Rüschen-Revival Habt ihr’s gerafft?

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 26/2014

Im Jahr 1994 holte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl eine Ostdeutsche als Familienministerin ins Kabinett: Claudia Nolte. Bei ihrer Vereidigung trug sie eine Rüschenbluse. Nolte blieb vier Jahre im Amt. Ihr Name wurde nie erwähnt, ohne dass auch ihre Rüschenbluse erwähnt wurde. Das Kleidungsstück erschien damals als unglaublich altmodisch, quasi als untragbar. Und es bestätigte all die Vorurteile, die man über Ostdeutsche haben konnte: dass sie hinterm Mond lebten und keine Ahnung in Geschmacksdingen hatten. Und so eine sollte in der Regierung sitzen?

Es war natürlich auch etwas Sexismus dabei. Welcher Mann wäre schon mal dafür angegangen worden, dass er bei seiner Vereidigung unmodisch gekleidet gewesen sei? Das Urteil war außerdem vorschnell. Denn die Rüschenbluse ist wieder da. Wir sehen Rüschen als Origami bei Bottega Veneta, in luftiger Romantik bei Isabel Marant und als surreal anmutende Applikation bei Comme des Garçons. Bei Marni gibt es sogar Tutus, in denen man aussieht, als wollte man gleich noch bei der Schwanensee-Aufführung mittanzen. Wie schon die Schluppenbluse aus dem Orkus der modischen Unmöglichkeit wieder aufgetaucht ist, sind nun Rüschen modern. Die Rüsche ist ein so starkes modisches Stilmittel, es wäre auch zu schade, wäre sie endgültig verschwunden. Jahrhundertelang prägte sie die Kleidung der Menschen: Am spanischen Hof trug man lange Zeit Schwarz und betonte Kopf und Hände mit weißen Rüschen – die Körperteile also, die man zur Machtausübung braucht. Die plissierten und zusammengerafften Stoff- oder Spitzenstreifen fielen in der Folgezeit je nach Mode und Anlass unterschiedlich breit und üppig aus – und natürlich spielte auch die sozioökonomische Position eine Rolle. Die Rüsche ist nämlich aufwendig in der Herstellung. Viel feiner Stoff wird gefältelt und gerafft. Es ist die reine Verschwendung. Ein breiter Rüschenkragen ist also ein Signal für Optimismus und Wohlstand. Man muss an Stoff nicht sparen, man fürchtet nicht, dass man den Stoff bald brauchen wird, um ihn sich wärmend um die Waden zu wickeln. Claudia Nolte hat damals die Rüschenbluse als hoffnungsvolles Signal für den Aufschwung Ost getragen: blühende Landschaften in Blusenform. Passender hätte sie gar nicht gekleidet sein können. Leider haben die doofen Wessis das nicht verstanden.

Foto: Roter Strickpullover von Miu Miu für 635 Euro

Kommentare

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Für diese Leistung - nach meiner Erinnerung eine der wenigen, wenn nicht die einzige dieses jüngsten aller bisherigen Kabinettsmitglieder hat sie sicherlich ihre Pensionsansprüche nachhaltig verdient.
Das andere Mädchen von Helmut Kohl bereichert - inzwischen im Gewicht leicht reduziert - nachhaltig und mit den klammheimlichen Veränderungen zugunsten der marktkonformen Demokratie die Modelandschaft mit Blazer und Hose. Wenn es denn dabei bliebe, wäre es schön.
Peter Zar