Ich habe einen Traum Sam Smith

"Unsere Eltern eröffneten uns, dass sie sich scheiden lassen würden"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 27/2014

Zurzeit gibt es oft Momente, in denen ich eine bestimmte Art von Glück verspüre. Besonders wenn ich im Rampenlicht stehe und meine Lieder singe. Ich blicke dann ins Publikum und bin total euphorisch. Schlimm wird es nur, wenn ich die Bühne wieder verlasse. Ich fühle mich dann regelrecht einsam, einfach schrecklich.

Besonders glücklich bin ich, wenn ich von meiner Familie umgeben bin. So wie vor vier Jahren, ich war damals 18. Meine Eltern wollten in den Ferien mit meiner Schwester und mir nach New York fliegen. New York: die Stadt der Träume! Gerade für einen Jungen wie mich, der auf dem Land aufgewachsen ist. Ich war voller Vorfreude. Aber dann kam es anders, als ich es mir vorgestellt hatte.

Am Tag unserer Ankunft entdeckte meine Schwester per Zufall eine Handynachricht unseres Vaters an unsere Mutter. Die SMS ließ darauf schließen, dass sie sich trennen wollten. Wir sprachen sie natürlich gleich darauf an – und tatsächlich: Unsere Eltern eröffneten uns, dass sie sich scheiden lassen würden. Sie sagten, sie seien ohne den anderen glücklicher. Irritierenderweise stimmte uns die Nachricht nicht traurig, ganz im Gegenteil. Ich hatte schon immer ein sehr enges Verhältnis zu meinen Eltern, deshalb glaubte ich ihnen. Mir war sofort klar: Wenn es wirklich das ist, was sie glücklich macht, muss ich es akzeptieren. Nur dann kann auch ich glücklich sein.

Nach dieser Beichte unserer Eltern verbrachten wir den schönsten Urlaub, den man sich vorstellen kann. Was blieb uns auch anderes übrig? Wir mussten uns ja mit der Situation arrangieren, schließlich wohnten wir alle in einem Hotelzimmer. Deshalb gab sich jeder besonders viel Mühe. Es klingt schräg, aber wir erlebten sehr glückliche Tage miteinander. Wir hatten Spaß, lachten zusammen, unternahmen viel und gingen ausgesprochen liebevoll miteinander um. Wir machten eine Bootstour, besuchten die Freiheitsstatue und das Empire State Building – das komplette Touristenprogramm.

Die ersten Wochen nach unserer Rückkehr waren natürlich trotzdem hart. Meine Mutter zog nach London, ich blieb zunächst bei meinem Vater in Cambridgeshire. An meiner Schule standen die Abschlussprüfungen an, darauf musste ich mich konzentrieren. Als ich endlich damit fertig war, ging auch ich nach London. Schon als kleines Kind hatte ich davon geträumt, dort zu leben, die Stadt ist einfach unglaublich – die Menschen, der Alltag, das Tempo. Ich habe es sofort geliebt.

Meine Freunde zurückzulassen fiel mir nicht schwer. Natürlich habe ich sie anfangs vermisst. Aber ich wusste, dass ich umgezogen war, um das zu machen, was ich schon immer machen wollte: Musik! Ich erinnere mich noch gut an den Tag meiner Ankunft. Meine Eltern setzten mich vor der Wohnung ab. Ich kannte niemanden und wusste auch nicht, wo ich hätte hingehen sollen. Das war ein bisschen angsteinflößend. Aber ich mochte das Gefühl, von nun an unabhängig zu sein.

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