Ich habe einen Traum Annette Frier

"In meinen Tagträumen fühle ich mich meinem Vater sehr nahe"
© Thomas Rabsch
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 25/2014

Ich brauche meine Träume. Wenn ich lange geschlafen und intensiv geträumt habe, fühle ich mich morgens nicht nur körperlich erholt, sondern auch psychisch aufgeräumt. Es ist eigentlich eine Schande, dass wir im Alltag so wenig Verbindung zu unserem Unbewussten haben. Direkt nach dem Aufwachen erinnere ich mich in der Regel sehr gut an meine Träume, dann zerrinnen sie von Sekunde zu Sekunde, nach drei Minuten ist ein Drittel der Erinnerung weg, und wenn ich beim Frühstück davon erzählen will, ist nur noch wirres Zeug übrig. Vielleicht sollte ich mir tatsächlich einen Block und einen Stift auf den Nachttisch legen und sofort alles aufschreiben. Aber möglicherweise ist es ja auch gut, dass Träume so flüchtig und schattenhaft sind.

Die Träume, an die ich mich erinnere, sind sehr eng mit meinem Leben verknüpft. Als ich 29 war, starb mein Vater. In den Wochen und Monaten danach habe ich immer wieder den gleichen Traum geträumt, in unterschiedlichen Variationen. Es war ein Abschieds- und Angsttraum, ich erinnere mich vor allem an das Gefühl in diesem Traum: eine beständige Angst davor, den Halt zu verlieren. Zum Beispiel musste ich über Häuser klettern, und immer bestand die Gefahr, abzustürzen. Genauso habe ich mich damals auch im Wachen gefühlt.

In der Zeit kurz nach seinem Tod bin ich meinem Vater hin und wieder in meinen nächtlichen Träumen begegnet. Heute treffe ich ihn vor allem in meinen Tagträumen. Wenn ich ihn vermisse oder vor einer schwierigen Entscheidung stehe und mir seinen Rat wünsche, halte ich Zwiesprache mit ihm. Ich setze ihn regelrecht neben mich und rede mit ihm. In diesen Momenten sehe ich ihn und höre seine Stimme. Meist hat er eine Antwort für mich. In diesen Tagträumen fühle ich mich ihm sehr nahe, das ist sehr tröstlich für mich.

Ich bin grundsätzlich ein sehr abwesender Mensch, ich habe einen starken Drang, in meinen Gedanken und Vorstellungen zu versinken, mich aus der Welt zu träumen. Deshalb liebe ich es auch, zu lesen. Bücher sind für mich wie gelebte Träume. Ich bin davon überzeugt, dass es nicht nur eine Wirklichkeit gibt. Jede fiktive Geschichte birgt eine Wirklichkeit in sich, die Figuren sind ja da, die Geschichte findet statt – ob in meinem Kopf oder in meinem Alltag, spielt letztlich keine große Rolle.

Schon als Kind war ich eine ausgeprägte Tagträumerin. Ich habe kaum gesprochen und sehr viel Zeit in meinen inneren Welten verbracht. Noch heute habe ich eine tiefe Sehnsucht nach solchen Momenten, auch wenn ich sie mir als berufstätige Mutter von zwei Kindern nur selten erobern kann. Wie wohl die meisten Menschen bin ich ständig damit beschäftigt, den Alltag zu organisieren. Das kostet viel Kraft und nimmt mindestens 95 Prozent meines Tages in Anspruch. Die restlichen fünf Prozent brauche ich dringend dafür, irgendwelchen Spinnereien nachzuhängen und vor mich hin zu träumen. Zum Glück fällt es mir leicht, mich selbst abzuschalten.

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