© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Meine Rettung waren Bücher"

Sonia Sotomayors Vater starb früh, die Mutter war depressiv. Sie flüchtete sich in Bücher und entdeckte dort neue Welten. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 25/2014

ZEITmagazin: Frau Sotomayor, Sie wurden als erste Frau lateinamerikanischer Herkunft Richterin am amerikanischen Supreme Court. Aufgewachsen sind Sie in der Bronx. Wie erklären Sie sich Ihren Aufstieg?

Sonia Sotomayor: Mit sieben Jahren wurde bei mir Diabetes diagnostiziert, ich musste täglich eine Spritze bekommen. Mein Vater war jedoch Alkoholiker. Seine Hände zitterten so, dass die Nadel noch in meinem Arm wackelte. Das war die schmerzvollste Erfahrung, die ich je hatte. Meine Mutter war so nervös bei dem Gedanken, dem eigenen Kind eine Injektion geben zu müssen, dass sie die Spritze förmlich in mich hineinrammte. Ich hörte meine Eltern streiten, wer mir zukünftig meine tägliche Injektion geben sollte. Mir war klar, dass ich das selbst in die Hand nehmen musste, auch um unabhängig zu sein. Meine Mutter zeigte mir, wie ich die Nadel abkochen musste, und von da an war das meine morgendliche Routine. Ich erkannte dadurch sehr früh im Leben den Wert von Disziplin und Unabhängigkeit.

ZEITmagazin: Damit allein schafft man es nicht an die Spitze. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Freunde Sie als hart und aggressiv bezeichnen.

Sotomayor: Alles negative männliche Attribute. Ich verwende lieber die Wörter fordernd und durchsetzungsfähig. Ich verlange nie von anderen, was ich nicht selbst bereit wäre zu tun, und höre mir alle Argumente an. Aber letztlich treffe ich die Entscheidungen. Meine Mutter behauptet, vom Tag meiner Geburt an hätte alles nach meinem Kopf gehen müssen, ich hätte alles unter Kontrolle gehabt. Aber ich mache andere Menschen nie öffentlich lächerlich. Eine wirklich wichtige Eigenschaft, um an die Spitze zu kommen, ist Neugierde. Mein Vater starb, als ich neun Jahre alt war, meine Mutter verfiel in eine schwere Depression. Es war lähmend und grauenvoll, vor ihrer verschlossenen Zimmertür zu stehen. Meine Rettung waren Bücher. Lesen bot mir eine Flucht aus diesem Elend. Ich entdeckte neue Welten, neue Dimensionen, lernte unbekannte Dinge kennen, neue Ideen und nie gekannte Möglichkeiten. Erst durch Bücher habe ich den Wert von Bildung und Wissen erkannt. Meine Neugierde war geweckt.

ZEITmagazin: Hilfreich ist sicherlich auch Ihre Einstellung: Auch wenn ich verliere, ihr könnt mich nicht besiegen.

Sotomayor: Ich will nicht verlieren. In der Hinsicht bin ich sehr stur. Natürlich kann man nicht immer gewinnen. Aber ich sehe mir dann die Situation genau an, um den gleichen Fehler nicht zweimal zu machen. Ich kann zum Beispiel nicht tanzen, es ist hoffnungslos, ich habe keinerlei Taktgefühl. Aber ich habe mir antrainiert, mich exakt wie mein Tanzpartner zu bewegen, ihm völlig die Führung zu überlassen. Paartanz funktioniert also. Ich bin dem Ziel, tanzen zu können, damit so nah wie möglich gekommen.

ZEITmagazin: Sie waren die erste Frau in Ihrer Familie, die noch vor der Hochzeit von zu Hause wegging. Was hat Ihnen auf diesem Weg geholfen?

Sotomayor: Viel Energie. Laut meiner Mutter fing ich mit neun Monaten zu laufen an, ich stand auf und hörte nicht mehr auf zu rennen. Aber es gibt Mechanismen, die jeder anwenden kann. Zum Beispiel zugeben, dass man etwas nicht weiß. Sich dafür nicht schämen, sondern zu den Besten gehen, fragen und von ihnen lernen. Sich von Hindernissen nicht entmutigen lassen, sondern sie niederreißen oder umgehen. Entscheidend ist auch, sich nicht von der eigenen Angst lähmen zu lassen. Ich sehe mir meine Ängste genau an und beschließe dann, trotzdem zu handeln.

ZEITmagazin: Sie haben jung geheiratet. Ist die Ehe an Ihrer Karriere gescheitert?

Sotomayor: Als ich als Anwältin anfing, nahm mich die Arbeit völlig in Beschlag. Erst nach der Trennung haben wir offen gesprochen. Er sagte zu mir: "Du liebst mich, aber du brauchst mich nicht. Und ich will gebraucht werden." Da begriff ich, dass der Partner das Gefühl haben muss, wichtig zu sein. Meine Unabhängigkeit schüchtert viele Männer ein.

ZEITmagazin: In Spitzenpositionen wird man nicht von allen geliebt. Wie gehen Sie damit um?

Sotomayor: Mir war schon als Kind klar, dass man nie von allen geliebt wird. In der Schule hat mir eine Nonne grundlos das Leben schwer gemacht. Meine Mutter riet mir: Versuch es einfach durchzustehen. Insofern ist dieser Wunsch bei mir nicht so ausgeprägt. Manche Kollegen erzählen mir, dass sie jahrelang Angst vor mir hatten. Ich hatte gar nicht die Zeit, das zu bemerken.

ZEITmagazin: Fühlen Sie sich manchmal als Außenseiterin?

Sotomayor: Es ist wegen meiner privilegierten Position vielleicht schwer nachzuvollziehen: Aber ich gehöre nirgends wirklich dazu. Ich unterscheide mich durch meine Herkunft von meinen Kollegen am Supreme Court, und in die Bronx passe ich auch nicht mehr. Ich habe einen großen Freundeskreis und kann gut allein sein. Aber es gibt viele einsame Momente in meinem Leben.

Das Gespräch führte die Fotografin Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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