Harald Martenstein Über Großzügigkeit

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 25/2014

Wenn ich ein Jahr auf einer einsamen Insel verbringen müsste und mir einen Gefährten aussuchen dürfte, keinen Freund, sondern einen Unbekannten, würde ich jemanden aussuchen, der hin und wieder so richtig Mist baut.

Mit einem Menschen, der niemals den geringsten Mist baut, hält man es bestimmt schwerer aus. Ich nehme Uli Hoeneß mit. Oder den Fußballer Kevin Großkreutz, der kürzlich betrunken in eine Hotellobby gepinkelt hat. Wir werden Spaß haben. Auf keinen Fall nehme ich Jutta Ditfurth. Nein, auch nicht Heiner Geißler, bei allem Respekt. Ich sehe das mit der Insel ähnlich wie Jesus. Ein reuiger Sünder ist netter und lustiger als tausend Gerechte. Ach so, Uli Hoeneß hat gar nicht wirklich bereut? Er tut nur so? Mir doch egal. Kevin Großkreutz hat vielleicht auch nicht wirklich bereut. Jesus liebt Kevin Großkreutz trotzdem, da bin ich mir sicher. Wenn Jesus ihn liebt, ist er mir auch gut genug.

Ich frage mich, ob all die Leute, die sich im Internet über die Fehler der anderen aufregen, ihrer Ansicht nach selber noch nie einen Fehler gemacht haben, oder etwas Dummes. Wenn dem so wäre, müsste man vor diesen Leuten Angst haben. Ein Mensch, der sich für unfehlbar hält, stellt eine Gefährdung der Öffentlichkeit dar.

Ich frage mich, wo die Großzügigkeit geblieben ist. Großzügigkeit im Alltag ist heute ähnlich gefährdet wie die Regenwälder. Großzügigkeit bedeutet, über kleinere Fehler hinwegzusehen. Großzügigkeit bedeutet, nicht immer auf seinem Recht zu bestehen. Großzügigkeit bedeutet, dass man auf der Straße anderen Leuten ausweicht, auch wenn man es laut aktueller Rechtslage nicht müsste. Großzügige Menschen geben etwas, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Der Großzügigkeit begegnet man heute oft mit Misstrauen. Im Jahr 2010 haben zum Beispiel 40 Milliardäre die Hälfte ihres Vermögens gespendet. In der ZEIT erschien daraufhin ein Artikel, in dem vor Großzügigkeit gewarnt wurde. Schlüsselsatz: "Sozialer Ausgleich muss staatlich organisiert und garantiert werden." Dabei hatten die Milliardäre mit keinem Wort die Abschaffung der Sozialhilfe gefordert.

Wo ist die Großzügigkeit geblieben? Ohne Großzügigkeit können Menschen doch gar nicht zusammen sein. An der Northwestern University, in der Stadt Chicago, wird neuerdings "Eheliche Partnerschaft" unterrichtet. Zusammensein wird an der Uni gelehrt, was kommt als Nächstes? Der Bachelor im Kinder-Einschulen? Der Master im Rentnersein? Die Professorin heißt Alexandra Solomon. Der heute am weitesten verbreitete Beziehungsfehler besteht laut Professorin Solomon in dem Glauben, an allen Problemen sei die andere Person schuld. Tatsächlich stellt sich bei wissenschaftlicher Überprüfung heraus, dass man an einigen Beziehungsproblemen selber schuld ist. Man soll auch, wenn die andere Person Mist gebaut hat, dem Bedürfnis widerstehen, die eigenen negativen Gefühle in einem emotionalen Ausbruch herauszulassen. Dies führt bei Partnern nämlich in der Regel dazu, dass die ihre negativen Gefühle ebenfalls in einem emotionalen Ausbruch herauslassen. "Das kann sehr belastend sein", sagt Frau Solomon ganz richtig. Und dann der nicht sehr originelle Satz: "Beziehung bedeutet Arbeit."

Da wird man wohl den gesetzlichen Mindestlohn für alle Beziehungsarbeiter brauchen. Beziehungen müssen staatlich garantiert werden! Falls dies aber auch nicht funktioniert, was ich stark vermute, könnten wir uns gemeinsam an die vergessene Tugend Großzügigkeit erinnern. Mit Großzügigkeit geht alles wie von selbst.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Herzlichen Dank, ein schöner Kommentar. Vielleicht liegt das alles an der Rationalisierung des Alltags, d.h. der damit einhergehenden Normung von allem und jedem, aber auch der damit steigenden Feststellbarkeit von Abweichung. Oder an der Trägheit der Herzen, die einer genetischen-evolutorischen Verteilung folgt und nur durch kulturelle Einflüsse mal ein wenig stärker oder hie und da schwächer ausfällt. Oder es hat ganz andere Gründe.

Zwischen Verlust an Großzügigkeit und den sich beschleunigt verschärfenden Unterschieden zwischen Arm und Reich besteht ein Zusammenhang. Das hat nichts mit Neid zu tun, sondern mit dem gefühlten Verlust an Verteilungsgerechtigkeit. Große Teile der Bevölkerung haben den Eindruck, dass sie zu kurz kommen und sich bestimmte Eliten alles erlauben können. Deshalb ziehen sich viele Menschen unbewusst in eine Art "Kampfmodus" zurück. Wohlwissend, dass sie das System nicht ändern können, wird gegen alles gewettert, was ungerecht erscheint.
Auf keinen Fall in denselben Topf werfen würde ich Menschen, die lebenslang bestrebt sind, an sich zu arbeiten, sich zu verbessern und zu entwickeln, was zwangsläufig zur Abnahme von Fehlern führt.
Gerade diese Menschen zeichnen sich durch besondere Toleranz gegenüber Menschen, die sie verdient haben, aber gleichzeitig auch besondere Härte gegenüber Menschen, die diese nicht verdient haben aus. Heiner Geißler wäre daher mein all-time favorite für Inseldialoge. Und ich bin auch sicher, mit ihm könnte man auch trotz seines fortgeschrittenen Alters und trotz fortgeschrittener Weisheit eine Menge Spaß haben.

Ja, Uli Hoeneß ist das beste Beispiel für Großzügigkeit.
Und ob Jutta Ditfurth und Heiner Geißler wohl schon vor diesem Beitrag geahnt, haben, dass Jesus sie nicht liebt?
Ich wäre jedenfalls so großzügig zu kommentieren: "Egal ob mit Großkreutz, Hoeneß, Ditfurth oder Geißler, hauptsache Martgenstein ist bald auf der einsamen Insel und am Besten nicht nur für ein Jahr.