Anton Hofreiter: 99 Fragen an Anton Hofreiter

Interview:
ZEITmagazin Nr. 27/2014

Öffentliches Interview in der Galerie Crone in der Berliner Rudi-Dutschke-Straße: 200 Zuhörer. Er ist schon da und trinkt ein Glas Weißwein. Das ist, erster Eindruck, ein durch und durch normaler männlicher Bundesbürger (stämmig, bisschen dick am Bauch und im Gesicht, zu enger grauer Anzug). Auffällig, aber für einen Handwerkersohn aus dem oberbayerischen Sauerlach auch nicht weiter ungewöhnlich, ist die schulterlange blonde Mähne (mit kurz geschnittenen Haaren ginge Hofreiter als Busfahrer, Telekom-Kundenberater oder Kleinstadtbürgermeister durch). Problem: Es liegt ein bisschen wenig Spannung auf diesem Interview. Mit diesem Hofreiter kann man reden, aber muss man es auch? Immerhin, im Oktober 2013, nach der letzten, für die Grünen halb verloren gegangenen Bundestagswahl (8,4 Prozent), wurde er neben Katrin Göring-Eckardt zum Fraktionsvorsitzenden der Grünen gewählt. Man kennt ihn kaum, die ehemaligen Grünen-Fraktionsvorsitzenden Fischer und Trittin kannte man besser. Diese 99 Fragen müssen also eine Basisarbeit verrichten: Wir wollen diesen für Deutschland ganz und gar nicht unwichtigen Politiker kennenlernen. Alkoholfreies Bier, Wasser. Er schnauft ein bisschen, in der Galerie ist es warm. Kann er etwas mit den 99 Fragen anfangen? Spielt er mit, wenn man ihn zu einem Spiel einlädt? Hat er, hoppla, sogar Humor? Die Frage lautet: Ist das ungerecht, wenn wir uns für den Grünen-Vorsitzenden Anton Hofreiter bisher nicht besonders interessiert haben?

1 Toni oder Anton?

Außerhalb Bayerns Anton.

2 Realo oder Fundi?

Links.

3 Fleisch oder Gemüse?

Schweinebraten.

4 Heavy Metal oder Volksmusik?

Heavy Metal.

Sein bayerischer Bariton. Das klingt einfach gut, wenn ein Bayer redet. Das Publikum spendet Zwischenapplaus.

5 Ist das ganz klar eine 1988er-Soft-Metal-Mähne, die Sie da tragen?

1988 war ich 18. Wer sich an sein 18. Lebensjahr erinnert, hat was falsch gemacht.

6 Wie nennen Sie Ihre Sorte Bart?

Mein Bart? Das ist halt ein Bart.

7 Einverstanden, dass Sie mit Ihrem Bart und Ihren Haaren bisschen auf Karlsruhe 1980 machen?

Karlsruhe 1980 – richtig, da war die Gründungsversammlung der Grünen. Nein, mache ich nicht. Ich habe das einfach so, weil’s mir gefällt.

8 Lassen Sie das Bayerisch extra bissl raushängen?

Wenn ich so reden würde, wie ich in manchen Regionen in Bayern rede, dann würden Sie mich nicht verstehen.

9 Weshalb sind Sie noch nicht verheiratet?

Weil der Staat in meinen privaten Beziehungen nichts verloren hat.

10 Wovon handelt Ihr letzter Aufsatz in einer biologischen Fachzeitschrift?

Von Artenvielfalt im Andenraum, insbesonders von den Pflanzen in den Bergregenwäldern, ab 5.000 Meter Höhe.

Räuspern. Pause. Kann man ihm jetzt schon ansehen, dass er eigentlich keinen Bock hat? Die nächsten sechs Fragen sollen die Silhouette seiner Persönlichkeit an die Wand schießen. Biografiefragen an Anton Hofreiter.

11 Sauerlach, my love?

Ja, da bin ich aufgewachsen.

12 Ihre erste Demonstration?

Mit 16, 17 in Wackersdorf, gegen die Wiederaufbereitungsanlage. Das war zu Zeiten von Franz Josef Strauß.

13 Wie lautete der Spitzname in der Schule?

Ich glaube: langhaariger Bombenleger.

14 War es eine Kifferjugend?

Es war eine politische Jugend im Widerstand gegen die Atomkraft und gegen die Umtriebe der CSU in Bayern.

15 Seid ihr Biologie-Studenten im Kern alle Freaks?

Biologen sind Naturwissenschaftler, und da sie sich mit der Welt des Lebendigen beschäftigen, sind sie viel, viel spannender als Chemiker oder Physiker.

16 Ist Ihre Dissertation wasserdicht?

Da die letzte größere Arbeit über das Zeug, was ich da gemacht habe, von 1880 stammt, hoffe ich mal schwer.

17 Können Sie etwas Unlangweiliges über Ihr Promotionsthema, das Inka-Liliengewächs, sagen?

Es ist eine der vielfältigsten Pflanzengruppen. Wir unterscheiden Insekten-Bestäubte, Kolibri-Bestäubte, Fledermaus-Bestäubte. Das Spannendste: Das Inka-Liliengewächs stammt von einer Gruppe ab, die aus der Antarktis ausgewandert ist, bevor die Antarktis vereist ist.

18 Im Rückblick, kam der 8. Oktober 2013, Ihre Wahl zum Fraktionsvorsitzenden, zehn Jahre zu früh?

Nein. Wie hätte sie zu früh kommen können? Am 22. September war die Bundestagswahl.

Der Politiker blickt ins Publikum und sucht den Schulterschluss: Ist das echt eine ZEIT-Veranstaltung? Sind das nicht blöde Fragen, die ich hier beantworten muss? Jetzt erfahren wir, ob Hofreiter zum Spielen aufgelegt ist.

Anton Hofreiter, 44, trat bereits als Schüler in München bei den Grünen ein. 1991 begann er ein Biologie-Studium, das er mit Diplom abschloss. Im Mai wurde bekannt, dass er für seine Wohnung in Berlin neun Jahre lang keine Zweitsitzsteuern bezahlt hat. © Heji Shin

19 Sind Sie als Grüner nicht ein bisschen jung?

Als Grüner bisschen jung?

Wieder der Hilfe suchende Blick ins Publikum.

20 Was ist das Grüne an Ihnen?

Meine politische Einstellung.

21 Wie sieht Ihr Wohlfühl-Pulli aus?

Ich trag nur Hemden.

22 Welches ökologisch korrekte Deo benutzen Sie?

Ich habe empfindliche Haut, ich benutze Eucerin.

23 Erzählen Sie, ja schwärmen Sie mal von der schönsten Bergtour, die Sie je gemacht haben.

Meine schönste Bergtour war in der Cordillera Blanca, einem Hochgebirge in Peru. Da können Sie klasse wandern. Wenn Sie mal richtig knallige Farben sehen wollen, dann gehen Sie in die Tropen.

24 Wie sieht ein ökologisch korrektes Frühstück aus?

Sie kaufen halt Bio-Lebensmittel ein.

25 Und was ist ein ökologisch korrektes Paar Schuhe?

Da weiß ich nicht, was das ist.

26 Gibt es so etwas wie einen Song der Grünen?

Nein.

27 Wo liegt der Bio-Supermarkt Ihres Vertrauens?

In der Friedrichstraße.

28 Unter uns, geht Ihnen das Kürzel "bio" auch manchmal auf die Nerven?

Ich benutze es kaum. Wenn ich im Bioladen einkaufe, muss ich "bio" ja nicht immer dazusagen.

29 Empfinden Sie das Kürzel Öko als Beleidigung?

Nö. Gibt schlimmere Ausdrücke.

30 Bei welchem Spontispruch von 1979 wird Ihnen ganz warm ums Herz?

Wer nicht genießt, wird ungenießbar.

31 Was ist das, Bionade-Biedermeier?

Das ist eine Vorstellung von Leuten, die glauben, dass Gutmenschentum etwas prinzipiell Schlechtes ist. Und die sich nicht bewusst machen, dass das Gegenteil vom Gutmenschen der Schlechtmensch ist.

32 Seid ihr Grünen alles gefährliche Spinner?

Alle nicht.

33 Seid ihr Grünen die neuen Superspießer?

Das schließt sich gegenseitig aus.

34 Geht’s spießiger als Winfried Kretschmann?

Ja. Schauen Sie mal in die CDU und SPD. Die schaffen das mühelos.

35 Heißt eure Parteivorsitzende Simone Peter oder Simone Peters?

Die ist mies machohaft, Ihre Frage.

36 Vermissen Sie den alten Fischer?

Keine Ahnung, ich kenne den nicht so gut. Es tut mir leid, ich bin zu jung, wie Sie ja schon festgestellt haben.

37 Geht Ihnen die Christlichkeit von Katrin Göring-Eckardt manchmal auch auf die Nerven?

Er zögert. Guckt ins Publikum. Und den Interviewer an. Er lacht! Das verspätete Lachen des Anton Hofreiter.

Ich bin Naturwissenschaftler.

Gelächter im Publikum. Applaus.

38 Was ist schlimmer, von Claudia Roth kritisiert oder von ihr gemocht zu werden?

Claudia Roth ist unsere Geheimwaffe, um spießige, brave, ältere, konservative Herren umzudrehen.

39 Richtig, dass Sie als Grüner ganz bei sich sind, wenn Sie im Restaurant Sale e Tabacchi auf der Berliner Rudi-Dutschke-Straße ein Stück Biofleisch für 38 Euro bestellen?

Da haben Sie sich aber eine schöne Frage zusammengebastelt. Wovon sprechen Sie?

Zwischenstand: Er ist ganz wunderbar genervt. Es ist jetzt auch klar, dass die ironische, leichte und verspielte Tour nicht seine ist. Stattdessen setzt Hofreiter auf die bayerische Grantler-Karte: Nerven Sie mich nicht, sonst nerve ich Sie zurück! Das kann charmant sein, wenn der Bayer Hofreiter schlechte Laune hat – es muss bloß bitte richtig schlechte Laune sein, damit es knallt. Wir öffnen das Gespräch für die politischen, die grünen Inhalte.

40 Emissionshandel, Energiewende: Warum habt ihr Grünen eigentlich immer so superabstrakte Themen?

Irgendwer muss den Scheißjob ja machen.

41 Müssen wir jetzt über die Autobahnmaut-Firma Toll Collect reden?

Müssen wir von mir aus nicht.

42 Müssen wir jetzt noch mal über Gorleben reden?

Gorleben ist erledigt.

43 Warum steigt der Preis für den Energie-Endverbraucher, wenn er an der Leipziger Energiebörse fällt?

Weil sich einige Konzerne die Taschen vollstopfen. Wir haben zu wenig Wettbewerb am Strommarkt.

44 Wie lautet Ihr Angebot an die Bauern in Bayern?

Mit uns gehen sie nicht pleite, während der Bauernverband sagt, sie sollen eh pleitegehen.

45 Brasilien, Russland, Katar: Welche WM ist für euch Grüne der größte Albtraum?

Mit dem Blick von heute ist Katar der größte Albtraum. Es ist eine richtige Schweinerei, was da gelaufen ist.

46 Wie kriegt ihr Edward Snowden jetzt doch noch nach Deutschland?

Hoffentlich mithilfe des Bundesverfassungsgerichts.

47 Ist das in Ordnung, dass der neue ukrainische Präsident Poroschenko jetzt den Frieden herbeibombt?

Immerhin hat da eine Wahl stattgefunden. Das ist so grausig, was da passiert, das kann ich ganz schlecht in wenigen Sätzen beschreiben.

48 Ich nenne Ihnen Hofreiter-Sätze, Sie erklären kurz, was sie bedeuten sollen: "Steuerhinterziehung ist kein Kavaliersdelikt und gehört streng bestraft."

Stimmt.

Lustiger Moment. Er hatte doch kürzlich seinen kleinen Skandal, weil er für eine Zweitwohnung in Berlin keine Steuern gezahlt hat. Kleiner Applaus.

49 "Benzin ist immer noch zu billig."

Der Satz war darauf bezogen, dass die Autoindustrie immer noch nicht kapiert hat, dass es mal an der Zeit wäre, spritsparende Autos zu produzieren.

50 "Die Grünen müssen ihr Image einer Verbotspartei abschütteln."

Eben, es ist ein reines dummes Image, weil keine Partei für die Befreiung von Homosexuellen, von Frauen, von Minderheiten so viel geleistet hat wie wir.

51 "Die Festlegung der Grünen auf die SPD als einzigen politischen Partner muss ein Ende haben."

Warum sollen wir nicht dürfen, was die SPD darf, wenn es für eine progressive Regierungsmehrheit nicht reicht?

52 "Wie sich jeder ernährt, ist seine Sache."

Richtig, aber es ist für die Gesellschaft nicht unbedeutend, wie das Ganze produziert wird. Und da möchte ich jetzt mal länger als drei Sekunden antworten.

Im Körper des Politikers ballt sich eine Energie zusammen, die rauswill. Den jetzt besser: reden lassen.

Die Futtermittel für unsere Massentierhaltung werden in Südamerika produziert. Und das läuft so: Das Land gehört Kleinbauern. Da kommt eine große Firma, die kauft das Land vom Staat, die kommt zu den kleinen Bauern und sagt: Das ist unser Land, ihr müsst gehen. Die Leute antworten: Wir leben hier seit Jahrhunderten, wir können nicht gehen. Die Firma sagt: Wenn ihr nicht geht, werdet ihr sehen. Wenn die Bauern dann nicht freiwillig gehen, kommt die Todesschwadron. Die bringt fast alle Kleinbauern, Bürgermeister, Gewerkschafter um. Dann kommt ein Flugzeug, das ein Totalherbizit verspritzt. Das tötet alles pflanzliche Leben ab. Für die Bauern, die noch übrig sind, kommt dann noch eine Schwadron, vergewaltigt die Frauen, tötet die Kinder. In der Regel gehen die Leute dann. Dann kommen Schubraupen, schieben alles über den Haufen, planieren das Land, dann wird gentechnisch verändertes Soja auf quadratkilometergroßen Flächen angebaut. Und so entstehen die Futtermittel für unsere Massentierhaltung. Wer das mit eigenen Augen gesehen, wer mit den Bauern gesprochen hat, dem vergeht der Spaß bei unserem Gescherze über manche Dinge.

Starker, demonstrativ lauter Applaus. Das Publikum möchte dem Politiker anzeigen, dass es Ernsthaftigkeit, Leidenschaftlichkeit und Pathos schätzt. Das war ja auch ein charaktervoller Vortrag. Diesen Moment hat der Politiker den 99 Fragen abgetrotzt. Respekt. Wir schießen als Anschluss gleich eine komplett asoziale Frage ab.

53 Sind Sie der klassische Übergangsvorsitzende?

Nein.

54 Ist das okay, wenn zwei Drittel der Bundesbürger den Namen Hofreiter noch nie gehört haben?

Das ist unvermeidlich. Wenn man neu ist, ist man neu.

55 War Ihr kleiner Steuerskandal letztlich gut für Ihre Popularität?

Das glaube ich nicht.

Wunderbar. Jetzt sind wir – wegen seines Anfalls – gleich auf einem anderen Energielevel.

56 Ist Opposition Mist?

Nein, denn diese Regierung braucht Kontrolle.

57 Ist Meckern uncool?

Meckern ist langweilig. Aber Kontrolle ist wichtig.

58 Was ist das, eine konstruktive Opposition?

Eine Opposition, die nicht prinzipiell, ganz gleich, was die Regierung macht, sagt, dass es falsch ist. Sondern nur dann, wenn es auch wirklich falsch ist.

59 Ist das das Fatale, dass Opponieren in unserer auf Positivismus und Konstruktivität getrimmten Gesellschaft irgendwie als unmodern und uncool gilt?

Die Opposition ist nicht uncool.

60 Sachsen, Thüringen, Brandenburg: Wollen Sie da in allen drei Ländern mit der CDU zusammengehen?

Das entscheiden wir nach der Wahl.

Vereinzelte Lacher im Publikum. Da lacht, besonders laut, der Chefreporter der "taz", Peter Unfried.

Ja, es entscheiden erst mal die Wähler. Nicht so dreckig lachen, Herr Unfried.

Herrlich, jetzt scheißt er das Publikum an. Ein Punkt für Hofreiter: Die Leute haben genug von Blabla-Politikern.

61 Bla-Thema Freiheit?

Was? Wenn die Freiheit weg ist, dann würden wir hier nicht entspannt plaudern und ratschen.

62 Bla-Thema "Digitale Welten"?

Wieso?

63 Sie reden ja komischerweise immer von Freiheit. Was, um Himmels willen, ist grüne Freiheit?

Grüne Freiheit setzt nicht auf das Recht des Stärkeren. Die Reduzierung des Freiheitsbegriffs auf das Recht des körperlich oder im Fall der FDP des ökonomisch Stärkeren ist ein armseliger und verkürzter Freiheitsbegriff.

64 Anti-Atom-Bewegung, Friedensbewegung, Frauenbewegung, Umweltschutz – ist irgendeins der urgrünen Themen noch hot?

Na ja, wenn Sie sich anschauen, wie gewaltsam internationale Beziehungen sind, wie ungerecht es international zugeht, ist eine internationalistische Politik weiterhin extrem bedeutend. Wenn Sie betrachten, mit welcher Geschwindigkeit die Klimakatastrophe voranschreitet, ist eine stringente Umweltpolitik dringend notwendig. Und wenn Sie mal ehrlich mit Frauen reden, dann stellen Sie fest, wie dick die gläsernen Decken immer noch sind.

65 Nach dem Atomausstieg, wie lautet das neue emotionale Thema?

Da gibt’s viele Kandidaten. Von anständiger Ernährung über Massentierhaltung bis zur Verhinderung der Klimakatastrophe: raus aus der Braunkohle.

66 War das Waldsterben der größte grüne Flop?

Nein, das war ein klassischer Erfolg der Umweltbewegung. Das Waldsterben ist deshalb nicht gekommen, weil die Hauptursachen des Waldsterbens – der NO₂-Ausstoß und der SO₂-Ausstoß, also der Stickoxid- und der Schwefeldioxid-Ausstoß – weitgehend beseitigt worden sind. Klassisch Naturwissenschaft: Nachdem die Ursache verschwunden ist, ist auch die Folge verschwunden.

67 Stimmt die Geschichte, dass Sie wegen des Veggie-Days aus der Partei austreten wollten?

Nee, stimmt nicht. Richtig ist, dass der Veggie-Day mir auf die Nerven gegangen ist. Wem auch nicht.

68 Blicken Sie wehmütig auf die Zeiten, als die Grünen noch ein bisschen mehr Rock ’n’ Roll waren?

Mehr Rock ’n’ Roll als jetzt?

69 Seid ihr die Partei für die Besserverdienenden?

Sind wir nicht. In Bremerhaven sind wir zum Beispiel eine der stärksten Parteien geworden, weil sich die Menschen dort erhofft haben, dass wir ihnen mit klugen Innovationen helfen, aus der Arbeitslosigkeit rauszukommen.

70 Seid ihr die Partei für die Bessergebildeten?

Da muss man vorsichtig sein. Ich war an der Uni, und ich habe auch wirklich doofe Professoren erlebt.

71 Gutes Essen, ist das das letzte politische Thema, das euch Grüne wirklich packt?

Gutes Essen tut Menschen einfach gut.

72 Haben die Grünen sich historisch erledigt?

Es ist im Moment so, dass die globalen Umweltprobleme so heftig sind, dass es zu Ökosystembrüchen kommen kann. Wenn wir in einigen Bereichen nicht gegensteuern. Deshalb ist leider das massive Gegenteil der Fall.

Zwei Drittel des Interviews sind vorbei. Der Politiker guckt irritiert: Was, echt? Ja klar. Was denkt er denn? So viel gibt es mit einem Grünen-Vorsitzenden nun auch wieder nicht zu besprechen.

73 Können Sie jetzt mal etwas Radikales sagen? Also einen Satz sagen, der morgen in der Zeitung steht?

Er nimmt sich einen Moment. Schaut auf das alkoholfreie Bier des Interviewers. Gekonnt angewidert.

Wenn ich mir Ihr alkoholfreies Bier anschaue, dann würde ich so etwas einfach verbieten.

Applaus. Einer im Publikum notiert mit. Ist das schon wieder der "taz"-Reporter, der an einer Meldung bastelt?

74 Können Sie jetzt mal etwas nur für Ihre weiblichen Fans sagen?

Meine Freundin ist mit der klügste Mensch in diesem Universum. Und deshalb sehe ich das ganz, ganz entspannt.

75 Ist der Gregor Gysi einfach der bessere Redner?

Es kommt nicht nur drauf an, wie man etwas sagt, sondern ab und zu auch darauf, was man sagt.

76 Fehlt Ihnen so ein Hit-Thema, wie es der Jürgen Trittin mit seinem Dosenpfand hatte?

Das Publikum lacht. Er lacht nicht. Und dann legt er noch mal die Alkoholfreies-Bier-Karte.

Wenn ich mir Ihr Bier anschaue, dann stimmt das.

77 Wann holt der Toni mal den Hammer raus?

Gestern zum Beispiel: Da haben zwei Abgeordnete der Linkspartei so getan, als wenn wir den Faschismus verharmlosen würden. Das ist einfach widerwärtig.

78 Gilt die alte Merkel-Regel, dass man in der Politik nur dann erfolgreich sein kann, wenn man den Leuten nicht mit Politik kommt?

Das ist eine Methode, die schon öfter funktioniert hat. Allerdings nur für die Regierung, nicht fürs Land.

79 Ihr Gruß an Barack Obama?

Trau dich mal, den Republikanern die Harke zu zeigen.

80 Ihr Gruß an Fidel Castro?

Keine Antwort. Er sucht Zuspruch im Publikum.

81 Auf welchen Grünen unter 30 machen Sie aufmerksam?

Auf Agnieszka Brugger. Sollten Sie kennen. Ist die beste Verteidigungspolitikerin im Deutschen Bundestag.

82 Wie lautet Ihr Nachruf auf die armen Piraten?

Es langt halt nicht, nur über Methoden zu reden. Man braucht auch Inhalte.

83 Die Welt retten, geht das überhaupt?

Die Welt braucht keine Rettung. Die Welt kommt wunderbar mit sich selbst klar. Wenn etwas eine Rettung braucht, dann unsere Lebensgrundlagen und die Zivilisation. Um die Welt mache ich mir echt gar keine Sorgen.

Dass die Welt keine Rettung braucht, ist irgendwie beruhigend – noch ein Punkt für Anton Hofreiter.

84 Der beliebte Talenttest. Ich nenne Ihnen Begriffe, Sie schätzen Ihr Talent von null Punkten, keinerlei Talent, bis zehn Punkte, hohes Talent, ein. Sturkopf.

Acht Punkte.

85 Katholik.

Als Atheist habe ich neun.

86 Kiffer.

Vier.

87 Müslifresser.

Null.

88 Metal-Monster.

Zu alt inzwischen.

89 Rauscheengel.

Das Talent meines Schauspieler-Doubles: neun.

90 Pazifist.

Vier.

91 Bundesaußenminister.

Wer will das nach Westerwelle noch werden?

99 Fragen an Anton Hofreiter: In zweieinhalb Antworten hat er wirklich etwas gesagt (wir rekapitulieren: Die Ehe lehnt Anton Hofreiter ab, alkoholfreies Bier gehört verboten, die Grünen haben sich historisch nicht erledigt). Das ist eine gute Bilanz. Vielleicht kann ein Politiker einfach nicht mehr sagen. Es sind schon "Spiegel"-Gespräche mit Anton Hofreiter erschienen, in denen gar nichts stand.

92 Porsche-Fan Hofreiter?

Die modernen Porsche sind doch alle eher hässlich.

93 Was passiert mit Ihnen, wenn Sie fünf große Flaschen Bier austrinken?

Das kommt ganz aufs Training an.

94 Bei welcher Heavy-Metal-Hymne aus den Achtzigern ist es für Sie schwer, die Fassung zu bewahren?

Eher bei Guns N’ Roses als bei Slayer.

95 Ihre Entschuldigung an den Uli Hoeneß?

Da gibt’s keine.

96 Bei welchem Polizisten müssen Sie sich noch entschuldigen?

Meine Zeiten waren ja anders als bei Joschka Fischer. Mit Polizisten hatte ich wenn, dann in Südamerika Ärger. Und bei denen muss ich mich nicht entschuldigen.

97 War Jesus Christus ein Grüner?

Keine Ahnung.

98 Trinken wir jetzt ein Bier?

Sie trinken Ihr Alkoholfreies, ich einen kühlen Weißwein.

99 Ihr Ernst, dass Sie sich den Golf Ihres Vaters borgen, wenn Sie mal ein Auto brauchen?

Ich besitze halt einfach kein eigenes Auto.

Kommentare

1 Leserempfehlung Kommentieren