Harald Martenstein: Über Feminismuskritik und die schönsten Schmähgedichte

Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 30/2014

Ich schreibe jetzt was Feminismuskritisches. Warum? Jedes Mal, wenn ich, selten genug, etwas Feminismuskritisches schreibe, kriege ich von einer Leserin ein Schmähgedicht geschickt. Ich nenne sie Lucifera, nach einer italienischen Comic-Heldin, einer starken Frau. Es ist immer dasselbe Gedicht. Es geht so: "Die Milch wird sauer, das Bier wird schal, / über Frauen schreibt Herr Martenstahl."

Liebe Lucifera, mit diesem Gedicht bedienen Sie schlimme Vorurteile über die Qualität feministischer Lyrik, ist Ihnen das klar? Das Schmähgedicht ist ja eine traditionsreiche und durchaus honorige literarische Gattung. Das älteste bekannte Schmähgedicht war dem babylonischen König Nabonid gewidmet, 539 vor Christus. Darin wird dem König vorgeworfen, dass er die herrschenden Kulte vernachlässige – im Grunde das Gleiche, was Sie mir vorwerfen, oder?

Lesen Sie Heinrich Heine. Der hat viele Schmähgedichte verfasst, sogar über das liebenswerte Volk der Schwaben: "Ein jedes Volk hat seine Größe; / in Schwaben kocht man die besten Klöße." So müssen Sie das auch machen, eine überraschende Pointe, weit hergeholt, aber eben nicht zu weit. Mit "Spätzle" wäre das Gedicht platt, verstehen Sie? Heine hat übrigens auch sehr schöne sexistische Gedichte geschrieben. "Der Domherr öffnet den Mund weit: / Die Liebe sei nicht zu roh, / Sie schadet sonst der Gesundheit. / Das Fräulein lispelt: Wieso?"

Robert Gernhardt ist der Größte, klar. Allein schon die rassistischen Gedichte von Gernhardt sind ein Genuss, Lucifera. "Paulus schrieb den Irokesen: / Euch schreib ich nichts, lernt erst mal lesen." Oder: "Dich will ich loben, Häßliches. Du hast so was Verläßliches."

Die Schmähung, die sich als Lob verkleidet, ist natürlich die hohe Schule der Bosheit. So etwas Ausgekochtes möchte ich von einer empfindsamen und zarten Person wie Ihnen nicht verlangen. Ein bisschen gröber als Gernhardt, aber hochaktuell und zahlreich sind die Schmähgedichte von Thomas Gsella, hier über die Flughafenmetropole Berlin: "Zu blöd zum Brötchenholen / Wer Hauptstadt der Versager sagt / der meint Berlin (bei Polen)". Man sollte wissen, dass es in Berlin einen Club der polnischen Versager gibt, der sich durch Selbstironie auszeichnet, eine der schönsten menschlichen Eigenschaften. Die Formulierung "zu blöd" finde ich allerdings zu direkt, die perfekte Schmähung kommt eher durch die Hintertür.

Jetzt die Feminismuskritik. Die Genderfrauen sagen, dass es "Männer" und "Frauen" in Wirklichkeit gar nicht gebe, dies seien nur gesellschaftliche Konstrukte. Tatsächlich sind die Grenzen zwischen den Geschlechtern fließend, es gibt organisch, sozial und psychisch die verschiedensten Zwischenformen. Das ist bei Cola und Limo genauso. Du kannst Cola und Limo in jedem gewünschten Verhältnis zu Spezi mischen. Wenn nun einer käme und behauptete, aus der Existenz von Spezi gehe hervor, dass Cola und Limo ein gesellschaftliches Konstrukt seien und gar nicht existierten, dann würde jeder sofort merken, dass diese Person ein Rad abhat. Noch irrer wäre die Behauptung: "Wer darauf beharrt, dass es Cola gibt, der diskriminiert Spezi."

Liebe Lucifera, ich bitte Sie um ein besseres Gedicht. Kommen Sie, geben Sie sich Mühe. Wenn Sie mögen, veröffentliche ich es unter Ihrem Klarnamen, okay? Zur Einstimmung noch ein sexistisches Gedicht von Robert Gernhardt, speziell für Sie: "Hallo, süße Kleine, / komm mit mir ins Reine! / Hier im Reinen ist es schön, / viel schöner, als im Schmutz zu stehn. / Hier gibt es lauter reine Sachen, / die können wir jetzt schmutzig machen."

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

33 Kommentare Seite 4 von 7 Kommentieren

Dabei löst sich das Sozial-Konstrukt-Gender-Diskriminierungs-Gleichbehandlungs-Quoten-Besetzungs-Problem doch ganz einfach von selbst: Da "Geschlecht" ja bloß ein "soziales Konstrukt" ist, kreuzen einfach alle (biologisch) männlichen Bewerber hinkünftig einfach "weiblich" an - und werden ruck-zuck bevorzugt eingestellt. Und wir haben in Null-Komma-Nichts sämtliche Frauenquoten erreicht und übertroffen.

Oder, wie Wilhelm Busch es formulierte:

"Gott sei Dank! Nun ist's vorbei
mit der Übelgenderei!"

Sehr geehrter Herr Martenstein, leider muss ich gestehen von Ihnen noch nicht bewusst etwas Feminismuskritisches gelesen zu haben, deshalb muss ich jetzt ins Blaue schreiben. Da ich aber die Modeerscheinung der Feminismuskritik nicht sonderlich mag, springe ich der Dame Lucifera mal bei, fuer alle Faelle. Sie moegen die Qualitaet entschuldigen, da ich nur 5 Minuten Zeit hatte, waehrend ich Nutellabrote geschmiert habe. Das Apostroph fehlt ebenfalls, da auf meiner Tastatur abwesend. Also los...Der Martenstein vom starken Gschlecht/der kennt die braven Frauen recht/Ach gaebs nicht die martensteinsche Lehr/die Damen kennten sich selbst nicht mehr. Passt das so? Sonst streng ich mich nochmal an.