Harald Martenstein Über Rassismusvorwürfe und das Prinzip der Ironie

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 28/2014

Der Comedian Marius Jung aus Köln ist schwarz. Seine Eltern sind weiß. Er wurde nicht adoptiert, sondern kam, wie er schreibt, als "Ergebnis eines Fehltritts" auf die Welt. Darüber, wie man als schwarzer Deutscher in Deutschland lebt, hat er ein satirisches Buch geschrieben. Er wählte den Titel: Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde.

Marius Jung schreibt in seinem Handbuch: "Natürlich ist mir die rassistische Bedeutung des Begriffes ›Neger‹ klar. Ich gehe davon aus, dass Sie mit dem Prinzip der Ironie vertraut sind." In dem Buch beschreibt er, recht lustig, einerseits den versteckten Rassismus, der ihm nicht selten begegnet, andererseits seinen Ärger über den "rührenden Kinderglauben" der "Sprachpolizei". Auf dem Titelbild, einer Montage, zeigt er sich selbst als muskelbepackten nackten Adonis mit einer großen Schleife vor dem Geschlechtsteil. Aha, er spielt also mit Klischees. Humoristen tun das recht oft. Außerdem ist es das Ziel eines Buchcovers, aufzufallen.

Ich bin fast vom Hocker gefallen, als ich las, dass Marius Jung einen Negativpreis für besonders schlimmen Rassismus bekommen hat. Verliehen wird der Preis vom Studentinnenrat der Universität Leipzig, Referat für Gleichstellung, Lebensweisenpolitik und Tralala. Mit dem Preis soll "die Sichtbarmachung und das Empowerment von marginalisierten Meinungen und Empfindungen gefördert werden, welche im Vergleich zur patriarchal geprägten Mehrheitsgesellschaft ...", also, wer diesen Text ohne Sodbrennen zu Ende lesen kann, dem spendiere ich einen Mohrenkopf. Ich gehe davon aus, dass Sie mit dem Prinzip der Ironie vertraut sind.

Die Vorstellung, dass vermutlich zumeist schwanenweiße Jungs und Mädels in Deutschland einen rabenschwarzen Künstler wegen Rassismus an den Pranger stellen, nur weil dieser schwarze Bengel sich die Frechheit erlaubt, so etwas ihren deutschen Quadratschädel Überforderndes wie Satire und Sarkasmus zum Einsatz zu bringen, hat etwas Gespenstisches, oder? Das Cover kann man missglückt finden, wer es rassistisch findet, hat vor allem ein Bildungsproblem. Man muss alles im Kontext sehen, habt ihr denn in der Schule nicht eine Minute aufgepasst, ihr Leipziger Gendergenies? Als Nächstes könnt ihr euren Preis posthum dem Dramatiker Arthur Miller geben, Hexenjagd ist ja wohl eindeutig ein frauenfeindlicher und sexistischer Titel. Geht bloß nie in einen Tarantino-Film, diese Filme sind so vieldeutig, da fliegt euch die patriarchal geprägte Schädeldecke weg.

Dann habe ich mich beruhigt und bitte die Leipziger Gleichstellungsprinzessinnen auch um Entschuldigung für meine Grobheit. Die sind auch Opfer. An den Schulen wird ja nichts mehr gelernt. Um in Deutsch das Abi zu bestehen, reicht es wahrscheinlich, die Zeichentrickfiguren Wum und Wendelin unterscheiden und einen der beiden Namen richtig schreiben zu können. Solche Studenten sind das Ergebnis. Apropos Neger: Aus den Kinderbüchern von Otfried Preußler ist nicht nur das Wort "Neger" vom Verlag gestrichen worden, sondern auch, was weniger bekannt ist, das Wort "wichsen". Bei Preußler heißt Schuheputzen "wichsen". Da könnten die Kinder vielleicht auf die Idee kommen, der Schuh besitze einen, zumindest marginalisierten, Penis. Und der Räuber Hotzenplotz masturbiere seinen Schuh, gemeinsam mit der kleinen Hexe. Wenn die Kinder nicht mehr lernen, dass Texte je nach Kontext und Entstehungszeit verschiedene Bedeutungen haben können, bleibt am Ende als Arbeitsplatz natürlich nur das Leipziger Referat für Gleichstellung.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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wenn eine Gruppe, die nur aus weißen Feministinnen besteht, einen schwarzen Künstler des Rassismus bezichtigt, weil er genau dieses Thema in seinem satirischen Buch aufgreift. Wenn man einem schwarzen Künstler nicht einmal mehr zubilligt, dass er seine eigene Erfahrungen humoristisch verarbeitet, wenn ihm die eigene Hautfarbe im Wege steht, dann ist dies eine Form des Rassismus. Da hilft es auch nichts zu sagen, dass weder Weißhäutige noch Schwarzhäutige das Wort Neger verwenden dürfen, um nicht als rassistisch abgestempelt zu werden. Wer schwarz ist hat einen anderen Bezug zu dem Wort "Neger" als ein "Weißer". Das versteht die Kaffeerunde weißer Feministinnen wohl nicht. Sie tun nichts anderes, was "Weiße" seit Jahrhunderten getan haben: sie nehmen sich das Recht heraus, den Diskurs zu bestimmen, den Nicht-Weißhäutige über sich selbst haben dürfen. Sie wollen bestimmen, ob und wie ein Schwarzer über sich selbst lachen kann und wie er sein Schwarzsein in den öffentlichen Diskurs einbringt. Dieser Preis und diejenigen, die ihn vergeben, sind selbst ein Witz.

Jetzt aber mal halblang, Herr Martenstein.

Mag sein, dass die Vergabe des Negativpreises fehl am Platz ist, auch wenn ich die Ablehnung gegenüber der (wenn auch ironischen) Verwendung von Klischees zum Teil nachvollziehen kann. Soll ja Menschen geben, die das dann als Entschuldigung benutzen ("Aber der und der hat das doch selbst von denen gesagt.").

Dennoch, bei allem Frust den Sie hier vielleicht abbauen mussten: das ist kein Grund, so herablassend zu werden. "Gleichstellung, Lebensweisenpolitik und Tralala". Respektloser geht es nicht. Als wären die Themen einfach nur eine Modeerscheinung ohne Daseinsberechtigung. Da würden Ihnen Heerscharen von Menschen widersprechen.

Dazu kommt, dass Sie den Mitgliedern dieses Referates kollektive Dummheit unterstellen,noch dazu mit der "Dulli-Abitur"-Begründung und rassistische Verallgemeinerungen vornehmen.
Ich kann Sie beruhigen, im letzten Deutschabitur des Landes Sachsen (einfach mal als Beispiel, Leipzig usw.) waren unter anderem Shakespeare und Kafka Thema.

Tut mir leid. Solche Texte kann ich nicht nachvollziehen.

Epamainondas
#3.1  —  18. Juli 2014, 17:28 Uhr

@llerwerteste verrückte Kreatur,

wenn hier etwas respektlos, um nicht zu sagen ungeheuerlich ist, dann ist es eine Vokalbel wie "Lebensweisenpolitik". Welche Befürworterinnen übelster totalitärer Tyrannei denken sich eigentlich solche Perversioenen aus, wie einen Staat, der die Lebensweise seiner Bewohner zum Gegenstand der Politik macht und ihnen vorschreibt, wie sie zu leben haben?

Dergleichen kenne ich vor allem von übelsten totalitären Zwangsstaaten, wie etwa von radikalen islamistischen Fanatikern beherrschte "Gottesstaaten", in denen die Politik die Lebensweise der Bewohner bis ins intimste Detail regelt - mit übelsten Folgen für diejenigen, deren Lebensweise von der staatlich vorgegebenen abweicht.

Wer einer staatlichen Reglementierung der Lebensweise der Bürger das Wort redet, sollte allenfalls insoweit "respektiert" werden, als dass man ihn als ernste Bedrohung der Freiheit ansieht, die mit allen - ausnahmslos allen! - Mitteln bekämpft werden muss.