© Jens Kalaene/dpa

Das war meine Rettung "Ich habe im Grunde zwei Mütter"

Hatice Akyün fühlte sich als junge Deutschtürkin zerrissen zwischen zwei Welten. Bis eine Lehrerin ihr Vorbild wurde. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 27/2014

ZEITmagazin: Frau Akyün, als Kind erscheint einem die familiäre Welt, in der man aufwächst, als die normale. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie eigentlich in zwei Welten aufwachsen?

Hatice Akyün: Ganz früh. Ich war drei Jahre alt, als ich nach Deutschland kam, und ich bewegte mich schon vor meiner Einschulung wie selbstverständlich in diesen beiden Welten. Sie waren für mich ganz klar voneinander abgegrenzt: Zu Hause wurde ausschließlich Türkisch gesprochen, da war meine Mutter streng. Wir wohnten in Duisburg in einer Zechensiedlung, und unser Haus sah drinnen ganz anders aus als das der Nachbarn. Auf der Straße sprach ich mit meinen Schwestern und Freundinnen Deutsch. Schwierig war es nur, wenn sich die beiden Welten vermischten, wenn zum Beispiel meine Freundinnen zu uns nach Hause kamen. Das für sie fremde Essen, die Wandteppiche, ich musste ihnen das erst erklären. Ich wollte ja auf keinen Fall anders sein als sie.

ZEITmagazin: Hatten Ihre Eltern Schwierigkeiten, mit der Realität in Deutschland zurechtzukommen?

Akyün: Mein Vater erzog uns einerseits so, wie er es aus seinem Dorf kannte. Andererseits wusste er auch, dass er jetzt in Deutschland ist und das nicht so durchziehen kann. Seine Unsicherheit war da sehr groß. Die Leistung der ersten Gastarbeiter ist viel größer als die meiner Generation: Sie sind als Erwachsene hierhergekommen und hatten ja gar nicht vor, lange zu bleiben. Wir dagegen sind ganz selbstverständlich hier aufgewachsen. Meine Eltern haben sich emanzipiert, ohne dass ihnen deutsche Lehrer dabei geholfen haben. Ich hatte meine Lehrerin Frau Kruse, die mir gesagt hat: Hatice, du kannst auch studieren!

ZEITmagazin: Wie haben Sie Frau Kruse kennen gelernt?

Akyün: Da war ich zehn und auf der Hauptschule. Rettung ist ein großes Wort, aber meine Rettung war Frau Kruse. Sie hat mir als unverheiratete Achtundsechziger-Feministin allein durch ihren Lebensstil gezeigt, dass es noch einen anderen Weg gibt als den türkischen. Um mich herum waren ja nur Frauen, die verheiratet waren – oder Mädchen, die darauf warteten, geheiratet zu werden. Und dann kommt Brigitte Kruse, Ende 20, nicht verheiratet, parkt jeden Morgen ihr rotes Auto vor der Schule, und die kleine Hatice denkt: Toll, was muss die für ein schönes Leben haben! Kommt nachmittags nach Hause, und da ist keiner, der ihr Vorschriften macht.

ZEITmagazin: Sie war Ihr Vorbild?

Akyün: Ich habe im Grunde zwei Mütter. Meine Mutter ist meine Bauchmutter, sie hat mir das Frauliche mitgegeben, das Familiäre. Und Brigitte ist meine Herzensmutter. Ohne sie hätte ich damals gar nicht begriffen, dass man als Frau selbstständig leben kann. Als ich mit 18 von zu Hause auszog, war sie für mich da, und sie ist es heute noch. Erst vergangene Woche haben wir uns mal wieder getroffen. Sie ist jetzt 70, und die Rollen von früher kehren sich langsam um. Jetzt bin ich für sie da.

ZEITmagazin: Für Minderheiten ist es sicher besonders schwierig, überhaupt Vorbilder zu finden.

Akyün: Ich war in meiner Familie immer die Erste. Die Erste, die eine Ausbildung gemacht hat, die ausgezogen ist, die Abitur gemacht und studiert hat. Es war ein harter Kampf. Ich musste meinen Vater von jedem Schritt überzeugen. Er misstraute mir nicht, aber er hatte immer Angst, dass mir etwas passieren könnte und er mich nicht beschützen kann. Und dass da dann auch kein Ehemann ist, der auf mich acht gibt. Aber Sie müssten ihn heute hören, wenn er über Männer spricht! Heute sagt er: Meine Töchter sind so stark, die brauchen keine Männer! Und zu meinen Nichten, allesamt im Teenageralter, sagt er: Heiratet bloß nicht! Er hat eine große Wandlung mitgemacht, das darf man nicht unterschätzen.

ZEITmagazin: Wurde es bei Ihrem Kampf mit ihm manchmal laut?

Akyün: Nein, mein Vater ist kein jähzorniger Mensch. Er quälte mich eher durch eine stille Enttäuschung in seinen Augen. Als ich meinen Eltern stolz verkündete, dass ich jetzt mein eigenes Geld verdiente und eine Wohnung gefunden hatte, sagte mein Vater: "Aber du musst doch nicht ausziehen! Wir richten dir den Dachboden her!" Für ihn war das, als ob ich meine Familie abweisen würde. Meine Mutter hat mir später erzählt, dass er nach meinem Auszug wochenlang in meinem Bett geschlafen hat, weil er es nicht ertragen konnte, dass ich nicht mehr da bin. Jahrzehntelang hat er nicht begreifen können, dass ich das nicht gegen ihn, sondern für mich gemacht habe.

ZEITmagazin: Versteht er es heute?

Akyün: Ja. Viel später hat er mir gesagt: Ich habe als junger Mann mein Dorf verlassen und anfangs auch meine Familie, um nach Deutschland zu gehen. Ich habe den für mich vorgezeichneten Weg verlassen. Genau wie du. Wir sind uns eigentlich sehr ähnlich.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl und dem Psychologen Louis Lewitan zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren

ein schöner weg.
danke für dieses interview.
schade, dass manche kulturen für dies leben in zwei welten größere herausforderungen bereitstellen. ich kenne viele, die ganz selbstverständlich zwischen zwei welten hin und her pendelten und dies nicht als konflikt sahen.
aber wie das interview zeigt, kann man wohl langfristig auch sehr viel daraus lernen und sich weiternetwickeln. ;-)