Harald Martenstein Über ein neues Wundermittel und unverträgliche Speisen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 27/2014

Ich glaube, ich schreibe jetzt öfter mal Gesundheitskolumnen. Ich bin alt, der alte weiße Mann. Gesundheit ist mein Thema. Diese Kolumne nenne ich, in Anlehnung an einen aktuellen Bestseller, Darm mit Charme.

In einem Berliner Krankenhaus kann man sich die Fäkalien von anderen Leuten in den eigenen Darm transplantieren lassen. Es hilft gegen Durchfall. Erfolgsquote: 90 Prozent. Die Patienten stehen angeblich Schlange. Durchfall ist ja auch sehr unangenehm.

Die Fäkalie wird püriert, mit Wasser cremig verdünnt und dann mit einem Schlauch entweder durch die Nase oder durch den Darm eingefüllt, ich glaube, ich würde mich gegen die Nase entscheiden. In den USA ist man schon weiter und hat die Fäkalie offiziell als "Arzneimittel" eingestuft. Es laufen Versuche, ob es auch gegen Parkinson hilft.

Weil das neue Wundermittel noch nicht überall erhältlich ist, therapieren viele Leute sich selbst. Sie bitten Freunde oder Verwandte um eine Fäkalie, tun diese in den Mixer, und los geht’s. Auf YouTube führen Menschen vor, wie man es macht. Am besten finde ich den Fäkaltransplantationsfilm mit Michael Hurst. 203 Personen mögen das. Die Spenderperson soll vorher Reis, Linsen und Nüsse essen. Ich würde es tun, aber wirklich nur für Freunde, bitte keine Leseranfragen.

Ich esse alles außer Insekten. Meine Oma hat gern Innereien gekocht, besonders gern Hirn. Außerdem gab es manchmal Schweineschnäuzchen. Die sind extrem lecker. Für mich bedeutete als junger Mensch ein paniertes Kalbshirn ungefähr das, was für heutige junge Menschen ein decaffeinierter Latte macchiato mit Sojamilch ist oder für Michael Hurst eine Fäkaltransplantation. Der Mensch ist ein facettenreiches Wesen.

Jetzt habe ich eine Umfrage gelesen. 23 Prozent der Deutschen verzichten auf mindestens ein Nahrungsmittel, weil sie angeblich eine Allergie haben und es ihnen nicht bekommt. Es handelt sich also nicht um eine Entscheidung aus politischen, ethischen oder geschmacklichen Gründen, nein, sie vertragen es nicht. 16 Prozent meiden Laktose, also Milchprodukte. 11 Prozent verzichten auf Histamin, welches sich unter anderem in Rotwein findet. Für 10 Prozent ist Fruchtzucker ein Krankmacher. 9 Prozent meiden das Klebe-Eiweiß Gluten, nicht zu verwechseln mit dem chinesischen Nationalgericht Glutamat.

Bei medizinischen Verträglichkeitstests kommt allerdings etwas völliges anderes heraus. Am ehesten stimmen die Zahlen bei der Laktose überein, tatsächlich vertragen 15 Prozent der deutschen Bevölkerung keine Milch. Allergische Symptome nach dem Verzehr von Fruchtzucker zeigen sich aber nur bei 5 Prozent. Gluten und Histamin verträgt fast jeder, tatsächlich allergisch dagegen sind nur etwa ein Prozent. Wie in der Umfrage herauskam, haben sich 80 Prozent der Allergiker ihre Allergie selbst diagnostiziert. Man könnte von einer Massenhysterie sprechen. Man könnte, aber ich tue es nicht, weil ich sensibel bin, ich bin der sensible alte weiße Mann. Das Wort "Hysterie", laut Lexikon ein "körperliches Beschwerdebild ohne organische Grundlage", gilt als sexistisch, im 19. Jahrhundert hielten die Ärzte Hysterie für eine Frauenkrankheit. Heute heißt es "Konversionsstörung". Ich spreche von einer Massenkonversionsstörung. Die Leute haben echte Beschwerden. Wenn ein brutaler Mensch sie zwingt, Roquefortkäse zu essen, mit den Worten "Hab dich nicht so, es ist nur ein Problem in deinem Kopf", dann werden sie echt krank. Probleme im Kopf sind echte Probleme. Das Gleiche gilt für Probleme im Darm.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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