Stilkolumne Ganz schön Schal

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 27/2014

Der Mann und der Schal waren einmal ein klar definiertes Paar. Sie führten eine enge Beziehung, die allerdings nie etwas mit Mode zu tun hatte, sondern eher mit dem Gegenteil. Es gibt den kranken Mann, der einen Schal trägt, damit er ihm den Hals wärmt. Wie dieser Schal aussieht, ist dabei egal. Man fragt ja auch bei der Wärmflasche nicht nach der Farbe. Der Schal muss nur gesund machen. Es gibt auch den leidenschaftlichen Mann, der den Fan-Schal trägt. Das ist ein Gewirk aus billigem Garn mit dem Namen einer Eishockey- oder Fußballmannschaft. Dabei ist es schon nicht mehr ganz so egal, wie der Schal aussieht, denn er soll möglichst auffällig und hässlich sein. Der Mann mit Fan-Schal löst sich von der gesellschaftlichen Mitte. Er macht sich zum Teil einer Gemeinschaft, in der er vom normalen Habitus befreit und auf Grölen, Poltern und Brüllen beschränkt ist. Das würde nicht funktionieren, wäre nicht für alle ersichtlich: Aha, ein Fan.

Ein dritter Schalträger-Typ ist der eitle Mann. Er trägt einen Signature-Schal, den er als sein Markenzeichen bezeichnet. Was bedeutet, dass man ihn nie ohne diesen Schal antrifft. In der sympathischen Variante ist Franz Müntefering so ein Schalträger, in der unsympathischen war es Jörg Haider.

Nun stehen die Zeichen günstig, dass der Mann den Schal neu entdeckt – nämlich als Kleidungsstück. Denn die Schals, die jetzt angeboten werden, sind anmutiger denn je. Es gibt sie etwa mit großen Paisleydrucken bei Etro und mit blau-weißem Patchworkmuster bei Louis Vuitton. Sie verwandeln sich in breite Tücher – so viel Stoff hält man da plötzlich in der Hand, dass man sich bei den Frauen abgucken muss, wie man so etwas trägt. Nämlich als Universal-Kleidungsstück. Als wärmenden Umhang am Abend, luftige Strandbekleidung oder sogar als Kopfbedeckung.

Wie gut man damit aussehen kann, lässt sich dem Modedesigner Haider Ackermann abschauen. Der kleidet sich gewissermaßen ausschließlich in Schals. Er erinnert darin an einen Nomaden. An jemanden, der immer auf dem Weg ist, der sich tags in sein Tuch wickelt und nachts damit zudeckt. So unabhängig möchte man gerne sein. Wickelt man sich allerdings einen dieser Maxi-Schals um den Hals, sieht man damit aus wie ein furchtbar kranker Mann.

Foto: Maxi-Schal von Etro, 225 Euro

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