zeit Stütze zahlen würdet, damit sie den ganzen Tag auf dem Arsch sitzen und im Krankenhaus liegen".

Ich bin ganz bestimmt kein Antiamerikaner. Ich versuche nicht, die Regierung zu stürzen. Ich will einfach nur meinen Teil dazu beitragen, dass sich etwas ändert.
Edward Snowden

Heute zeigt sich Snowden in Interviews amüsiert über diese "Internet-Gerüchte und Informationen aus dritter Hand". Er sei für ein Grundeinkommen, für die Selbstbestimmung der Frau und dafür, dass die Regierung Brücken statt Bomben baue. "Ist das reaktionär?", hat er im Gespräch mit dem Guardian gefragt. "Aber ich glaube eben auch, dass Menschen individuelle Rechte haben, dass sie das Recht haben, in Ruhe gelassen zu werden, und ein Recht darauf, ihre Familien vor Gewalt zu schützen." Er ist, anders als WikiLeaks-Gründer Julian Assange, nicht gegen Geheimhaltung und Spionage. Er ist aber gegen einen "Staat im Staat", der potenziell jedermann als Sicherheitsrisiko behandelt.

Ben Wizner, 42, arbeitet für die Bürgerrechtsorganisation ACLU. © Pari Dukovic

Im Oktober ist der Grüne Hans-Christian Ströbele nach Moskau gereist und hat Snowden dort getroffen, als bisher einziger deutscher Abgeordneter. Seither tritt er quasi als Snowdens Anwalt im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags auf. Für den Rechtsanwalt Ströbele war der Kampf gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam in den sechziger Jahren so etwas wie die politische Initialzündung seines Lebens. Könnte er jetzt, ein halbes Jahrhundert später, gegen den energischen Willen der deutschen Regierung vor dem Adlon am Brandenburger Tor an der Seite des Staatsfeinds Nummer eins, Edward Snowden, stehen und den Amerikanern ihre Anmaßung vorrechnen: Es wäre der ultimative Triumph, die Rechtfertigung seines Lebenswerks.

Darauf angesprochen, zeigt sich auch Ben Wizner irritiert. "Snowden ist Hans-Christian Ströbele sehr dankbar für sein Engagement. Aber es ist ihm absolut unangenehm, wenn er zur Symbolfigur des Antiamerikanismus wird." Snowden selbst ist das Thema so wichtig, dass er uns aus Moskau eine E-Mail schickt: "Ich bin ganz bestimmt kein Antiamerikaner. Ich versuche nicht, die Regierung zu stürzen. Ich will einfach nur meinen Teil dazu beitragen, dass sich etwas ändert."

Für seine amerikanischen Anwälte ist es schwierig genug, dass Snowden zwangsweise in Moskau leben muss. Das war schon im letzten Jahr so, aber jetzt, im Konflikt um die Ukraine, bei dem Wladimir Putin dem Westen auf der Nase herumtanzt, ist es noch schwerer geworden. "Das sieht einfach nicht gut aus", sagt Wizner. Der Spionageverdacht belastet die Verhandlungen mit den Behörden.

Snowdens Asyl in Moskau endet am 31. Juli. Im NSA-Untersuchungsausschuss, wo man ihn am 3. Juli anhören will – vermutlich per Videokonferenz aus Moskau –, rechnen im Hintergrund einige Abgeordnete mit einem Szenario, das für die schwarz-rote Bundesregierung der Horror schlechthin wäre: dass Putin Snowden inoffiziell nach Deutschland reisen lässt und dieser in Berlin um Asyl bittet. Wenn deutsche Behörden ihm Asyl gewähren würden, wäre das eine regierungsamtliche Bestätigung all dessen, was Amerika-Kritiker hier schon immer gesagt haben: dass Edward Snowden politisch verfolgt wird und mit einem fairen Prozess nicht zu rechnen ist. Nachdem Asyl bisher kategorisch ausgeschlossen wurde, heißt es neuerdings, das sei eine Entscheidung der Asylbehörden. Der Wind dreht sich für Edward Snowden, man spürt es auf allen Ebenen.

Noch ein anderes Szenario ist nämlich denkbar. Für den 24. Juni wird Snowden zum Europarat nach Frankreich eingeladen. Der könnte ihm Immunität verleihen. "Warum auch nicht", meint Ben Wizner. "Wovor haben Deutschland und Frankreich Angst? Welche Strafmaßnahmen sollte Amerika gegen sie verhängen?"

Der Whistleblower will zurück in seine Heimat, nicht nur um seiner selbst, sondern auch um der Zukunft Amerikas willen. Im Grunde hält er, der ja aus Überzeugung Spion wurde, die NSA und deren Geisteshaltung des omnipräsenten Misstrauens gegen alle und jeden für unamerikanisch. Wizner und Snowden sprechen dieser Tage beinahe täglich miteinander. Snowden fühle sich nicht schlecht in Moskau, sein Leben spiele sich ohnehin weitgehend im Netz ab, wo er sich jetzt gerade die Serie The Wire ansieht. "Eigentlich hat er derzeit mehr Kontakte als vorher", sagt Wizner. "Und außerdem geht es Edward Snowden nicht um sich selbst. Wenn er etwas für sich hätte herausschlagen wollen, wäre er doch nie aus Hawaii weggegangen." Kurz vor Redaktionsschluss trifft dann noch eine Mail von Snowden aus Moskau ein. "Niemand ist perfekt", schreibt er. "Aber ich weiß, ich habe mein Bestes versucht. Und das bereue ich überhaupt nicht."

Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen ZEITmagazin, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kommentare

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Naja , zu viele wieder sprüche, aber ok das er zurück möchte ist verständlich aber das er nicht die Absicht aus Hawaii zu flüchten um etwas zu bewirken/bekommen ist unglaubwürdig. Er hatte zugang auf geheim Daten und nicht zum ersten mal und dazu kommt, wenn er keine immunitet schriftlich zugesagt bekommt eh für die katz ist, und was will er dann machen weiter für die NSA arbeiten ??? normalen Job ??? und wie werden die Leute auf einen Landes Veräter zu sprechen sein ???
Er wird auch nicht wirklich ruhe haben ....

Frage stell ich mir , wie garantiert er seine Sicherheit ??? sprich Daten ???