Gesellschaftskritik Über stilvolles Verlieren

© Jemal Countess/Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 26/2014

Stell dir vor, du verlierst und alle schauen zu. Blöde Situation, die vor allem drei Berufsgruppen oft ertragen müssen: Politiker nach Wahlen. Sportler nach Wettkämpfen. Und Schauspieler bei Preisverleihungen.

Für Letzteres gab es neulich ein schönes Beispiel. Bei den Tony Awards, dem wichtigsten Theaterpreis der USA, war Chris O’Dowd (der nette Polizist aus Brautalarm) als bester Hauptdarsteller nominiert. Schon morgens machte er sich via Twitter Gedanken, wie seine Verliererpose aussehen könnte (wutverzerrtes Gesicht, geballte Faust?). Bei der Verleihung waren im Fernsehen alle fünf Nominierten zugleich zu sehen. Sieger: Bryan Cranston (Lächeln, Kuss für die Partnerin). Drei der Verlierer zeigten die Reaktion, deren Erlernen sicher längst auf dem Stundenplan des Lee Strasberg Institute steht (Dozent: Leonardo DiCaprio, fünfmal für den Oscar nominiert): strahlendes ("Es macht mir nichts aus!"), zugleich Anerkennung zollendes ("Toller Kollege, hat er verdient, bewundere ihn seit Jahren!") Lächeln, dazu ein wissender Blickwechsel mit der Begleitung ("Wir haben total damit gerechnet!").

Ganz anders Chris O’Dowd: Er nahm einfach einen Schluck aus einem Flachmann. Natürlich war das genauso inszeniert wie das Lächeln der anderen, natürlich verdeckte er damit genauso seine Enttäuschung. Aber es war auch ein Miniplädoyer, die Ich-bin-ein-guter-Verlierer-Maskerade mal etwas abzurüsten.

Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen ZEITmagazin © ZEITmagazin

Und da können Politiker, Sportler und Schauspieler voneinander lernen: Wäre es nicht menschlicher gewesen, hätte sich Peer Steinbrück nach der Bundestagswahl wie ein Fußballer auf den Boden sinken lassen und still geweint? Wäre es nicht erfrischend, wenn Leonardo DiCaprio mourinhomäßig die Oscar-Jury anpöbeln würde, sie benachteilige ihn seit Jahren gezielt? Und wenn die Spieler, die bald das WM-Finale verlieren, nicht mehr brav die Tribüne zu alten Herren hochstapfen würden, die ihnen Medaillen für den zweiten Platz umhängen, sondern sich o’dowdmäßig einen Kasten Bier auf den Platz bringen ließen, um die Niederlage großkreutzmäßig zu verarbeiten?

Übrigens: Unsere Kolumne Gesellschaftskritik hat noch nie einen Preis gewonnen. Andere schon. Martensteins Kolumne zum Beispiel, das Streiflicht der Süddeutschen Zeitung, die Post von Wagner. Alles ganz wunderbare, lustige, handwerklich fein gearbeitete Kolumnen, die wir seit Jahren bewundern und uns zum Vorbild nehmen. Da sind wir wirklich vollkommen neidfrei. Hicks.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Kommentare

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Ritter vom hl. Großkreutz - das ist es, liebe Kolumnistin! Wenn das Killerkaninchen wieder einen "Sieger" schnöde abgefieselt hat, dann sollte man sich wie Pu der Bär (with very little brain) schleunigst a little mouthful spendieren. Laßt doch Ferkel Piglet gucken - die Westfalen haben den Flachmann mitgebracht (W. = westliche Männer aus dem Flachland). Der irische Kleinkönig ODubdha aus Connacht hatte das den Angelsachsen schon voraus: Getorfter Connemara-Whiskey aus dem römischen Glas-Flakon des hl. Patrick, im Zweifelsfall das letzte, was einer aus dem Clan der O'Dowds zu sich nahm. Die einstudierte Geste ist also altirisches Brauchtum - und die Iren sind gute Verlierer. Anders dagegen ein westfälischer Restwurzler (aus Oer-Erkenschwick) namens Leonardo Wilhelm, der die VIP-Lounge der "Titanic" wässern mußte - also Gnade für Kevin aus Holzwickede. Der hat sich wiederum an Anarcho-Rockern Chumbawamba ein Vorbild genommen: "I get knocked down, but I get up again - you are never gonna keep me down". Was von den holden Damen am Keyboard kommentiert wird: "Pissing the night away". Großes Trinkerkino - der Preis ist Sch... (An die Adresse des SZ-Magazins!): Peer Lagerbrück hätte nicht den bekannten Mittelfinger nehmen sollen, sondern - wie der portugiesische Vorstopper Meireles - beide Zeigefinger. Gegen Konnotation unter Ethnosoziologen: Hier werden nur die Positionen auf dem Platz verschoben - reine Laufwege. Auf der Zwei gibt es keine Waschmaschine - aber vielleicht trinkt ein blindes Huhn ja auch mal einen Doppelkorn.