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Das war meine Rettung "Gegen Vorurteile kann man nicht argumentieren"

Fast hätte Roger Schawinski den Kontakt zu seinen Kindern verloren. Seine Freundin gab ihm den entscheidenden Rat. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 26/2014

ZEITmagazin: Herr Schawinski, Ihre Großeltern sind 1914 aus Polen in die Schweiz ausgewandert und haben als Juden in Europa überleben können, weil Hitler die Schweiz nicht überfiel. Wann wurde Ihnen klar, dass das jüdische Schicksal Teil Ihres Lebens ist?

Roger Schawinski: Mir wurde von meinem Vater immer eingeimpft: Wir gehören zu einer Minderheit, wir haben einen fremdländischen Namen, wir müssen uns kleinmachen, möglichst unscheinbar sein, um ja keine Negativreaktionen hervorzurufen. Irgendwann habe ich dagegen rebelliert und gesagt: Nein, ich mache mich nicht klein, es gibt keinen Grund dafür. Mein Vater war nur 1,55 Meter groß und hat sich durch seine Haltung noch kleiner gemacht. Ich habe mir dann gesagt: Ich muss das wiedergutmachen, indem ich mich aufrecht hinstelle und mich nicht fürchte, für meine Ideen und Pläne einzustehen. Wobei ich die moralischen Kriterien, die mir mein Vater mitgegeben hat, immer genau beachtet habe.

ZEITmagazin: Welche moralischen Kriterien?

Schawinski: Dass man sich immer auf die Seite der Schwächeren stellen muss. Im späteren Leben bin ich wirtschaftlich sehr erfolgreich gewesen, aber ich bin nicht von der linken Seite auf die rechte gewandert, wie es viele meiner Freunde getan haben, sondern ich engagiere mich weiterhin für eine sozial gerechtere Welt.

ZEITmagazin: Sie beschreiben Ihren Vater in Ihrer Autobiografie sehr liebevoll.

Schawinski: Er war ein fröhlicher Mensch, vielleicht wollte er damit auch eine gewisse Trauer überdecken. Wie sich leider später gezeigt hat, wurde er am Ende seines Lebens depressiv, was mich wirklich betroffen gemacht hat. Ich fühle mich privilegiert, weil ich ein geliebtes Kind war. Das ist die Voraussetzung meines Selbstbewusstseins. Für alles, was ich tat, erntete ich von meinen Eltern Applaus. Ich musste keine Erwartungen erfüllen. Das hat mich beflügelt.

ZEITmagazin: Wurden Sie als Jude je mit Ressentiments oder Zurücksetzungen konfrontiert?

Schawinski: Nicht mit offener Zurücksetzung. Und ich habe mir zur Grundregel gemacht, niemandem zu unterstellen, dass er mich aufgrund meiner Herkunft zurücksetzt, bis zum definitiven Beweis des Gegenteils. Denn wenn man so denkt – der ist gegen mich, weil ich zu einer Minderheit gehöre –, macht man sich wehrlos. Gegen Vorurteile kann man nicht argumentieren. Also habe ich das möglichst ausgeblendet, um mich nicht selbst lahmzulegen.

ZEITmagazin: Gab es den definitiven Beweis des Gegenteils?

Schawinski: Ich weiß nicht, vielleicht habe ich es auch verdrängt. Wenn mich allerdings jemand in einer Auseinandersetzung als größten Medienspekulanten des Landes bezeichnet, obwohl ich der Privatradio- und TV-Pionier der Schweiz bin und meine Unternehmen mehr als zwanzig Jahre lang aufgebaut habe, also das genaue Gegenteil eines Menschen war, der kauft und verkauft, dann frage ich mich schon: Woher kommt das Schmähwort Spekulant? Als ich meine Medienholding 1999 verkaufte, wurde ich in einer Schweizer Boulevardzeitung mit einem Geldsack über der Schulter gezeigt, links und rechts fielen so kleine Männlein runter. Das hat mich irritiert. Besonders, weil ich Millionen des Erlöses an meine Mitarbeiter verteilt habe, was kein anderer Verleger des Landes tat.

ZEITmagazin: Konnten Sie die Liebe Ihrer Eltern weitergeben?

Schawinski: Nach meiner Scheidung 1989 ist meine Frau mit den Kindern weggezogen nach Baden-Baden. Es fühlte sich für mich an, als hätte ich meine Kinder für immer verloren. Es war eine Aktion, um zu beweisen: Du kannst nicht alles haben. Du hast dich scheiden lassen, du hast eine neue Freundin, aber die Kinder, die hast du nicht mehr!

ZEITmagazin: Was taten Sie?

Schawinski: Ich fuhr immer nach Baden-Baden. Das war wirklich hart, und ich habe oft gezweifelt, ob das funktioniert. Natürlich gab es von meinen Kindern manchmal Zurückweisung, gerade in der Pubertät. Aber meine neue Freundin Claire sagte zu mir: Du darfst nie aufgeben. Sie blieb beharrlich. Das war im Rückblick meine Rettung. Sie sagte: Die Liebe siegt! Du musst es immer wieder aufs Neue versuchen. Es war die wichtigste Entscheidung in meinem Leben. Claires Satz hat sich bewahrheitet – heute habe ich die beste Beziehung zu meinen Kindern. Und ich weiß: Wenn ich das nicht gemacht hätte und die Kinder verloren hätte, was vielen geschiedenen Vätern passiert, ich hätte ein unglaubliches Loch in meinem Herzen.

ZEITmagazin: Der Kontakt zu Ihren Kindern hat sich normalisiert?

Schawinski: Ja, nach der Pubertät. Als meine Tochter in England im Internat war und wirklich Hilfe brauchte, weil sie nach der Sperrstunde vor einer verschlossenen Tür stand, rief sie den Vater an. Da war ich so froh! Ich kann was tun, wenn es wirklich ernst wird.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

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Danke. Sehr schöne, berührende aber auch traurig und nachdenklich machende Geschichte. "Als ich meine Medienholding 1999 verkaufte, wurde ich in einer Schweizer Boulevardzeitung mit einem Geldsack über der Schulter gezeigt, links und rechts fielen so kleine Männlein runter."

Andererseits outet die Großzügigkeit und das gute Herz von Roger Schawinski solche Anfeindungen der Medien als Lügen.