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Willemsens Jahreszeiten Es wird Sommer!

Unser Kolumnist versteht alles, sogar den vergangenen Frühling. Obwohl man es ja als Versteher nicht so leicht hat. Von
Aus der Serie: Willemsens Jahreszeiten ZEITmagazin Nr. 26/2014

Es kam die Jahreszeit, in der doch alles werden und wachsen soll. Der Herr stieg in den Himmel auf, ein deutscher Kosmonaut tat es ihm nach, die Mars-Sonde Curiosity nahm sogar eine Bodenprobe, und unter Päpsten wusch ein Fuß den anderen. Man muss also von erhöhter seelischer Aktivität im Himmelszelt sprechen, doch was taten wir?

Neulich im Museum: Bush malt Merkel beim Wählen. © Samuel Nyholm

Wühlten mit unseren Blicken im Erdreich, im Schlamm, unter Wasser, waren in Gedanken bei den Verlorenen und Vermissten, verfolgten wochenlang im Live-Ticker die Suche nach Wrackteilen eines Flugzeugs im Indischen Ozean, getrieben von Bangen und Gaffen. Es kommt zwar nicht vor, dass Menschen nach einem Flugzeugabsturz tagelang durch den Ozean treiben und sich dann wieder zur Arbeit melden. Aber manchmal ernten die toten Verschollenen mehr Zuwendung als die noch Lebenden auf dem Weg in ihr Massengrab vor den europäischen Grenzen, als die entführten Mädchen in Nigeria oder als die vergewaltigten in Indien, für die man sich eher strohfeuerartig entflammt.

Und kaum begrub in Afghanistan eine Schlammlawine Hunderte Tote in einer fast unbebilderten Gegend, war in Südkorea schon die Sewol gekentert, unsere Kameraaugen durchtauchten das Schiffswrack, aus dem so wenige auferstanden wie von den Hunderten Bergarbeitern, die im türkischen Soma verschüttet wurden. Ein großes Lebendigbegrabenwerden war das in diesem Frühling.

Dann warfen auch die Seesterne ihre Arme ab, zergingen zu Gelee. Wir nennen dies "rätselhaft", wie alles Sterben, das wir nicht zu genau kennen wollen, also auch wie unser eigenes, von dem eine Nasa-Studie sagte: Das Ende ist nah, die Menschheit verbraucht mehr Ressourcen, als nachwachsen können! Sofort reagierten die Nachrichtenmagazine und klärten auf: "Gefahren beim Schwertschlucken" und "Pelé produziert Diamanten aus Eigenhaar". Wie der Dichter sagt: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch, und wenn nicht das Rettende, dann das Eigenhaar.

Conchita Wurst staunt über Schröder und Putin. © Samuel Nyholm

Auch Europa wächst dauernd, rhetorisch zumindest, entweder zusammen oder nicht. Seine Pfahlwurzeln liegen im Binnenmarkt, seine Luftwurzeln in der hehren Idee. Die tanzte nur einen Frühling, spülte zahllose Bürokratengesichter in die Innenstädte und an die Landstraßen. Wer hier "Europa" beschwor, meinte "strategische Partnerschaft", wer "Freiheit" sagte, sprach von der des Warenverkehrs, wer "europäische Einheit" propagierte, wollte eine forcierte Binnenglobalisierung, und "Demokratie" war von "Wettbewerbsfähigkeit" kaum mehr zu unterscheiden.

Andere Besucher staunen über Gurlitt. © Samuel Nyholm

Könnte es aber nicht Euro-Skeptiker geben, die keine Nationalisten sind, Europa nur weniger ökonomisch denken und mit dem Eintreten für Länder-Identitäten eigentlich eine Repolitisierung von Lebensfragen suchen? Nach der Wahl war Europa, dies hohe Gut, nur noch ein Tinnef auf dem Basar der Strategen. Da hatten die Europäer von der siegreichen EVP-Fraktion ein paar dreiste Antieuropäer in ihren Reihen, und etwa ein Zehntel der im Parlament Sitzenden wollen dieses nun abschaffen oder beschränken. Bedenkt man, dass viele gewählt haben, um genau dies zu verhindern, ist mit der Realität Europas offenbar immer noch kein Staat zu machen. Verstehen Sie?

Verstehen Sie besser nicht! Man kann ja heute jeden diskreditieren, indem man ihn zum "Versteher" macht. Frisch eingetroffen: der Putin-Versteher und, als höchste Steigerung, der Putin-Umarmer. Da hat also der Mann, der einmal Schröder war, den Putin umarmt, und der Mann, der immer noch der CDU-Abgeordnete Mißfelder ist, stand dabei, der Hahn krähte, und keiner fragt: Wie muss sich das für Putin anfühlen? Voll schwul? Oder sind das schon die Sanktionen, mit denen Merkel und Obama immer drohen?

Galerie des Frühlings: Hoeneß und Neubauer mit Stimmungsrobotern © Samuel Nyholm

In diesen Wochen tritt die Kanzlerin nämlich nur mit Doppelnamen auf als Merkel-Droht oder Merkel-Fordert. Das ist nicht einschüchternd, wenn man nichts zu drohen, nichts zu fordern und nur zwei Indianer im Aufgebot hat – einen europäischen Preisboxer als Bürgermeister von Kiew und einen sympathischen Toleranzbotschafter namens Conchita Wurst. Letztere wirkt wie ein Zwitterwesen, direkt aus dem Homunkulus-Labor der Sibylle Lewitscharoff, die eine ganz neue Gruppe gefunden hat, die man diskriminieren kann: die der in künstlicher Befruchtung Entstandenen. Darauf muss man erst mal kommen! Wenn die Antiaufklärung Bäuerchen macht, schmeckt gleich die ganze Atmosphäre nach Restauration. Dass aber Conchita Wurst für Toleranz stehen könnte, fiel erst auf, als sich Russland und Weißrussland gegen sie aufbäumten, worauf der Westen mit einer erhöhten Dosis an Wurstspielen reagierte.

Berlusconi im Altersheim © Samuel Nyholm

Wo es aber wirklich um die Wurst geht, wie beim Freihandelsabkommen, da wird es wieder so geheim, dass sich die Demonstranten, die es nicht gibt, nicht mal zum Demonstrieren verabreden. Politik zieht sich vor allem dort ins Heimliche zurück, wo Kapitalinteressen betroffen sind. Darauf bestehen unsere amerikanischen Freunde. Wo es dagegen bloß um das Leben geht, sickert leichter was durch: Nach dem Abbruch seiner Hinrichtung wegen einer missglückten Giftinjektion quälte sich im US-Bundesstaat Oklahoma der Delinquent Clayton Lockett 43 Minuten bei vollem Bewusstsein, ehe er starb. Uns verbindet mit seinen Henkern eine "Wertegemeinschaft", die wir uns doch von der Realität nicht kaputt machen lassen.

Schavan im Vatikan, wo es plötzlich schneit. Unser Kolumnist im Mittelpunkt © Samuel Nyholm

Unsere Wertepartner verschleppen Menschen ohne Prozess in den vogelfreien Raum von Guantánamo, wo sie immer noch gefoltert werden. Unsere Wertepartner sammeln blindwütig private Daten unzähliger Bürgerinnen und Bürger, stellen Schnellfeuerwaffen für ihre Bürger bereit, sodass auch in diesem Frühling gleich mehrere Amokläufer freie Bahn hatten, und weil Teenager in Montana nicht legal an Bier herankommen und deshalb ein Garagen-Hopping praktizieren, wird ein Hamburger Schüler dort in Selbstjustiz erlegt.

Der einzige US-amerikanische Wert, zu dem wir uns ausdrücklich nicht bekennen, ist das Recht auf Rausch: Marihuana beflügelt gerade Colorados Wirtschaft. Unser Colorado kommt von Haribo, dort reagiert man mit blauen Gummibärchen. Aber wir können auch Rausch: Kaum ist Annette Schavan als Deutsche Botschafterin im Vatikan nominiert, werden Kokslieferungen an den Heiligen Stuhl aufgedeckt, und manche Oblate soll schon stärker wirken als hundert Mon Chérie.

Heino und Jan Delay streiten sich. © Samuel Nyholm

Ein Haus voller Dopingsubstanzen öffnete sich auch den Ermittlern im Fall Oscar Pistorius. Dieser olympische Prothesenläufer hortete ein breites Spektrum an unerlaubten Aufbaupräparaten, die den Abbau seiner Aggressionen nicht fördern konnten, sodass er erst auf Melonen, dann auf seine Freundin schoss, es aber nicht so gemeint haben will. Er habe auch Gefühle, rotzte und schluchzte er im Gericht, und das ist zumindest mehr, als der neueste Computer vermag. Dieser kann jetzt 21 Gefühle im Gesicht eines Menschen identifizieren, also mehr, als Christine Neubauer pro Film einsetzt, und diese sagt doch: "Ich bin ein Mensch, der sehr sensibel ist."

Gleiches muss man auch Silvio Berlusconi nachsagen. Zwanzig Frauen, verkleidet als Krankenschwester, Nonne, Staatsanwältin oder als Obama, hatten sich auf seinen Festen um eine Tanzstange drehen dürfen, und nun soll Berlusconi zur Strafe in die Altenpflege? "Zu anstrengend", fand er, und keiner fragt, was haben denn diese Alten verbrochen? Am Ende sagt Berlusconi jedem: Steh auf und wandle, und kaum tut es einer, hat er Anspruch auf Heiligsprechung und macht das Erlösergesicht, das er schon bei Haftantritt zeigte.

Jogi Löw beeilt sich, Dieter Hallervorden mag Dieter Hallervorden. © Samuel Nyholm

Im Gesicht von Uli Hoeneß war dagegen zuletzt nur ein einziges Gefühl lesbar, das er auch selbst benannte: "Hass". So verständlich die Abscheu vor dem organisierten Voyeurismus ist, der 150 Journalisten nachschauen lässt, ob die Gefängniszelle in Landshut auch groß genug für das Ego des Häftlings ist, so befremdlich wirkte das Selbstbild des Mannes, der bis zuletzt keine leisen Töne im Repertoire hatte.

Anders als die zarte Existenz von Cornelius Gurlitt, dem Mann der Stille, der aus seinem Element, der Kunstbetrachtung, gezogen, temporär enteignet, des Lebensinhalts beraubt, selbst wohl schuldlos ist und über einem Schatz stirbt, der in ihm seinen innigsten Liebhaber hatte. Zurück bleiben eine Verlassenschaft, eine ratlose Behörde, ein düpiertes Publikum und etwas wie Poesie.

Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen ZEITmagazin © ZEITmagazin

Und sonst? Man lernte sich kennen: Pep Guardiola die Bierdusche, Burger King Günter Wallraff und Jan Delay Heino. Der wollte sich nicht ungestraft "Nazi" nennen lassen und bot zu seiner Verteidigung auf: Micaela Schäfer, die nackte Schande des Antifaschismus. Die kannte Heino noch aus der Résistance, wo er gegen die Apartheid in Sun City angesungen hatte. Und weil am Ende also alles mit Recht und Ordnung zugehen sollte, verlor Jogi nur den Führerschein, nicht die Vorbildfunktion, Dieter Hallervorden wurde ausgezeichnet als "bester Schauspieler Deutschlands", und George Bush malte Angela Merkel so lebensecht, als habe eine spanische Hausfrau sie frisch restauriert.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

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