Harald Martenstein Über "Dantons Tod" und Til Schweigers Beliebtheit

Nicht Georg Büchner, sondern Anke Engelke und Til Schweiger sind die Stars unserer Zeit. Letzteren erklärt unser Autor zum Vorbild – besonders für Alice Schwarzer. Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 26/2014

Reden wir über die Liebe. Wir beide kennen noch Dantons Tod, wir kennen unseren Büchner, nicht wahr, meine teure Freundin. Wir stammen aus einer anderen Epoche, Bildung galt noch als erstrebenswert und nicht als verdammenswertes Relikt der Bourgeoisie. Kürzlich musste ich, als ich von Ihnen las, wieder einmal an Dantons Tod denken, natürlich an das Zitat: "Das Volk hasst die Genießenden wie ein Eunuch die Männer." Danton spricht so, bevor sie ihn hinrichten.

Wen liebt das Volk heute? Ein Magazin namens Stars hat kürzlich eine Umfrage in Auftrag gegeben. Den Leuten wurden die Namen von 50 deutschen Prominenten und Halbprominenten vorgelegt. Sie sollten sagen, wen sie eher sympathisch finden und wen unsympathisch. Am schlechtesten schnitten der Sänger Daniel Küblböck, die ehemalige Nachrichtensprecherin Susan Stahnke und die Schauspielerin Jenny Elvers ab, alle drei erzielen ähnliche Beliebtheitswerte wie derzeit die FDP. Am beliebtesten sind Anke Engelke und Til Schweiger. Letzteren mögen fast 60 Prozent der Befragten, Platz eins. Ziemlich weit vorne sind auch Verona Pooth, vormals Feldbusch, und Stefan Raab. Recht gut schneiden ebenfalls Uli Hoeneß, Dieter Bohlen und Boris Becker ab, die alle drei im Mittelfeld landen, trotz ihrer Sündenfälle in den letzten Jahren.

Ein anderes Magazin hat gezielt Teenager befragt. Deutsche Teenager lehnen am entschiedensten die Travestie-Künstlerin Olivia Jones ab, die Erbin Paris Hilton und vor allem die Sängerin Miley Cyrus, die in letzter Zeit die laszive Skandalnudel gibt.

Das Volk hasst die Genießenden wie ein Eunuch die Männer, gewiss. Aber am Ende hat das Volk auch den hochfahrenden Genussfeind Robespierre aufs Schafott geschickt. Und die meisten Leute sind Anhänger des Leistungsprinzips. Wer irgendwann mal wirklich etwas auf die Beine gestellt hat, dem verzeiht man so manches. Wer lediglich unbedingt nach oben will und dabei viel Wind macht, kommt schlechter an als jemand, der Steuern hinterzieht, zügellos lebt oder sich im Ton vergreift, sofern dieser Jemand auf eine echte Lebensleistung verweisen kann. Wir sind allzumal Sünder. Die öffentliche Aufregung, wenn jemand etwas falsch gemacht hat, sollte man nicht zu ernst nehmen, die lautesten Schreihälse sind selber die Schlimmsten.

Til Schweiger hat sich dafür ausgesprochen, dass die Adressen von Sexualstraftätern veröffentlicht werden, wie in den USA. Diese Ansicht ist weiß Gott nicht mehrheitsfähig, ich sage: zum Glück. Er hat sich für die Truppenbetreuung in Afghanistan zur Verfügung gestellt, zur Empörung vieler, und war bei einer Preisverleihung sturzbetrunken. Weil Kritiker immer wieder seine Filme verreißen, ist er beleidigt und zeigt seine Filme nicht mehr der Presse. Manche hassen ihn, sie haben sogar das Auto seiner damaligen Freundin angezündet. Aber er ist der beliebteste deutsche Prominente. Auf die Frage, welchen Lebenstraum er sich noch erfüllen möchte, hat Til Schweiger in einem Interview geantwortet: "Nach Weihnachten Urlaub machen." Auf die Frage nach seinem Lebensmotto antwortet er: "Immer locker bleiben. Ich weiß, das hört sich dämlich an." Eines Tages werden sie sich alle vor ihm verneigen, ähnlich wie vor Bernd Eichinger.

Das Volk hasst die Genießenden, aber es liebt auch diejenigen, die sich kleiner geben, als sie sind. Letztlich lebt Robespierre so gefährlich wie Danton. Liebe Alice Schwarzer, was diese Steuergeschichten betrifft – machen Sie es wie Til Schweiger. Er ist ein Mann, ich weiß. Aber machen Sie es einfach wie Til Schweiger.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Warum müssen wir uns derartig medienabhängig machen? Liebe, Vorliebe und Zuneigung, als Marionette der Medien. Und durch Medien wird Macht ausgeübt. Die gleichen Machthaber, überwachen uns. Herr Martenstein, der das schreibt über Beliebtheit, ist nur Vortänzer für eine Maschine, die mit "Dasein" und Werte nichts mehr zu tun hat. Hollywood ist die Schmiede der Helden, also hat das alles Methode. Man sieht es an der Homophobie zum Beispiel. Dort wo Hollywood nicht punktet, in Russland zum Beispiel, herrschen Zustände wie bei uns vor einigen Jahrzehnten. Lewitscharoff, in ihrer Kritik gegen "Kunstkinder", zeigte wie wir gemeinsam gedacht werden, wie aus Not, die Tugend wurde. Eine jugendliche Verteidigungsministerin zeigt, wie Leere zu Macht wird. Wir sind nicht frei, sondern so unfrei wie nie zuvor, weil wir statt Erfahrung, gelenkt werden. Sogar "Eric Burdon war noch ein Poet, als er sang: "Ich denke an all die Zeit, die ich verschwendet habe eine gute Zeit zu haben". Statistiken sind der Legitimierungs- Schlußtrich von Gedankenkontrolle.

Und was ist mit Mario Barth?

Ist der nicht der wahre Held des Volkes, "primitiv und glücklich", wie er sich selbst bezeichnet? Dumm und stark kommt an bei den geistig zu kurz gekommenen, klar. Aber sie sollten schon Gerchtigkeit walten lassen. Wenn der grobe Till wirklich Vorbild für die penible Alice werden soll, dann steht aber auch die Beförderung von Jenny Elvers-Elbertzhagen zur Regierungssprecherin an. Der säuerliche Steffen Seibert langweilt da jetzt lange genug. Und einige wirklich starke Typen haben Sie auch einfach weggelassen. Arnold Alois Schwarzenegger zum Beispiel, der Mann der Kalifornien von seinen Schulden befreit hat. Eigentlich nur noch zu toppen von Chuck Norris. Der kann als einziger freitags in der Moschee das Halleluja anstimmen. Und ALLE singen mit!

Wie? Wo? Was? Gibt es in Martensteins Kolumne eine Antwort auf die Fragen, die sein väterlicher Rat "Aber machen Sie es einfach wie Til Schweiger" hervorruft? Oder empfiehlt er Schwarzer, sich wie Schweiger grundlos und unerklärlicherweise von den Leuten lieben zu lassen?

Ein Erfolgsgeheimnis von Schweiger ist, daß er sehr sympathisch wirken kann und ein bezauberndes Lächeln hat. Auf dieses Rezept ist die Schwarzer schon vor Jahrzehnten gekommen. Damals gab es noch selbstbewußte Männer, die auf Feministinnen mit nachsichtigem Humor reagiert haben und gegen die verbissene "Aktivistinnen" in der Außenwirkung ziemlich abgestunken sind. Seitdem lacht die Schwarzer. Ständig. Sie gab sich jovial, trat in TV-Shows auf, steigerte über diese typische B-Promi-Schiene Bekannt- und Beliebtheit. Obwohl man ihr häufig ansah, daß ihr dabei ein optimistisches Motto durch den Hinterkopf schwirrte, "Unser Lachen wird euch töten!", obwohl sie damit immer wieder Erinnerungen an ein bekanntes Nietzsche-Zitat zum Thema "Lachen" evozierte. Manche Rezepte funktionieren auch mit untauglichen Zutaten.

Zum selbstbetrügerischen Haß auf die Bourgeoisie, der besonders in der Bourgeoisie verbreitet ist, passen Phänomene wie Schwarzer, Schweiger und Mario Barth, bei denen sich Adel und Lumpenproletariat vereinen. Man könnte diese neue Schicht, die von den Massen geliebt & gehaßt wird (Yin & Yang des Ruhms), Badel oder Ludel nennen. "Schwarzer gehört zum neuen deutschen Ludel" - das klingt seltsam richtig.