Gesellschaftskritik Über Erinnerungen

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 27/2014

"Die haben mich in ein Monster verwandelt", so Frédéric von Anhalt, 71, einst bürgerlicher Saunabetreiber, dann Adeliger durch Adoption. Der Gatte von Zsa Zsa Gabor, 97, verkündete dies nach einem misslungenen Facelifting. Seine Frau sei bei seinem Anblick fast aus dem Bett gefallen, hieß es in der Bild-Zeitung. Wir von der Gesellschaftskritik fragen uns, ob eine Frau ihres Formats ihren Ehemann tatsächlich so düpieren würde. Vielleicht, so stellen wir uns vor, war ihr Beinahe-Sturz vielmehr eine Geste der Wertschätzung:

Los Angeles, im Juni, ein Windhauch streicht durch die Vorhänge von Zsa Zsa Gabors Schlafgemach. Bilder von Budapest nach dem Ersten Weltkrieg ziehen durch ihre Träume, als mit einem Ruck die Tür geöffnet wird. Unwillig öffnet sie ein Auge. ›Wer ist dieser Mann?‹, denkt sie. ›Irgendwo habe ich den schon mal gesehen. Ist es Burhan? Oder Conrad?‹ Sie kann beim besten Willen keine Ähnlichkeit mit einem ihrer acht Ehemänner feststellen. ›Jack? Aber der ist doch schon 23 Jahre tot. Joshua sah irgendwie anders aus. Und Jack und Michael – auf deren Beerdigung war ich doch auch.‹

Der Mann nähert sich Zsa Zsas Bett – ›ein bisschen sieht er aus wie dieser Shar-Pei‹, denkt sie. ›Dieser süße Hund mit den Hängefalten im Gesicht, man konnte kaum seine Augen sehen ... ein Geschenk von Felipe, wenn ich mich recht entsinne.‹

Der Mann hat sich vor ihrem Krankenbett aufgebaut. Vielleicht ein Butler? Zsa Zsa macht es, wie sie es immer gemacht hat, seit sie ihre zahlreichen Bekanntschaften nicht mehr auseinanderhalten kann: "Darling?", säuselt sie fragend aus dem Satinkissen hervor. "Ich werde sie verklagen!", poltert der Mann. "Völlig verhunzt haben sie den schönen Frédéric!"

›Frédéric, Frédéric‹, rätselt Zsa Zsa, ›war das nicht mein Filmpartner in König der Hochstapler? Dieser Akzent kommt mir irgendwie bekannt vor ... das ist ein deutscher Akzent ... ist das etwa ...?‹ Sie öffnet ihr zweites Auge.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins © @ ZEITmagazin

›Ja, das ist doch dieser Robert Lichtenberg, der mit der Sauna‹, denkt sie. ›Aber warum sieht er plötzlich so alt aus? Er ist doch 26 Jahre jünger als ich ...‹ Dann gleitet ein seliges Lächeln über ihre Züge. "O Gott, wie süß von dir, Darling – du wolltest, dass deine Zsa Zsa neben dir nicht so alt aussieht ..." Sie quält sich aus dem Kissen hervor und will Frédéric in die Arme schließen. Der weicht entsetzt zurück, und Zsa Zsa ... stürzt beinahe aus dem Bett, aber eben nur beinahe. Vorhang!

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ZEITmagazins, das Sie am Kiosk oder online erwerben können.

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Adam of your labours - Look what they've done with my face, Ma! Die Frage, ob Victor oder Creature, scheint entschieden. Die Suche nach dem Täter hat sich auch schon erübrigt, wenn man dem Falten-Anhalter auf den Pulli guckt: Ha, The Post-Modern Prometheus wird zerfleischt vom DFB-Adler. Sind denn schon Horst-Hrubesch-Gedenkspiele?! Hrubesch?? Für Eingeweihte: Dat Kopfball-Unjeheuer.